NACHRICHTEN
KRITIK: She Loves Me, Landor Theatre ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
Share
Joshua LeClair und Ian Dring in She Loves Me. Foto: Darren Bell Photography. She Loves Me
Landor Theatre
8. Februar 2015
4 Sterne
Zu den großen Freuden, die das Theater bereithält, gehört die Chance, Darstellerinnen und Darsteller dabei zu erleben, wie sie Figuren oder vertrauten Szenen neues, belebendes Leben einhauchen – und wirklich überrascht zu werden von einer Inszenierung eines Stücks, das man gut zu kennen meint, ist ebenso aufregend wie die Durchbruchsvorstellung eines Stars oder die erste Spielserie eines Abends, der später zum Klassiker oder gar zum Genre-Maßstab wird. Wenn eine Schauspielerin oder ein Schauspieler eine Nebenrolle beim Kragen packt und eine perfekt austarierte, transformierende Interpretation liefert – eine, an der sich spätere Besetzungen messen lassen müssen –, dann reicht „aufregend“ als Begriff eigentlich nicht aus. Wenn das dann auch noch nicht im West End oder am Broadway passiert, sondern in einem bescheidenen Fringe-Haus, ist es umso bemerkenswerter.
Im Landor Theatre ist derzeit Robert McWhirs heitere und innovative Wiederbelebung von She Loves Me zu sehen (Musik: Jerry Bock, Liedtexte: Sheldon Harnick, Buch: Joe Masteroff) – ein hinreißendes Kammermusical, das 1963 am Broadway uraufgeführt wurde und zuletzt 1994 professionell im West End wiederaufgenommen wurde. McWhir kennt die Grenzen des Landor in- und auswendig und versteht sich besonders darauf, das Beste aus genau diesen Gegebenheiten zu machen. Diese Produktion von She Loves Me zeigt sein Gespür und seine Fähigkeit klar und sicher: Die Einschränkungen unterstützen den Abend, statt ihm im Weg zu stehen.
Der begabte David Shields liefert ein entzückendes, charmantes Bühnenbild, das ebenso wandlungsfähig und vielseitig wie absolut passend ist. Das Hauptsetting, Maraczeks Parfümerie, ist genau, wie es sein soll: hübsch, altmodisch und leicht exotisch. Durch den cleveren Einsatz von Vorhängen verwandelt sich der Raum in das Café, in dem sich Liebende heimlich treffen, und in das Krankenhaus, in dem sich der betagte Mr Maraczek nach einem Zwischenfall mit einer Waffe erholt. Auch Shields’ Kostüme sitzen punktgenau und fangen mühelos den Spaß und die pedantische Eleganz der Dreißiger ein.
Die musikalische Leitung von Iain Vince-Gatt ist ausgezeichnet: Er steuert das musikalische Geschehen vom Keyboard aus, unterstützt von zwei hervorragenden Streicher:innen. Robbie O’Reilly choreografiert klug und mit Verve – die Ensemble-Nummer im Café ist besonders lebendig und vergnüglich.
She Loves Me ist eine köstliche Konfektion; eine süße Geschichte über Liebe und Missverständnisse zwischen Parfümflakons und Gesichtscremes in einer kleinen, familiengeführten Parfümerie. Amalia und Georg schreiben sich schon seit einiger Zeit Liebesbriefe, ohne zu wissen, dass sie einander schreiben. Sie hat seine Anzeige in den Kontaktanzeigen der Zeitung gelesen – daher die Korrespondenz. Im Laden arbeiten sie zusammen und kommen bei der Arbeit nicht miteinander aus. Dann kommt der Moment, in dem die Briefschreiber beschließen, sich zu treffen – doch natürlich läuft nicht alles nach Plan. Auf dem Weg zu Erkenntnis und Erfüllung entfalten sich die verflochtenen Geschichten von Mr Maraczek und seiner untreuen Frau, die Intrigen des promiskuitiven und verräterischen Kodaly, die Nöte der lebenslustigen Ilona mit dem Herz aus Gold, die sich einfach nur wünscht, dass jemand sie liebt, die Ängste von Ladislav, dem Angestellten, der nicht entlassen werden will, und die Hoffnungen von Arpad, dem Lieferjungen, der ernst genommen werden möchte. Wenn Ihnen das vage bekannt vorkommt, liegt das daran, dass die Geschichte die Vorlage für den James-Stewart-Film The Shop Around the Corner sowie für den Meg-Ryan/Tom-Hanks-Film You’ve Got Mail war. She Loves Me ist besser als beide – nicht zuletzt, weil die Musik ansteckend und vergnüglich ist, die Texte scharf und clever, und die Geschichte auf betörende, mitreißende Weise erzählt wird. Die herausragende Leistung kommt hier von Joshua LeClair, dessen Arpad sprüht, energiegeladen ist und durchweg völlig überzeugend bleibt. Alles, was LeClair tut, ist fein austariert, makellos durchdacht, voller Herz und schimmert vor Talent. Jedes Mal, wenn er eine Szene betritt, hebt er das Geschehen an. Seine Stimme ist klar und süß, sein Spiel ehrlich und perfekt passend zur Intimität des Raums. Seine Beziehung zu Ian Drings Mr Maraczek ist wunderschön gezeichnet, und er eröffnet den zweiten Akt mit einer ausgezeichneten Interpretation von Try Me.
Ohne jemals die Aufmerksamkeit an sich zu reißen oder sich in den Vordergrund zu spielen, formt LeClair Arpad zu einem der Grundpfeiler des Erfolgs dieser Wiederaufnahme. Es ist in jeder Hinsicht eine gewinnende, triumphale Leistung – und LeClair ist ganz sicher ein Talent, das man im Auge behalten sollte.
Auch Dring leistet sehr feine Arbeit. Sein Maraczek ist großartig: der perfekte griesgrämige alte Mann, der seinen Laden auf seine Art geführt wissen will und seine treue Belegschaft doch heimlich liebt und bewundert. Seine Szenen mit LeClair sind exzellent, ebenso die mit Charlotte Jaconellis Amalia und John Sandbergs Georg. Besonders gelungen ist seine Entschuldigung bei Georg.
McWhir hat mit Dring eine inspirierte Idee und lässt ihn zusätzlich den Oberkellner im Café spielen – eine Entscheidung, die Dring erlaubt, sich auszutoben (na gut: wenigstens eine alberne Perücke aufzusetzen) und als flamboyante, extrovertierte, geschniegelt-nörgelige Türsteherin einen Heidenspaß zu haben. Dring nutzt die Chance mit beiden Händen und holt jede Unze höchster Albernheit aus der Gelegenheit heraus: Sein schnippischer Maître d’ ist sehr, sehr komisch. Die Doppelbesetzung zeigt Drings Bandbreite als Darsteller und unterstreicht zugleich die Melancholie in Mr Maraczeks Weg. Großartig.
Als schmieriger, doppelzüngiger Kodaly – der Schwerenöter mit dem blendenden Aussehen – müsste Matthew Wellman sich noch etwas mehr entspannen, ist aber insgesamt beeindruckend. Er hat eine gute Stimme, die er klug einsetzt, und die passende Bühnenpräsenz. Eitelkeit spielt er hervorragend. Als eines von Wellmans Objekten der Zuneigung ist Emily Lynnes Ilona schrullig und liebenswert. Sie hat eine angenehme Stimme, doch Stütze und Projektion brauchen Arbeit; selbst im kleinen Raum des Landor war sie häufig kaum zu hören, besonders in A Trip To The Library – und das lag nicht an einer unpassenden Balance zwischen Sängerin und Orchesterbegleitung. Lynne wirkte im Dialog sicherer und zeigte ausgezeichneten komischen Instinkt. David Herzog als (sehr komischer) Angestellter Ladislav, der fürchtet, entlassen zu werden, ist eine wunderbare Gratwanderung auf Eierschalen. Stets aufmerksam am Rand der Hauptaktion macht Herzog Ladislav trocken, beobachtend – Freund und Ratgeber zwischen den Parfümflaschen. Sein Timing ist präzise, und er singt gut. Perspective ist ein Genuss. Die Rolle der Amalia ist ein Geschenk: herrliche Songs wie Dear Friend und Vanilla Ice Cream; sanfter Humor und ein bisschen „Kriegen sie sich oder nicht?“-Romantik. Eine Traumrolle für einen guten Sopran. Charlotte Jaconelli ist zweifellos eine gute Sopranistin – mit einer reichen, sicheren Stimme. Stellenweise war Jaconelli in ihrer Herangehensweise an die Partitur etwas zu klassisch (das ist Bock, nicht Beethoven), doch meist – und besonders in Vanilla Ice Cream – war sie eine reine Freude. Ihr Spiel war noch etwas vorsichtig, aber aufrichtig, und ihre Amalia eine rund gezeichnete Figur. Mit einem etwas entspannteren, offeneren Zugriff wird Jaconelli glänzen.
John Sandberg setzt alles daran, Georg zum Funktionieren zu bringen. Georg ist die zentrale Rolle des Stücks: der Gute, der hart arbeitet und hoffnungslos romantisch ist. Sandberg müsste seiner Darstellung mehr Energie geben und sich in der Rolle insgesamt wohler fühlen. Für die Partitur hat er nicht die ganz passende Stimmfarbe, doch gesanglich kommt er mehr als gut durch. Er ist sympathisch und angenehm rehäugig, aber ein wenig zu verkrampft.
Jaconelli und Sandberg müssen in She Loves Me einen schwierigen Balanceakt schaffen: Beide müssen vollkommen in den unsichtbaren Adressaten ihrer Briefe verliebt sein und gleichzeitig – trotz sich selbst – in einen Menschen, mit dem sie arbeiten und über den sie sich gar nicht sicher sind. Hier haben beide keinerlei Probleme mit der Befangenheit und der beiläufigen Gereiztheit im Parfümladen, aber beide müssen stärker daran arbeiten, jene Leichtigkeit und Anziehung zu entwickeln, die vorhanden sein muss, damit ihre Romanze echt und glaubwürdig wirkt. Beide sind etwas zu angstbesetzt; ihr Tempo etwas zu langsam. Mehr bebende Vorfreude – und jener Schmerz, den verzweifelt gewünschtes Vergnügen mit sich bringen kann – wäre von beiden nötig. Wenn sie das treffen, werden sie sicher im Gleichklang sein und das Stück noch stärker aufblühen.
Das Ensemble arbeitet hart und liefert ausgezeichnete vokale Unterstützung; Annie Horn und Tom Whalley stechen dabei hervor.
Das ist eine frische, warme und lebendige Wiederaufnahme einer cleveren, sanften und intimen Musicalkomödie. McWhir hat die Intimität des Landor-Raums mit der Intimität des Stücks in Einklang gebracht, und Vince-Gatt sorgt dafür, dass die Partitur nicht leidet, sondern funkelt. Ehrlich guter Spaß.
She Loves Me läuft im Landor Theatre bis zum 7. März 2015.
Erhalten Sie das Beste des britischen Theaters direkt in Ihr Postfach
Seien Sie die Ersten, die sich die besten Tickets, exklusive Angebote und die neuesten Nachrichten aus dem West End sichern.
Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutzrichtlinie