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KRITIK: Stevie, Hampstead Theatre ✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
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Stevie
Hampstead Theatre
17. März 2015
3 Sterne
An Stevie, Hugh Whitemores Stück aus dem Jahr 1977 über die Dichterin Stevie Smith, das nach der Wiederaufnahme beim Chichester Festival Theatre in der letzten Spielzeit nun im Hampstead Theatre in London zu sehen ist, sind zwei Dinge wirklich bemerkenswert. Christopher Morahans wunderbar fein austarierte Inszenierung liefert noch ein drittes.
Das erste ist die Alchemie, mit der Whitemore Lyrik und Prosa so miteinander verwebt, dass daraus eine sanfte, nachdenkliche und kluge Erzählung entsteht. Oft ist es unmöglich zu sagen, wann ein Dialogsatz endet und ein Stück Gedicht beginnt. Zum Teil liegt das an der makellosen Sprechweise. Doch darüber hinaus ist es ein wirkungsvoller Weg, die kleine, häusliche Welt in den bürgerlichen Vororten zu etablieren, in der die Dichterin ihr Vermächtnis schrieb.
Das Stück handelt zugleich von der Dichterin und von der Dichtung. Indem Whitemore zeigt, was für ein Mensch Stevie war und wie sie lebte und schrieb, schafft er einen Kontext, der dieses Schreiben erhellt; indem er wiederum einige der Gedichte selbst nutzt, um genau das zu erreichen, entsteht ein Effekt, der sowohl das grosse Ganze als auch das Detail erfassbar macht – ein Gefühl von Perspektive, wehmütig und zugleich aufschlussreich. Die nüchterne, sachliche Art, in der die meisten Gedichte vorgetragen werden, vollendet das Ganze: Weit davon entfernt, eine archaische, specialistische und hochtrabende Kunstform zu sein, ist Poesie überall möglich – und für alle.
Das zweite Bemerkenswerte ist der Bravourcharakter der Rolle der Stevie. Es ist nicht Hamlet oder Medea, aber es ist eine gewaltige Partie, voller Monologe, und sie verlangt ihrem Star enorm viel ab. Es ist eine leise, introvertierte Rolle: keine Morde, keine Vergewaltigungen, keine Blendungen, keine Rachepläne. Tatsächlich gibt es kaum einen Streit, keinen Moment, in dem glühende Wut als Demonstration von Diva-Können entfesselt werden könnte. Nein. Die Rolle ist bedacht, kontemplativ, angefüllt mit den Kleinigkeiten eines gewöhnlichen Lebens; die Art von Stück, in dem der Schock von Akt zwei darin besteht, entweder von einem missglückten Suizid lange nach dem Ereignis zu hören – oder sich zu fragen, welche Überraschungsleckerei Tante Lion bekommt, wenn sie ihren Schinkensalat isst. (Der Junket gewinnt!)
Bemerkenswert daran ist auch, wie selten eine solche Art des Schreibens heute geworden ist. Gegenwartsdramatik ist besessen von Themen, fatalen Konsequenzen und grossen Ideen: Stoffe, die vor Bedeutung bersten, sind die Tagesordnung. „Biografie“-Stücke sind im 21. Jahrhundert selten so häuslich, doch genau darin liegt die grosse Stärke von Whitemores Stück – in seiner unerbittlichen Alltäglichkeit, aus der eine grosse Schauspielerin ihr Können entfalten kann und das Werk einer grossen Dichterin neu entdeckt wird. Aus sanfter Normalität tritt Grösse hervor.
Morahans Inszenierung schenkt Stevie ein drittes bemerkenswertes Element: Simon Higletts perfekte Ausstattung. In jeder Hinsicht grossartig – von den punktgenauen Kostümen über den Getränkewagen bis hin zum Gefühl der grünen Vorstadtumgebung des sehr sixtieshaften Hauses, das Stevie mit ihrer alternden Tante Lion teilt – verankert das Design das Stück mühelos in der richtigen Zeit und am richtigen Ort und lädt zugleich zu Nostalgie und einem heimlichen Einverständnis ein. Jede*r hat in so einem Haus gelebt oder jemanden gekannt, der in einem solchen Haus lebte. Es ist warm, freundlich, normal.
Und es ist noch etwas anderes. Es ist eine poetische Darstellung des Hauses, keine realistische. Nicht alle notwendigen Wände sind da; man braucht Vorstellungskraft, um die Trennung zwischen Flur und Wohnzimmer zu erzeugen. Doch das ist nicht die einzige künstlerische Freiheit, auf die Higlett setzt. Auf einer Seite der Bühne wirkt es, als hätten die Rohrkolben (vor langer Zeit gepflückt und in einer Vase auf dem Klavier arrangiert) plötzlich Auftrieb bekommen, sich an der Wand entlang ausgebreitet und mit der Aussenwelt verschmolzen – zunächst sieht es wie Tapete aus, ist es aber nicht. Es ist eine wunderschöne Beschwörung davon, wie das Gewöhnliche abhebt und alles einnimmt. Als Hintergrund für diese Geschichte einer gewöhnlichen Vorstadtdichterin funktioniert das spektakulär gut.
In der Titelrolle ist Zoe Wanamaker in Bestform. Leicht gebeugt, die Füsse dauerhaft in einer unbeholfenen Stellung, in schlichten, an der Grenze zum Unmodischen liegenden Kleidern verwandelt sie sich mit vollendeter Kunst in die kleine, vogelartige Dichterin. Sie ist vollkommen glaubhaft als eine Frau, die in der Welt fehl am Platz ist, sich aber in den Grenzen ihres Zuhauses ganz zu Hause fühlt. Wanamaker hat hier etwas dauerhaft Wehmütiges – und das trotz Zigarettensucht, ihrer spitzen, leicht scharfzüngigen Art zu sprechen und ihrer pingeligen Eigenheiten. An ihrer bedachten, völlig präsenten Darstellung gibt es nichts auszusetzen.
Wanamaker liefert eine Meisterklasse in jener verlorenen Kunst – dem Gedichtvortrag. Sie geht den poetischen Text mit Inbrunst und Leidenschaft an; selbst wenn sie die Zeilen wie Körner ausstreut, die man Hühnern hinwirft, steckt hinter dem Vortrag eine klare Schärfe. Sie trifft den Humor ebenso wie die leuchtende Erkenntnis, die jede Verszeile bereithält; ihre Augen glänzen mit einer Intensität, die nur echtes Verstehen hervorbringen kann. Es ist eine Freude, ihr zuzuhören.
Lynda Baron ist wunderbar süss als Tante Lion, die zähe alte Jungfer, die den Haushalt führt, in dem Stevie lebt, und die jene wichtige, selbstverständliche Liebe gibt, die Stevie durch ihre einsamen Jahre trägt. Herrlich knurrig ist sie gegenüber den Steuerbehörden und dazu geneigt, bei der Hausarbeit „alles Unsinn“ herauszuschleudern – während sie den Teekessel aufsetzt oder sich schnell ein kleines Gläschen Sherry gönnt. Es ist eine erfreulich breite, aber zutiefst warme Leistung. Wenn das Alter Tante Lion einholt, zeigt Baron ihre Gebrechlichkeit und ihr Unbehagen darüber, abhängig zu sein, sehr deutlich; diese Szenen zwischen Baron und Wanamaker schmerzen vor Wahrheit und leiser Traurigkeit. Der Moment mit dem Junket ist einer zum Bewahren.
Männer spielten in Stevies Leben kaum mehr als eine Nebenrolle, und einiges davon wird in den drei Figuren zusammengefasst, die Chris Larkin spielt. Besonders gelungen ist seine Darstellung des albernen Mannes, der sie nach einer zaghaften, aber vermutlich ziemlich misslungenen sexuellen Begegnung heiraten will: In der Szene, in der er das Erlebnis sezierend durchsprechen möchte, ist er zum Hautkriechen unbeholfen. Weniger überzeugend ist sein affektiert-schwuler Freund/Chauffeur, der wirkt, als sei er nach dem Vorbild von Maggie Smith im vollen „Perlenklammern“-Modus gebaut – doch das liegt eher an der Szene selbst, die man aus dem Stück streichen könnte, ohne nennenswerten Verlust.
Aber Larkins bester Moment kommt, wenn er Smiths Drowning, Not Waving rezitiert, vielleicht ihr berühmtestes Gedicht. Ein wunderschöner Moment in einem still fesselnden, sanften Stück.
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