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KRITIK: Sweet Charity, Donmar Warehouse ✭✭✭✭✭
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Von
markludmon
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Mark Ludmon rezensiert Josie Rourkes Inszenierung von Sweet Charity, derzeit im Donmar Warehouse in London zu sehen.
Anne Marie Duff und Arthur Darvill in Sweet Charity. Sweet Charity
Donmar Warehouse, London
Fünf Sterne
Dank einer Reihe von Showstoppern und Bob Fosses Choreografie ist Sweet Charity so beliebt wie eh und je – mit neuen Produktionen am Nottingham Playhouse und im Watermill Theatre in Berkshire allein in den vergangenen zwölf Monaten. Im Herzen des Musicals steht zwar die Geschichte „Mädchen trifft Junge“, doch von Neil Simon geschrieben ist das alles andere als eine simple Romcom. Hinter den ansteckenden Beats der Musik liegt die trostlose Welt der Tanzhallen, in denen Frauen als „Taxi-Dancerinnen“ arbeiten – pro Tanz an Männer „vermietet“, manche bieten darüber hinaus auch „außercurriculäre“ Sexarbeit an. Der Lohn ist gering und das Selbstwertgefühl noch geringer; der Wert der Frauen bemisst sich danach, wie viele Männer sie pro Abend anziehen können.
Das Ensemble von Sweet Charity. Foto: Johan Persson
Manche Inszenierungen versuchen, diesem Milieu einen Glanz zu verleihen und es als reines Showbusiness erscheinen zu lassen – doch trotz vieler Lacher bemüht sich Josie Rourkes neue Produktion nicht im Geringsten, den Schmuddel-Faktor herunterzuspielen. Wie ihr Name andeutet, ist Charity Hope Valentine ein leuchtender Hoffnungsschimmer in einer zynischen Welt, mit einem großen Herzen, das nach Liebe verlangt. Nachdem sie von ihrem Liebhaber Charlie im wahrsten Sinne des Wortes abserviert wird, stürzt sie sich wieder in ihr Leben als Taxi-Dancerin – die dienstälteste Hostess im Fandango Ballroom. Ihr anhaltender Versuch, etwas Besseres zu finden, führt sie zur Abendschule; doch noch vor der ersten Unterrichtsstunde landet sie bei einem Date mit dem schüchternen Steuerberater Oscar, der nichts von ihr weiß.
Anne Marie Duff als Charity in Sweet Charity
Mit jugendlicher Vitalität ist Anne-Marie Duff in der Titelrolle unwiderstehlich sympathisch. Charitys mangelndes Selbstwertgefühl ist herzzerreißend – besonders verstörend, wenn wir sehen, wie sie jedem Mann ihren Körper anbietet, der ihr Freundlichkeit zeigt. Sie wächst trotz ihrer Erfahrungen nicht wirklich über sich hinaus und verändert sich kaum; doch was sie zur Heldin macht, ist ihre unglaubliche Fähigkeit, jede Enttäuschung auszuhalten und sich darüber zu erheben – und das grandios, mit einer beneidenswerten, unerschütterlichen Lebensfreude.
Anne Marie Duff (Charity) und Arthur Darvill (Charlie) in Sweet Charity
Rourke hat Fosses Choreografie beiseitegelassen, um mit einer Tanzlegende der Gegenwart zu arbeiten: Wayne McGregor, der Verspieltheit mit einer entsexualisierten Körperlichkeit mischt – besonders in der provokanten Parade der Taxi-Dancerinnen, die einen „Big Spender“ anlocken soll. Robert Jones greift für das silbrige, schimmernde Bühnen- und Kostümbild eine 1960er-Ästhetik auf, inspiriert von den Bildern und dem Warehouse-Stil von Andy Warhols Factory (ähnlich wie Ivo van Hove und Designer Jan Versweyveld in einer weiteren aktuellen Produktion, All About Eve). Mit einem Augenzwinkern zu Bertolt Brechts verfremdenden Theatertechniken arbeitet die Inszenierung mit Schildern und Buchstaben, die Schlüsselmomente wie „Eine große Entscheidung“ ausbuchstabieren, während der See im Central Park clever durch eine riesige Wanne voller silberner Bälle dargestellt wird.
Das Ensemble von Sweet Charity im Donmar Warehouse.
Wie Charitys sprudelnder Optimismus übersteigen Cy Colemans Musik und Dorothy Fields’ Liedtexte – unter der musikalischen Leitung von Gareth Valentine – die Trostlosigkeit mit einer freudigen Energie, die es in den Fingern kribbeln und in den Füßen jucken lässt. Ein absoluter Showstopper ist The Rhythm of Life, mit geschmeidiger Lässigkeit dargeboten von Adrian Lester – einer Reihe von Gastdarstellern, die den Pastor einer alternativen, LSD-befeuerten Kirchengemeinde geben. Hervorragend sind auch die übrigen Leistungen, darunter Arthur Darvill als der komisch-ängstliche Oscar und Martin Marquez als Vittorio Vidal, der einzige Mann, der Charity um ihrer selbst willen schätzt. Rourke und McGregor sorgen zudem dafür, dass jede der Taxi-Dancerinnen eine eigene, prägnante Identität erhält – von Lizzy Connolly als Ex-Knacki Nickie über Debbie Kurup als Helene bis Danielle Steers als Carmen.
Amy Ellen Richardson (Ursula) und Martin Marquez (Vittorio Vidal) in Sweet Charity. Foto: Johan Persson Manche mögen diese Produktion dafür kritisieren, dass ihr der Charme fehle – doch Sweet Charity ist weit mehr als das. In Erinnerung an Sam Mendes’ beklemmende Neuinterpretation von Cabaret am Donmar vor 26 Jahren legt Rourke die düstere, hoffnungslose Tanzhallenwelt vermietbarer Körper schonungslos frei, hält jedoch mit Komik und Pathos dagegen – getragen von Duffs unvergesslicher Darstellung der zerbrechlichen, aber unzerstörbaren Charity.
Zu sehen bis 8. Juni 2019.
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