Seit 1999

Vertraute Nachrichten & Rezensionen

26

Jahre

Das Beste des britischen Theaters

Offizielle Eintrittskarten

Wählen Sie Ihre Plätze

Seit 1999

Vertraute Nachrichten & Rezensionen

26

Jahre

Das Beste des britischen Theaters

Offizielle Eintrittskarten

Wählen Sie Ihre Plätze

  • Seit 1999

    Vertrauenswürdige Nachrichten & Rezensionen

  • 26

    Jahre

    Das Beste des britischen Theaters

  • Offizielle Eintrittskarten

  • Wählen Sie Ihre Plätze

KRITIK: Die Abenteuer von Pinocchio, Greenwich Theater ✭✭✭✭✭

Veröffentlicht am

Von

stephencollins

Teilen

Die Abenteuer des Pinocchio

Greenwich Theatre

8. August 2015

5 Sterne

Man vergisst leicht, wie düster und unerquicklich die Geschichte von Pinocchio eigentlich ist. Es ist eine richtig gruselige Erzählung und weniger ein Märchen – auch wenn eine Fee vorkommt. Kleine Köpfe geniessen den Nervenkitzel eines guten Schrecks. Solche Köpfe für dunkle Wahrheiten und ehrliche Realitäten zu öffnen, ist genauso wichtig wie Manieren beizubringen und dass alle Menschen gleich behandelt werden sollten.

Theater kann die Fantasie aufschliessen – oder vielmehr dafür sorgen, dass sie aufgeschlossen bleibt. Theater, das darauf angelegt ist, junge Köpfe zu unterhalten und zu fesseln, ist unverzichtbar. Der Horizont erweitert sich, Ängste werden überwunden, Verständnis entsteht. Heutzutage wird Spektakel oft an die Stelle der schlichten Freuden des „Theaterspielens“ gesetzt; riesige, beeindruckende Bühnenbilder, Kostüme und Spezialeffekte scheinen vielen Produzent*innen wichtiger zu sein, als die Vorstellungskraft eines Kindes anzuregen, seine Seele zu berühren oder die Gedanken auf einem Mondstrahl davonfliegen zu lassen. Mehr ist nie genug, und Weniger wird selten als Mehr verstanden.

Zum Glück ist Spektakel nicht der Gott, dem diese Produktion von The Adventures Of Pinocchio huldigt, die derzeit im Greenwich Theatre zu sehen ist. Das heisst nicht, dass hier völlig auf Schauwerte verzichtet würde – ganz und gar nicht –, aber das Spektakel entsteht aus einer Mischung aus dem Bühnengeschehen und der Fantasie des Publikums. Wenn man sich darauf einlässt, nimmt einen die Inszenierung mit auf eine wilde, lohnende Reise, auf der Nichts zu Etwas werden kann, Füchse, Katzen und Grillen sprechen, ein und dasselbe Gesicht zu verschiedenen Figuren gehört, Verrat hinter der nächsten Ecke lauert und die Magie und Kraft von Liebe und Loyalität den Tag retten können.

Regisseurin Bronagh Lagan sorgt dafür, dass Schlichtheit und Ehrlichkeit die Inszenierung prägen. Das fünfköpfige Ensemble arbeitet unermüdlich daran, das junge Publikum, für das dieses Stück entwickelt wurde, zu packen und zu begeistern. Gemessen an der konzentrierten Aufmerksamkeit und den aufgeregten Lächeln in den Gesichtern der Kinder im Saal haben Lagan und ihr Ensemble die Balance punktgenau getroffen. Nicht nur von der Geschichte, sondern auch von der Art, wie sie erzählt wird, völlig in den Bann gezogen, hörten die Kleinen gebannt und still zu und staunten darüber, wie einfallsreich und unmittelbar Live-Theater für sie sein kann. Man hat keinen Zweifel, dass einige Kinder dort so etwas noch nie gesehen hatten – aber es gefiel ihnen, sie könnten es zu Hause beim Spielen nachmachen, und sie würden gerne wiederkommen.

Pinocchio ist natürlich eine Puppe. Eine Holzpuppe – und vielleicht die berühmteste, die die Welt je gekannt hat. Daher passt es, dass die Produktion mit einem Schattenspiel beginnt, in dem die wichtigsten Figuren vorgestellt und die Vorgeschichte von Gepettos Einsamkeit erzählt wird. Das ist wunderschön, aber ohne Beschönigung gemacht. Das traurige Schicksal von Gepettos Frau wird direkt erklärt: Die Kinder merken sofort, dass das hier nicht nur Lacher und Spass sein werden. Das Interesse ist geweckt.

Puppenspiel im weitesten Sinne wird in der gesamten Produktion auf unterschiedliche Weise eingesetzt und bildet so einen klaren Faden durch das Abenteuer. Es wird zur Metapher für Manipulation – und liefert damit reichlich Stoff für die Erwachsenen im Publikum. Das gilt besonders im Abschnitt Terra Di Ragazzi, wenn für Pinocchio und Lampwick alles furchtbar schiefgeht.

Verschiedene Figuren werden durch kleine Kostüm-Ergänzungen und präzises Rollenspiel angedeutet. Die Schlichtheit dieses Ansatzes zahlt sich aus – das Zielpublikum ist aufmerksam für die feinen Veränderungen, erkennt die unterschiedlichen Figuren und folgt dem Geschehen mühelos. Hoffentlich tun das die begleitenden Erwachsenen auch.

Das Buch ist direkt, spielerisch und voller Einsicht. Die Figuren werden scharf und schnell konturiert. Autor Brian Hill und Komponist/Texter Neil Bartram sind ein versiertes Team; ihr Musical The Story Of My Life (2009) feierte international Erfolge. Die Partitur ist witzig und eingängig, mit vielen herausragenden Nummern. Man spürt in der Komposition den Einfluss von Sondheim und Rodgers – und das ist durch und durch positiv. Titel wie „What Will You Be?“, „Money Grows On Trees“, „Terra Di Ragazzi“ und „Being Real“ sind grossartig, mit glücklichen Melodiebögen und mitreissender Begleitung. Sie pulsieren vor Vergnügen.

Musical Director Freddie Tapner hat erstklassige Arbeit geleistet. Gesang und Spiel sind auf höchstem Niveau, und die Balance ist fein austariert. Man versteht nahezu jedes gesungene Wort – besonders wichtig für kleine Ohren. Die kleine Band liefert eine grossartige, fokussierte Begleitung voller Lebendigkeit und fordert einen (fast) heraus, nicht mitzuwippen oder mitzutanzen.

Auch das Ensemble ist erstklassig.

Christian James ist ein wunderbarer Pinocchio. Er trifft vollkommen das Anderssein und die Abgesondertheit der Figur (lebendes Holz zu sein) ebenso wie den Entdeckerdrang eines Neulings und den Trotz eines Kindes. Die Szene, in der er das Lügen kennenlernt und seine Nase wächst, ist wirklich bezaubernd – ebenso wie die Art, wie er sein zusätzliches Wachstum kurz vor Gepettos Rückkehr rasch wieder abschneidet.

Seine grossäugige, arglose Reise durch die Welt, sein rudimentäres Verständnis von Handel und Abzockern, seine Bereitschaft zu vertrauen – all diese Eigenschaften werden scharf herausgearbeitet, als Pinocchios Abenteuer beginnen: Er widersetzt sich Gepetto und geht lieber in den Zirkus als in die Schule. James vermittelt das meisterhaft und zeigt zugleich Pinocchios wachsendes Verständnis für die Welt und die Konsequenzen der harten Lektionen, die er lernt.

Genauso hat er sichtlich viel Spass an der Rolle – mal sanft, mal überschäumend. Er verfügt über eine grossartige, kräftige Tenorstimme und weiss sie wirkungsvoll einzusetzen. Bartrams Partitur gibt er vollen Wert. „Being Real“ ist dabei ein besonderes Vergnügen. Tanzen kann er ebenfalls und erledigt Grant Murphys fröhliche Choreografie leichtfüssig und präzise.

Martin Neely ist als Gepetto stimmlich hervorragend und bringt Wärme und Gewicht in die Vaterrolle. Mal sanft, dann wieder ängstlich (um Pinocchio) verkörpert Neely den besorgten jungen Vater. Seine unverhohlene Freude, als er schliesslich wieder mit dem ausgerissenen Pinocchio vereint ist, wird schön und berührend vermittelt. Rachel Louise Miller als Fee und Erzählerin liefert die weibliche Elternfigur und ist durchweg souverän und liebenswert. Sie singt mit jener besonderen Strahlkraft, die Feen brauchen; jeder Ton ist klar und glockenhell.

Miller spielt zudem Annette und den Kutscher – zwei von vielen Figuren, denen Pinocchio auf seinen Reisen begegnet. Sie gestaltet all ihre Rollen mit Profil und Unterschiedlichkeit, ebenso wie Ceris Hine, zu deren Rollen die sprechende Katze, der Puppenmeister und Mary gehören. Besonders gefallen hat mir die wilde Energie ihrer Katze und die polternde Selbstgewissheit, mit der sie den gefrässigen Puppenmeister zeichnet.

Hines Partnerin im Schabernack – in ihrer Katzen-Persona – ist der sprechende Fuchs, der von James Charlton mit Energie und Glanz gespielt wird. Mit gutem Aussehen, dem Gespür eines Entertainers, einer feinen, strahlenden Tenorstimme mit herrlich freien Höhen und einem Talent fürs Lächeln und Tanzen ist Charlton die perfekte Besetzung sowohl für den Fuchs als auch für Lampwick, seine andere grosse Rolle. Ausserdem belebt er eine puppenspielerische Anspielung auf Jiminy Cricket – eine schöne Idee. Charlton hat ausgezeichneten Draht zum Publikum und ein klares, entspanntes Spiel mit seinen Kolleg*innen. Er elektrisiert jede Szene, in der er steht, und die beiden Nummern, in denen er im Mittelpunkt steht, sind echte Showstopper.

Lagan hat eine hervorragende Produktion eines interessanten, fesselnden Musicals geleitet, das einen frischen – und wohltuend altmodischen – Zugang zur Unterhaltung und Anregung (besonders) junger Köpfe bietet. Man geht hinaus und möchte – verzweifelt – junge Menschen zu noch viel mehr Theater wie diesem mitnehmen können.

Fotos: Claire Billyard

The Advenures Of Pinocchio läuft im Greenwich Theatre bis zum 23. August 2015

Diesen Artikel teilen:

Erhalten Sie das Beste des britischen Theaters direkt in Ihr Postfach

Seien Sie die Ersten, die sich die besten Tickets, exklusive Angebote und die neuesten Nachrichten aus dem West End sichern.

Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutzrichtlinie

FOLGEN SIE UNS