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KRITIK: Ernst sein ist alles, Vaudeville Theatre ✭✭✭

Veröffentlicht am

Von

stephencollins

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Ernst sein ist alles

Vaudeville Theatre

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Penelope Wilton. Eileen Atkins. Maureen Lipman. Lindsay Duncan. Fiona Shaw. Frances Barber. Samantha Bond. Anna Chancellor. Deborah Findlay. Hermione Norris. Emma Fielding. Helen Mirren. Jane Asher. Joanna Lumley. Juliet Stevenson. Emma Thompson. Harriet Walter. Kim Cattrall. Amanda Donohoe. Alex Kingston. Barbara Flynn.

Ohne gross nachzudenken, lässt sich ziemlich leicht eine Liste beeindruckender, hochbegabter Schauspielerinnen zusammenstellen – jede einzelne davon würde man gern gutes Geld zahlen sehen, um Lady Bracknell zu erleben, vielleicht Oscar Wildes langlebigste Figur im West End. Dames Dench, Smith und Keith haben die Rolle im West End alle gespielt, und gewissermassen tat es auch Siân Phillips: lesen Sie hier unsere Kritik dieser Produktion. Für Frauen in einem gewissen Alter gibt es nicht allzu viele grossartige Rollen – aber Lady Bracknell ist eine davon. Und es gäbe viele weitere würdige, wunderbare Schauspielerinnen, die oben nicht genannt sind, die die Rolle ebenfalls mit grösster Auszeichnung spielen könnten.

Es ist ja nicht so, als würde das Stück so häufig gezeigt wie etwa Hamlet, der sich um eine Rolle dreht, an der sich jüngere Schauspieler unbedingt versuchen wollen: Sie wollen „ihre“ Version des Prinzen von Dänemark geben – so wie ältere Schauspieler ihren Lear oder Willy Loman oder Malvolio geben wollen. Warum sollten Schauspielerinnen nicht das Erstzugriffsrecht bekommen, ihre Lady Bracknell zu spielen, wenn eine Produktion von Ernst sein ist alles auf die Beine gestellt wird – erst recht im West End?

Die Antwort ist natürlich: Genau so sollte es sein. Männer sollten Lady Bracknell nicht spielen, weil kein Mann der Rolle etwas geben kann, was eine Frau nicht kann, weil die Rolle nicht für einen Mann geschrieben wurde und weil es wahrlich keinen Mangel an Rollen für Männer gibt. Es ist schlicht das Ego des Schauspielers – und der unverhohlene Versuch, Hintern auf die Sitze zu locken. Lasst grosse Schauspielerinnen sich in eine der grössten Komödienrollen aller Zeiten verbeissen. Das sollte das Mantra sein. Einen Mann zu besetzen, zeugt von einer Verachtung für die gewöhnlichen Anstandsregeln des Theaterlebens, die an die schlimmsten Exzesse der Französischen Revolution erinnert.

Und doch spielt – unbegreiflicherweise – David Suchet Lady Bracknell in Adrian Nobles Wiederaufnahme von Wildes grossem Stück, in einer Spielzeit, die gerade erst am Vaudeville Theatre begonnen hat. Nun ja, nicht ganz unbegreiflich – die Gründe liegen auf der Hand. Suchet wollte Komödie spielen, wollte ein Kleid tragen, und Geldgeber witterten die Einnahmen meilenweit. Aber sollte das Grund genug sein, einer verdienten Frau eine Parade-Rolle wegzunehmen? Wie, fragt man sich müssig, würde Suchet sich fühlen, wenn eine Frau vor ihm als Lear oder Malvolio besetzt würde?

Man nimmt an, dass solche Überlegungen für Suchet – wie für Lady Bracknell selbst – unerheblich wären. Ob sie es sind oder nicht: Die einzige Frage, die sich jetzt noch lohnt, lautet: Ist David Suchet eine hervorragende Lady Bracknell?

Nein, ist er nicht.

Angeleitet von den Verweisen im Text auf Gorgone, Monster und Mythos watschelt Suchet ins Bild, geschnürt, behandschuht und zugeknöpft – eher wie ein Cartoon-Truthahn. Foghorn Leghorn in Drag. Er krächzt mehr, als dass er spricht, und seine Stimme bleibt unerbittlich in einer farblosen, hohen Lage. Künstlichkeit statt Kunst. Einen vernichtenden Blick kann er mühelos abschiessen, aber alles an seiner Lady Bracknell ist vollkommen unecht, übertrieben, grob, und verzweifelt auf Zustimmung aus.

Lady Bracknell ist nichts davon. Sie ist ein Geschöpf der Gesellschaft, Ehefrau, Mutter, eine Lady … sie ist ein wirklicher Mensch. Unbeugsam. Der Witz, der aus ihr sprudeln sollte, entsteht aus ihrer Aufrichtigkeit, ihren Überzeugungen, ihren hohen Ansprüchen und ihrem Wunsch, dafür zu sorgen, dass für sie und ihre Familie reichlich Geld vorhanden ist. Er entsteht nicht aus Grimassieren oder zusammengekniffenen Lippen auf der Jagd nach billigen Lachern.

Das Verhör von Jack im ersten Akt ist einer der geistreichsten, komischsten Schlagabtäusche, die je geschrieben wurden. Hier gab es von mir keinen einzigen Lacher für Lady Bracknell; Jack bekam ein paar – aber sie machte es ihm zur Schwerstarbeit. Die schlichte Wahrheit ist: Ein Mann im Kleid, so grossartig der Schauspieler sonst auch sein mag, kann in der Rolle der Lady Bracknell nicht bestehen, es sei denn, er spielt sie als Frau – nicht als wagnerianische Drag-Queen mit stentorischen Lippen, geschniegelt-zickigen Manierismen und einem überwältigenden „Schaut mich an“-Gestus. Lady Bracknell ist nicht die Hauptrolle des Stücks, und sie dafür zu halten, ist ein Schuljungenfehler.

Besonders krass wird das am Ende, wenn Suchet – kaum nachvollziehbar – die letzten Momente spielt, als hätte Lady Bracknell etwas von existenzieller Bedeutung verloren. Suchet bleibt allein auf der Bühne, im Scheinwerferkegel. Ein schamloser Versuch, eine Standing Ovation zu erzwingen – die ihm zu Recht verwehrt blieb. Lady Bracknell hat keinen Grund, unglücklich zu sein: Die Heirat ihrer Tochter ist gesichert, und ihr Neffe Algernon heiratet Cecily, die sehr reich ist. Diese Trübseligkeit ist selbstgefälliger Unsinn von Suchet.

Natürlich trägt Noble daran genauso Mitschuld. Er hätte die Zügel in der Regie straffer halten müssen.

Das gilt auch für Miss Prism (Michelle Dotrice) und Canon Chasuble (Richard O'Callaghan); beide werden nicht als wirkliche Menschen gezeigt. Die Übertreibungen der Schrullen, die ihre Darstellungen zieren, ergeben keinen Humor. Gerade und wahrhaftig gespielt, können diese beiden Figuren zum Brüllen komisch sein. Hier nicht.

Wo Noble allerdings Gold findet, ist bei dem Liebesquartett: Gwendolyn, Jack, Cecily und Algernon. Ohne jeden Zweifel sind Emily Barber und Imogen Doel als Ms Fairfax bzw. Ms Cardew vollkommen exquisit, herrlich überraschend und erfinderisch bezaubernd. Ich habe auf keiner professionellen Bühne je bessere Darstellungen dieser Rollen gesehen.

Barber ist sensationell als hochmütige, anspruchsvolle und überlegene Gwendolyn. Ihre Haltung, ihre Phrasierung, ihre makellose Präsenz, ihre fein dosierte Aussprache – alles sitzt. Sie ist ganz eindeutig die Tochter, die ihre Mutter geformt hat, aber mit eigener Energie, eigenem Geist. Jack hat völlig recht, Algernon zu fragen, ob diese Gwendolyn am Ende so wird wie ihre Mutter. Barber strahlt städtische Raffinesse aus und dieses Gefühl von reichem, lässigem Überfluss, das nur die wohlhabende Oberschicht haben kann. Aber weil ihr Humor so messerscharf gezeichnet ist (ihre Aussprache von „Bracknell“ hätte Hyacinth Bucket alle Ehre gemacht), ist sie keine Mini-Gorgone. Barber ist verblüffend gut.

Das gilt ebenso für Doel, die Cecily durch und durch zum Landmädchen macht: sanft, romantisch, leicht wild, wenn man sie lässt, herzlich, mit grossen Augen, ländlich – und mit einem Herzen so gross wie die Sonne. Mit einer wunderbar kehlig-warmen Stimme, gewinnend unverdorben, und einem perfekten Gefühl für Cecilys Alter – irgendwo zwischen Kindheit und jungem Erwachsensein – ist Doel völlig glaubwürdig und ein durch und durch köstliches Gegenüber für Gwendolyn. Ihr komisches Timing ist herausragend.

Die berühmte Szene im zweiten Akt, in der Gwendolyn und Cecily sich begegnen, einander sofort lieben, reden, sich umgehend hassen, duellieren (bei Tee, Zucker, Brot und Butter und Tea Cake), über Spaten sprechen, die Täuschung aufdecken – und sich dann enger verbinden als Wasserstoff und Sauerstoff im Wasser –, ist umwerfend gelungen: wirklich und frisch komisch, beide Frauen leisten inspirierte Arbeit.

Algernon wird hier von Philip Cumbus gespielt, einem talentierten und sympathischen jungen Schauspieler, der sich nicht die Zeit genommen hat, die Moderne aus seinem Zugriff zu entfernen; gelegentlich müsste er mehr „vor 200 Jahren“ sein. Aber er schwelgt in den Freuden, die die Rolle bietet – und nicht nur in Gurkensandwiches und Muffins. Da ist ein verirrter Übermut, der bewundernswert ist, und ein tief verwurzelter Hang zur Schaustellung in allem, was Cumbus tut. Und er und Doel überzeugen absolut als Opfer der Liebe auf den ersten Blick – ebenso wie auf die erste Erwähnung. Algernons Hunger und Begeisterung für Cecily entspricht seiner Inbrunst für Muffins.

Wenig überraschend ist der begabte Michael Benz ein grossartiger Jack/Earnest. Sein Ernst in allen Dingen ist ansteckend, und er hält das Stück zusammen, indem er die warme, witzige und bezaubernde zentrale Figur liefert, der man sich unmöglich nicht verbunden fühlen kann. Er wischt mit Suchet den Boden auf und schafft eine grossartige Chemie mit Algernon, Cecily und Gwendolyn. Sein Sinn für Anstand ist ebenso durchdacht wie seine kecke Unartigkeit. Jack kann leicht langweilig werden, zumal Algernon wegen der Exzentrik der Figur dazu neigt zu glänzen – aber Benz nimmt die Rolle und formt sie so, wie sie ihm liegt.

Was an Benz und Cumbus wirklich besonders ist: Rückblickend haben ihre Darstellungen von Anfang an ihre wahre familiäre Beziehung vorausgeahnt. Es ist subtil und klug, aber wirklich inspiriert. Die Ähnlichkeiten, die in allen drei Akten sichtbar werden, fügen sich zart zusammen, sobald Prism ihre Geheimnisse offenbart.

Hier, im zweiten Akt – dem einzigen Akt ohne Suchet –, erreicht Nobles Produktion ihren eigentlichen, schwindelerregenden Zenit. Von Jacks lächerlich feierlichem Auftritt in Trauerkleidung bis zu Algernon, der buchstäblich den letzten Muffin aus Jacks Hand isst, samt all dem idyllischen, stürmischen Aufhebens mit Cecily und Gwendolyn: Das ist komödiantische Glückseligkeit, bei der Oscar selbst lächeln und lachen würde.

Peter McKintoshs Kostüme sind köstlich detailverliebt und bringen sowohl das Zeitgefühl als auch die Wesenszüge der Figuren auf glänzende Weise zum Vorschein. Algernons exquisiter Morgenmantel, Jacks prächtige Westen, Cecilys hellblaues Tageskleid, Gwendolyns perfekt sitzende, hinreissend schöne Kleider und Accessoires – alles ist genau richtig. Auch die beiden Outfits für Lady Bracknell sehen grossartig aus; es ist die Art, wie sie getragen wurden, die sie schmälert. Die Bühnenbilder sind angemessen wilde’sk – am Design gibt es wirklich nichts auszusetzen.

Es gibt hier sehr viel, das gefällt. Ein Teil des Publikums verschlang Suchets Drag-Nummer, aber diese Leute haben keine Ahnung, welche Chance verpasst wurde. Eine starke Schauspielerin in dieser Rolle hätte diese Produktion wohl zu einer für die Geschichtsbücher gemacht. Suchet ist in Ordnung, wenn man nicht weiss, welche Freude Lady Bracknell sein kann. Es reicht, um einem vor Kummer die Haare ganz gold zu färben.

Ernst sein ist alles läuft im Vaudeville Theatre bis zum 7. November 2015

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