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REZENSION: Die Tragödie von König Richard dem Zweiten, Almeida Theatre ✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
markludmon
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Mark Ludmon bespricht Die Tragödie von König Richard II. am Almeida Theatre mit Simon Russell Beale
Foto: Marc Brenner Die Tragödie von König Richard II. Almeida Theatre, London
18. Dezember 2019
Drei Sterne
Gegen Ende von Richard II. sinniert der entthronte König in seiner Zelle im Pontefract Castle: „Ich habe darüber nachgedacht, wie ich dieses Gefängnis, in dem ich lebe, mit der Welt vergleichen könnte.“ Mit dieser Szene eröffnet Joe Hill-Gibbins seine ambitionierte neue Lesart von Shakespeares Historienstück – und staucht das Drama kühn auf rasante 100 Minuten und nur acht Darsteller*innen zusammen. Der Satz unterstreicht das Konzept einer Inszenierung auf einer Bühne, die an eine riesige Gefängniszelle ohne Fenster und Türen erinnert, zusammengesetzt aus grossen, grau vernieteten Paneelen – ein typisch eindrucksvolles Design von Ultz.
Das Ensemble, in T-Shirts und Sweatshirts, jagt über die Bühne und prallt von den Wänden ab, erzählt die Geschichte von Richards Entmachtung durch Bolingbroke, den späteren Heinrich IV., wie Gefangene, die nichts zu tun haben, als ein einstudiertes Ritual immer wieder nachzuspielen. Das passt zu den Motiven von Shakespeares Stück, das untersucht, wie Macht und Titel letztlich nur Rollen sind, die wir spielen. Richard hat das Recht auf die Königswürde durch Erbe und göttliches Recht – doch seine Schwäche und sein schlechtes Urteilsvermögen führen dazu, dass Bolingbroke diese Vorstellung herausfordert, indem er die Bedeutung von Worten und Taten betont. Wenn die Theatralität offengelegt wird, sind es nur Männer und Frauen, die – um Macbeth zu paraphrasieren – in Rollen, die nichts bedeuten, auf der Bühne umherstolzieren und sich abmühen.
In dieser gekürzten und neu geordneten Fassung, in der niemand die Bühne verlassen kann, wird das Drama zu einem klaren Eins-gegen-eins-Machtkampf zwischen Richard und seinem Cousin Henry. Während die übrigen sechs Darsteller*innen immer wieder hinter den beiden Männern auseinanderdriften und sich neu formieren, entsteht eine unmittelbar körperliche Wucht. Eimerweise Blut, Dreck und Wasser werden umhergeschleudert und verwandeln die Bühne in ein chaotisches Schlachtfeld, das die Anarchie spiegelt, die der Konflikt um die Krone auslöst – hier eine papierartige Party-Krone mit alberner Flatterhaftigkeit, die der Bedeutung widerspricht, die die Figuren ihr beimessen.
Die Handlung wird ständig von Lärm unterbrochen: lautes Ticken, Trommeln und Mikrofon-Aussetzer unter der Klanggestaltung von Peter Rice, dazu Klatschen, Rufe und Schläge. Wer einen ehrfürchtigen Raum erwartet, in dem die Poesie glänzen darf, wird enttäuscht sein – auch wenn die ikonoklastische Regie in starkem Kontrast zur sensiblen, klaren Darbietung von Shakespeares Blankvers steht, besonders durch Simon Russell Beale als Richard und Leo Bill als Bolingbroke.
Wenn Hill-Gibbins’ Absicht darin besteht, das Original zu stören und zu untergraben, ist ihm das gelungen. Das atemlose Tempo, die beunruhigende Klanglandschaft und andere Ablenkungen überrollen Sprache und Handlung oft, auch wenn gegen Ende mehr Klarheit entsteht. Die Leistungen sind jedoch durchweg hervorragend: meisterhaft angeführt von Russell Beale und Bill, dazu starke Beiträge von Martin Imhangbe, Natalie Klamar, John Mackay, Joseph Mydell, Saskia Reeves und Robin Weaver. Dass das Bühnenbild eindrucksvoll und unvergesslich ist, steht ausser Frage – doch dem kühnen dramaturgischen Konzept fällt auch vieles zum Opfer.
Zu sehen bis 2. Februar 2019
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