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Rezension: Ein Sommernachtstraum, Young Vic ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
markludmon
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Anna Madeley (Helena) in Ein Sommernachtstraum © Keith Pattison Ein Sommernachtstraum
Young Vic
Vier Sterne
In Joe Hill-Gibbins’ Neuinterpretation von Ein Sommernachtstraum sind die liebenswerten Feen und die unbeschwerte Romantik, die man von einer traditionellen Inszenierung erwarten könnte, längst verschwunden. Auf straffe zwei Stunden gekürzt, führt sie zu keinem Happy End, sondern in eine aus den Fugen geratene Welt, in der die Feen-Anarchie gesiegt hat und die irdischen Liebenden von ihrem Erlebnis im Wald traumatisiert sind.
Mit einem wandhohen Spiegel an der Rückwand ist das auffälligste Merkmal dieser Produktion der schlammverschmierte Boden – wie auf einem Musikfestival auf dem Land, kurz bevor der Regen einsetzt. In Robert Lepages National-Theatre-Inszenierung von 1992 wurde das sehr viel drastischer genutzt; hier wirkt die Schlammfläche eher beiläufig und deutet an, dass die wilde Welt des Waldes selbst in den athenischen Hofszenen, die das Stück einrahmen, stets präsent bleibt.
John Dagleish (Lysander) in Ein Sommernachtstraum © Keith Pattison
Die dunklen Untertöne von Shakespeares Text werden in den Eröffnungsszenen betont, wenn Egeus – unterstützt von Athens Herzog Theseus – versucht, seine Tochter Hermia dazu zu zwingen, Demetrius zu heiraten, einen Mann, den sie nicht liebt, und dabei mit dem Tod droht oder damit, sie ins Kloster zu schicken. Ihr Plan, alles aufzugeben und mit ihrer wahren Liebe Lysander durchzubrennen, wird durch ihre beste Freundin Helena gefährdet, die Demetrius, in den sie selbst verliebt ist, einen Hinweis gibt.
Sobald die vier jungen Menschen den Wald betreten und der Feenmagie zum Opfer fallen, brechen Eifersucht und Gewalt auf: Es kommt zu wütenden Streitereien und Prügeleien, sie stoßen einander zu Boden und raufen im Schlamm. Besonders spürbar ist Hermias Verzweiflung, gespielt von Jemima Rooper: Ihr Geliebter weist sie plötzlich zugunsten ihrer besten Freundin zurück – sie bleibt gebrochen und beinahe sprachlos, selbst nachdem angeblich wieder Ordnung hergestellt ist. Mit Anna Madeley als Helena, John Dagleish als Lysander und Oliver Alvin-Wilson als Demetrius scheinen die vier Figuren auch nach ihren schnellen Hochzeiten bei der Rückkehr an den Hof weiterem Kummer entgegenzugehen.
Ensemblemitglieder in Ein Sommernachtstraum am Young Vic © Keith Pattison
Zorn und Zwietracht sind in der Feenwelt ebenso allgegenwärtig: Michael Gould wechselt von Theseus zu Oberon, und Lloyd Hutchinson verwandelt sich vom tyrannischen Egeus in einen komisch phlegmatischen Puck. Anastasia Hille ist eine würdevolle Hippolyta, die in High Heels durch den Schlamm schreitet, und herrlich unwürdevoll als Titania, die sich mit dem eselsköpfigen Zettel im Dreck wälzt – Leo Bill spielt das mit großem komödiantischem Effekt.
Zettel und die Handwerker sorgen für dringend benötigte Lacher, besonders in ihrer Aufführung von Pyramus und Thisbe in der Schlussszene – fast so sehr, dass man die am Rand liegenden, regungslos zuschauenden Liebenden aus dem Blick verliert. Angeführt von Matthew Steer als Peter Squenz tragen sie in dieser Version von Shakespeares Komödie den Großteil des verbliebenen Humors: von Douggie McMeekin als schüchternem Schnock bis zu Aaron Heffernan als auftrumpfendem, extrovertiertem Franz Flöte. Eine atmosphärische Unheimlichkeit bringt die einzige weitere Fee auf der Bühne ein: Melanie Pappenheim singt glasklare Koloraturen (arrangiert von Harvey Brough) und erinnert daran, welche andersweltliche Wildheit darunter liegt.
Matthew Steer (Peter Squenz) mit dem Ensemble von Ein Sommernachtstraum am Young Vic © Keith Pattison
Abgesehen vom Schlamm gibt es nur wenige Requisiten: Das Bühnenbild stammt von Johannes Schütz, die Besetzung trägt moderne Kostüme von Michaela Barth. Die Inszenierung bietet einige erfinderische neue Ideen und Einsichten in das oft gespielte Stück – wie man es von einem Regisseur erwarten darf, der für Maß für Maß die Young-Vic-Bühne mit aufblasbaren Sexpuppen füllte. Da ein Teil des Humors dem dunkleren Ton zum Opfer fällt, ist das eine solide Produktion, der es stellenweise an Energie mangelt, die aber immer wieder von Momenten großer Brillanz durchzuckt wird.
Läuft bis zum 1. April 2017.
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