NACHRICHTEN
REZENSION: Asking Rembrandt, Old Red Lion Theatre ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
timhochstrasser
Share
Asking Rembrandt. Foto: Chris Gardner Asking Rembrandt
Old Red Lion Theatre, Islington
25. Juni 2015
5 Sterne
Tickets buchen Die Ausstellung der National Gallery zu Rembrandts späten Werken zu Beginn des Jahres richtete den Blick auf das Schaffen des Malers in den 1650er- und 1660er-Jahren. Ihre übergreifende, wenn auch unausgesprochene Lehre erzählte von der triumphalen Beharrlichkeit und der energischen Weiterentwicklung seiner Kreativität – trotz Bankrott, Todesfällen im engsten Umfeld, juristischer Schwierigkeiten und zunehmender Gebrechlichkeit. Technischer Wagemut und Innovation in der Erfassung von Charakter setzten sich besonders in den späteren Porträts fort: geschah das wegen – oder trotz – der Turbulenzen und des allmählichen Zusammenbruchs jener Gewissheiten, die die grossen öffentlichen Erfolge seiner frühen Karriere getragen hatten? Das ist eine von mehreren fesselnden Fragen, die Steve Gooch in seinem eindrücklichen Asking Rembrandt stellt, das derzeit im Old Red Lion in Islington zu sehen ist. Es ist das dritte Stück, in dem Gooch untersucht, wie die Prioritäten und kreativen Entscheidungen eines Künstlers von seiner Gesellschaft geprägt werden. Wie in der Ausstellung konzentriert sich die Handlung auf Rembrandts mittlere Jahre, kurz vor der Bankrottkrise von 1656. Wir treffen den Maler zu Hause in seinem Atelier in Gesellschaft seiner Lebensgefährtin Hendrikje (Henni) und seines überlebenden Sohnes Titus. In regelmässigen Abständen kommt und geht Rembrandts wohlhabender Gönner, der Magistrat, Dichter und Kunstsammler Jan Six: den Kern des Stücks bilden ihre Gespräche über Kunst im Allgemeinen und Rembrandts Werk im Besonderen, wobei der Ton zwischen freundschaftlichem Geplänkel und scharfem Schlagabtausch wechselt. Rembrandt steht im Wesentlichen vor drei Problemen: Über viele Jahre hat er weit über seine Verhältnisse gelebt – in einem üppig ausgestatteten, aber hoch beliehenen Haus – und ist dadurch vollkommen von einem stetigen Strom lukrativer Porträtaufträge abhängig geworden, nur um alle Bälle in der Luft zu halten. Doch die Aufträge beginnen ausbleiben, teils wegen seiner Unhöflichkeit gegenüber Kundinnen und Kunden, besonders wenn diese das fertige Abbild in irgendeinem Punkt beanstandeten, teils weil er für jedes Werk immer länger braucht. Zu seiner Verteidigung argumentiert er, er „laviert“ nicht, sondern „mariniert“ – um neue Techniken zu finden, Charakter auszudrücken. Diese Schwierigkeiten werden noch verschärft durch seine Weigerung, Henni zu heiraten: Damit zieht er sich die Feindschaft und die gesellschaftlichen Sanktionen der örtlichen calvinistischen Kirche zu, die ihnen vorwirft, in Sünde zu leben. Schliesslich hat er ein heikles Verhältnis zu seinem jugendlichen Sohn, auf den er als Verkäufer immer stärker angewiesen ist, dessen eigene künstlerische Versuche er jedoch herabsetzt. Insgesamt erleben wir ihn als den klassischen heroischen Künstler, der unaufhaltsam auf den Sturz zusteuert – und wir als Publikum sind eingeladen zu überlegen, ob das, was geschieht, gerechte Strafe ist, bei der auf Hybris zwangsläufig die Nemesis folgt, oder ob es das Beispiel einer einzigartigen schöpferischen Figur ist, die kraft ihrer Kunst eine Ausnahme von den Konventionen des gewöhnlichen sozialen Lebens verdient.
Überraschenderweise ist die historische Quellenlage für diese Phase in Rembrandts Leben dürftig – und damit bietet sich der Autorin bzw. dem Autor reichlich Gelegenheit, die Lücken dramatisch zu füllen. Gooch nutzt besonders geschickt den Umstand, dass Six Rembrandt einen beträchtlichen Kredit gewährte, während er zugleich für das ausserordentlich gelungene Porträt Modell sass, das sich bis heute im Besitz der Familie befindet. Ausserdem wissen wir, dass sie kurz darauf zerstritten waren. Aus diesen kargen Splittern formt Gooch eine aussergewöhnlich starke Szene als Höhepunkt des Abends, die alle zuvor angelegten Themen zusammenführt – mit grosser dramatischer Wucht und analytischer Schärfe. Soll man einen Händler oder Gönner als Mäzen, Svengali oder Mephistopheles begreifen? Soll der Künstler auf die Wünsche des Förderers eingehen – oder seinen eigenen kreativen Instinkten folgen, wohin sie ihn auch führen? Wer besitzt das Recht, ein Porträt zu deuten – der Künstler, die dargestellte Person oder die Öffentlichkeit? Können Freundschaft und geteilte ästhetische Prioritäten der Anziehungskraft von Klassenunterschieden sowie dem Gefälle in Talent und Verständnis standhalten? Das sind einige der Fragen, die in dieser Konfrontation eindrücklich kristallisieren – in einer Weise, die an Bernard Shaw in Bestform erinnert.
Alle Darstellenden liefern sehr starke Leistungen. Liam McKenna fängt die grosszügige, warmherzige Weite ein, die wir Rembrandt zuschreiben, ebenso wie die derbe Schlagfertigkeit, das heisse Temperament und die Verschlagenheit in Geld- und Beziehungsdingen, die wir aus den berühmten Selbstporträts zu kennen glauben. Er besitzt die kräftige physische Präsenz, den Witz, das Funkeln und die Lebendigkeit, die es braucht, um die langen Gespräche über das Wesen seines Handwerks spannend zu halten. Zugleich entsteht das Bild eines Menschen, der den Kontakt zu seinen Wurzeln und bescheidenen Anfängen nicht verloren hat – ein Mann mit starkem Familiensinn und dem Gefühl, dass das Leben im Hier und Jetzt gelebt, genossen und gepackt werden will, sowohl als Person als auch in seiner künstlerischen Persona. Genie ist auf der Bühne notorisch schwer darzustellen – Overacting sowie ein Hauch von Unwirklichkeit und Selbstüberhöhung lauern stets. Umso mehr spricht für McKennas Können, dass er gleichermassen überzeugend ist als verlogene, verletzliche, fehlerhafte Figur und als jemand, der plausibel die Grenzen dessen verschiebt, was sich in Öl ausdrücken lässt.
In reizvollem Kontrast ist John Gorick als Six nach aussen hin ganz geschmeidige, kosmopolitische Eleganz und Weltmüdigkeit – darunter jedoch mit reichlich Stahl und Selbstbewusstsein. Man hat keinen Moment Zweifel daran, dass er ein furchteinflössender Verhandler und Geschäftsmann ist und keineswegs nur ein Ästhet. In Erscheinung und Stil erinnert er ein wenig an Simon Callow, nur ohne die Manierismen. Er hat die Aufgabe, für gesunden Menschenverstand und weltgewandte Vernünftigkeit zu plädieren – und das gelingt ihm sehr gut; seine Darstellung zeigt ebenso viel Menschlichkeit und Tiefe wie Selbstbeherrschung und ein starkes Bewusstsein für seine Stellung in der Gemeinschaft. Seine steife Körpersprache kontrastiert zudem wirkungsvoll mit McKennas ungezwungener, draufgängerischer Unbändigkeit.
Als Henni und Titus haben Esme Patey-Ford und Loz Keystone Rollen, die eher stützend als zentral sind, doch beide nutzen ihre Momente klug. Patey-Ford lässt erkennen, warum Rembrandt Henni als so charmanten und liebenswerten Gegenpol zu seiner verstorbenen Frau Saskia empfand: Sie besitzt eine Leichtigkeit und Respektlosigkeit, die eine gute Folie zur Ernsthaftigkeit der übrigen Gespräche bildet; zugleich leidet man mit ihr als der Person, die – mehr noch als Rembrandt selbst – die Pfeile und Stiche gesellschaftlicher Verachtung für ihre ungeklärte Beziehung ertragen muss. Das Spiel macht ihr Opfer und damit die Tiefe ihrer Liebe zum Maler voll spürbar. Sie ist weder für die Handlung noch für das emotionale Gefüge des Stücks eine blosse Randfigur. Über Titus wissen wir nur sehr wenig, doch Keystone gestaltet ihn als Charakter von beträchtlicher körperlicher Dynamik, deutlich natürlicherer Verkäufer als sein Vater, und mit einer berührenden Mischung aus Ungeschicktheit und pfiffiger Strassenschläue.
Oben im Old Red Lion gibt es nicht viel Spielraum, doch das Kreativteam um Regisseur Jonathan Kemp hat ein flexibles, liebevoll ausgestattetes Bühnenbild geschaffen, das dem Abend eine reich strukturierte Folie bietet – voller passender künstlerischer Unordnung und Überreste sowie prachtvoller Stoffe; bewusst theatral, so wie es für die Gemälde aus dieser Phase in Rembrandts Leben genau richtig ist. Die intime Atmosphäre und das fein austarierte Spiel ziehen einen sehr schnell in die Beziehungen und Fragestellungen hinein – und so erleben wir einen Abend im Theatre, der zugleich angenehm warm und wohltuend klar im Kopf ist. Das Stück läuft bis Mitte Juli und lohnt sich in jeder Hinsicht. Aber beim nächsten Mal, wenn Sie ein Paar Handschuhe anziehen, werden Sie vermutlich nie wieder ganz genauso an sie denken….
Asking Rembrandt läuft im Old Red Lion Theatre bis zum 18. Juli 2015
Erhalten Sie das Beste des britischen Theaters direkt in Ihr Postfach
Seien Sie die Ersten, die sich die besten Tickets, exklusive Angebote und die neuesten Nachrichten aus dem West End sichern.
Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutzrichtlinie