NACHRICHTEN
KRITIK: Bodies, Royal Court Theatre ✭✭
Veröffentlicht am
13. Juli 2017
Von
sophieadnitt
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Hannah Rae und Justine Mitchell in Bodies. Foto: Bronwen Sharp Bodies
Royal Court Theatre
11. Juli 2017
Zwei Sterne
Jetzt buchen Vivienne Franzmanns neues Stück Bodies hat etwas Unvergessliches an sich. Es bleibt hängen und lauert nach dem Verlassen des Theaters unheilvoll im Hinterkopf – allerdings nicht durchweg auf gute Weise. Bodies erzählt die Geschichte von Clem (Justine Mitchell) und Josh (Jonathan McGuinness, der bewundernswert für den erkrankten Brian Ferguson einspringt), einem Paar, das sich so verzweifelt ein Baby wünscht, dass es bis nach Indien gereist ist, um die Dienste einer Leihmutterschaftsklinik in Anspruch zu nehmen. Gleichzeitig ist Clem damit beschäftigt, die Pflege für ihren kranken Vater David (Philip Goldacre) zu organisieren, der an einer Motoneuronerkrankung leidet.
Philip Goldacre in Bodies. Foto: Bronwen Sharp
Für Clem ist diese Leihmutterschaft der letzte Ausweg. Sie war schon schwanger, aber keine der Schwangerschaften hat bis zum Ende gehalten. Über ihrem Schicksal liegt eine spürbare Verzweiflung – nicht zuletzt zeigt sich das daran, dass sie bereit ist, für das, was sie will, um die halbe Welt zu reisen. Im Verlauf des Stücks erfahren wir, dass das nicht alles ist, wozu sie bereit ist.
Hannah Rae in Bodies am Royal Court. Foto: Bronwen Sharp
Der Anfang ist vielversprechend. Gabriella Slades Bühne ist modern und klar, mit viel hellem Holz und Glas. Eine Reihe von Schiebetüren ermöglicht es den Figuren, Bereiche ihres Lebens fast hermetisch abzutrennen, mit denen sie sich nicht befassen wollen – oder Barrieren nach Belieben einzureissen. Die Szenerie wirkt karg; dem gegenüber steht eine kreisrunde Projektionsfläche an einer Wand, die an eine Gebärmutter denken lässt. Darauf erscheinen ein paar gezielt ausgewählte Bilder, insgesamt wirkt das aber eher überflüssig.
Lorna Brown in Bodies am Royal Court Theatre. Foto: Bronwen Sharp
Zu Beginn gibt es einige starke Szenen, die die Stärke von Clems und Ehemann Joshs Beziehung zeigen – in dieser leichten, ungezwungenen Art, die erfolgreiche Langzeitpaare auszeichnet. Doch dann sind wir beim Thema Kinderlosigkeit, und leider bleiben wir dort.
Es gäbe Potenzial, Clem zu bedauern, doch abgesehen von den medizinischen Problemen ist sie oft selbst die Architektin ihres Unglücks. Ausführlich spricht sie darüber, wie unerfüllt sie sich als Frau ohne Kind fühle – ein ohnehin problematischer Gedankengang, weil er nahelegt, die einzige Funktion einer Frau im Leben bestehe darin, sich fortzupflanzen. Es gibt viel schwerfällige Metaphorik – vom Wetter bis zu den Vögeln – und der Dialog rutscht häufig in übertrieben blumige Prosa ab, besonders in den Teilen, in denen wir einen Blick in Clems eigene Neurose erhaschen.
Clem entwickelt zudem einen Komplex darüber, dass das Baby zwar aus dem Sperma ihres Mannes, aber aus der Eizelle einer anderen Frau entsteht, und sie quält sich mit dem Gedanken, das Kind sei nicht „ihr“ eigenes. Kinder – oder eben das Ausbleiben von Kindern – sind Themen, die in vielen Frauenleben auftauchen, und Bodies scheint entschlossen, jede andere Entscheidung als ein eigenes Kind, natürlich und ohne fremde Hilfe, abzuwerten. Für Adoptiveltern, Menschen, die keine Kinder bekommen können, oder diejenigen, die keine Kinder wollen, gibt es hier weder Einfühlung noch Gedanken. Clem – und bis zu einem gewissen Grad auch Bodies – nimmt sie nicht in den Blick. Als die dunkle Wahrheit über die schlechten Lebensumstände der Leihmutter ans Licht kommt, ist Clem so sehr auf ihr zukünftiges Kind fixiert, dass sie kaum Anteilnahme zeigt – das unterminiert das zentrale Thema von Bodies, nämlich die menschlichen Kosten der Leihmutterschaft. Ihr Fokus liegt auf dem Kind, das sie angeblich „vollständig“ machen wird – Vater, Ehemann, Freunde und die Leihmutter können aus ihrer Sicht Kollateralschäden sein.
Salma Hoque in Bodies am Royal Court Theatre. Foto: Bronwen Sharp
Die Leihmutter Lakshmi (die stark unterforderte Salma Hoque) wird viel zu oft zur reinen Kulisse degradiert und erhält als Figur praktisch keine Konturen ausserhalb ihrer Rolle als Mutter, Ehefrau und funktionaler Uterus. Wenn Clem ihre Tochter bekommt (mit treffend gesetzter pubertärer Attitüde gespielt von Hannah Rae) – wird sie sich ähnlich zurückentwickeln? Verliert sie ihre Identität als „Clem“ und wird nur noch über ihre Mutterschaft definiert? Mit der anhaltenden Angst, dass die Tochter nicht „richtig“ zu ihr gehöre, fragt man sich, ob sie je wirklich zufrieden sein wird. So hat Franzmann eine Figur geschaffen, die derart vollständig und unangenehm selbstbezogen ist, dass es nach einer Weile schwerfällt, überhaupt noch Sympathie für Clem zu empfinden.
Justine Mitchell in Bodies am Royal Court. Foto: Bronwen Sharp
Mit einer so undankbaren Aufgabe betraut, liefert Justine Mitchell ein überzeugendes Porträt einer verzweifelten Clem, und ihre in der Realität verankerten Szenen sind stark gespielt. Lorna Brown sorgt als Davids neue Betreuungsperson Oni für dringend benötigte Entlastung und Bodenhaftung. Und erneut gilt Jonathan McGuinness Lob, der als Josh einspringt: Obwohl er das Textbuch in der Hand hält, bringt er viel Ausdruck und Persönlichkeit in die Rolle und hat eine ausgezeichnete Chemie mit dem restlichen Ensemble.
Am Ende bleibt der Wunsch nach etwas mehr von all diesen Figuren. Was Bodies bis zur letzten Szene zu vergessen scheint: Leihmutterschaft betrifft nicht nur die Frau, die sich ein Baby wünscht – sie betrifft alle um sie herum, ebenso wie die Leihmutter selbst. Eine stärkere Ausleuchtung dieses Aspekts hätte dem Stück sehr gutgetan und die negativen Auswirkungen dieser globalen Transaktion deutlicher gemacht. Beherrscht und letztlich ausgebremst von seinem unglücklichen Subtext, hinterlässt Bodies beim Publikum ein Unbehagen – aus den falschen Gründen.
Bis 12. August 2017
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