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REZENSION: Charlie und die Schokoladenfabrik, Theatre Royal Drury Lane ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
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Vidiots. Foto: Johan Persson Charlie und die Schokoladenfabrik
Theatre Royal, Drury Lane
27. März 2015
4 Sterne
Fast zwei Jahre nach der Premiere im prachtvoll restaurierten Theatre Royal, Drury Lane ist Sam Mendes’ Produktion der Musicaladaption von Charlie und die Schokoladenfabrik in bestechender Form. Nichts zeigt das deutlicher, als dass die Show keinen Takt verpasst, obwohl gleich drei Understudies einspringen mussten. Das Ensemble blieb völlig unbeeindruckt: Wer nicht wusste, dass die gewohnten Hauptdarstellerinnen und -darsteller nicht auf der Bühne standen, hätte es – abgesehen von den Hinweisen im Foyer – nicht gemerkt. Das Niveau der Leistungen ist hervorragend. Roald Dahl ist derzeit gleich doppelt auf Londons Bühnen vertreten, und eine dritte Produktion nach seinen Texten steht schon in den Startlöchern. Neben Charlie und die Schokoladenfabrik läuft Matilda unvermindert weiter am Cambridge Theatre, während eine nicht-musikalische Bühnenfassung von „The Twits“ demnächst am Royal Court eröffnet. Dahl war selten so präsent auf den Londoner Theaterplakaten wie momentan.
Matilda und Charlie und die Schokoladenfabrik sind sehr unterschiedliche Musicals. Matilda ist schräg, aufsässig, anarchisch – mit Texten und Musik von einem Musicaltheater-Neuling: Tim Minchin. Charlie und die Schokoladenfabrik ist ein klassisches, altmodisches Broadway-Musical, mit Musik und Songtexten von bewährten Broadway-Partnern: Marc Shaiman und Scott Wittman. Obwohl beide Stücke denselben Ursprung haben, könnten ihre Stile kaum verschiedener sein. Matilda lebt von der Wahrhaftigkeit der Darstellungen, von seinen Übertreibungen und seinem rebellischen Kern. Charlie und die Schokoladenfabrik braucht echtes Herz, um die großen Schauwerte und die moralischen Lektionen zu tragen, die in seiner zuckrigen Form miteinander verschmelzen.
Zum Glück strahlt die aktuelle Besetzung genau dieses Herz aus – und ihre totale Hingabe wirkt ansteckend und mitreißend.
Seit der Premiere hat sich einiges verändert – oder ist in opulenter Behaglichkeit zur Ruhe gekommen. Klugerweise hat man den einleitenden Film über die Herstellung von Schokolade (ich glaube, darum ging es) gestrichen, und es gab ein paar Kürzungen in der Musik. Die Abläufe sind geschliffen und präzise einstudiert; Mark Thompsons wunderbar farbenfrohe – und bisweilen bewusst farblose – Kostüme und Bühnenbilder sind in makellosem Zustand und zaubern mühelos das nötige Gefühl von Magie herbei.
Die Eingängigkeit und der federleichte Spaß von Marc Shaimans Musik bleiben ansteckend und süß. Vertrautheit sorgt hier für Wohlbehagen. Seine und Scott Wittmans Songtexte knistern, knacken und poppen – sie beglücken und verwirren zugleich; ganz im Sinne der Themen des Stücks ist das Unerwartete die (sehr glückliche) Tagesordnung. Wie eine Schachtel Pralinen bringen die Songs jeweils ihr eigenes Vergnügen mit: mal süß, mal spröde, mal dunkel, mal klebrig. Und auch ein alter Liebling ist dabei: „Pure Imagination“ von Lesley Bricusse und Anthony Newley. Seine Präsenz veredelt die Sammlung, die wirklich für jede und jeden etwas zum Freuen bereithält.
Ewan Rutherford war als Charlie in glänzender Verfassung. Er hat eine engagierte Bühnenpräsenz, sehr klare Diktion, eine echte und ausgesprochen angenehme Singstimme – und genau jenes Staunen, jenen Charme und jene Unschuld, die Charlie braucht, damit die Show funktioniert. Er übertreibt nichts und etabliert mühelos seine Verehrung für Grandpa Joe sowie seine Hingabe an Eltern und die übrigen Großeltern. Die Liebe in der Familie Bucket ist geradezu greifbar, und Rutherford bildet ihr standfestes Zentrum. Er pulsiert vor Empathie für alle, denen er begegnet – eine erstaunlich souveräne Leistung für einen so jungen Darsteller.
Der Moment, in dem Charlie den Schokoriegel öffnet und das goldene Ticket findet, ist magisch. Rutherford spielt ihn wunderschön, und ich bezweifle, dass im Parkett ein Auge trocken blieb, als man sah, wie sein Gesicht in unmögliches Glück zerfloss. Es gab jedenfalls sehr hörbare Luftsprünge, donnernden Applaus und Freudenschreie – selbst wenn man weiß, dass Charlie das Ticket bekommen wird, wirkt der Augenblick, in dem es geschieht, wie ein Adrenalinschub direkt ins Glückszentrum.
Als Einspringer für Alex Jennings war Ross Dawes in jeder Hinsicht ein großartiger Willy Wonka. Besonders erfreulich: Endlich hört man die Partitur wirklich gut gesungen. Dawes hat eine flexible, interessante Stimme, obenheraus kraftvoll und durchweg ausdrucksstark. Die schnellen Patter-Songs meistert er souverän, jedes Wort verständlich, jede Note voll ausgesungen, und bei „Pure Imagination“ wächst er mit einem vollen, samtigen Ton über sich hinaus. „It Must Be Believed To Be Seen“ und „Strike That! Reverse It!“ waren prächtige Nummern, berstend vor Stil.
Dawes macht Wonka exzentrisch und unbekümmert, aber nie bösartig oder schäbig. Es ist eine kluge, runde Charakterzeichnung, die hervorragend mit Charlie, den Erwachsenen, den unausstehlichen Kindern mit goldenem Ticket und den entzückenden Oompa Loompas zusammenspielt. Ein Wonka für alle Jahreszeiten: reizbar, gelassen und – nun ja – wonky; launisch und schelmisch trifft es wohl am besten.
Das hier ist weder das Buch noch einer der beiden Filme. Wer also mit einem Wonka kommt, der der eigenen Vorstellung entspricht – oder den unterschiedlichen, aber sehr eigenwilligen Kreationen von Messrs Wilder und Depp –, könnte enttäuscht sein. Wer jedoch mit offenem Geist kommt, wird von Dawes’ Wonka in einem bezaubernden Auftritt mitgerissen, der Farbe und üppigen Unfug ausstrahlt.
Als Grandpa Joe ist Billy Boyle die perfekte Mischung aus listigem alten Bock, gutmütigem Großvater, liebendem Patriarchen und pubertärem Rabauken. In dem Funkeln seiner Augen liegt eine verschmitzte Präzision, die den Blick fesselt. Sein Zusammenspiel mit Rutherford ist fein abgestimmt; sie überzeugen als ältere/jüngere Versionen voneinander. Er singt gut und nimmt das Rampenlicht dann an sich, wenn es sein muss. Eine großzügige, warmherzige Leistung. Die übrigen betagten Mitglieder der Bucket-Familie – Antony Reed, Roni Page und Myra Sands – liefern herrlich weit aufgerissene, verrückt frisierte Unterstützung.
Die Eltern der goldenen Ticket-Inhaber sind eine einzige Freude.
Josefina Gabrielle ist ein einziger Knaller als trinkfreudige Mrs Teavee – eine Art Donna-Reed-trifft-„A Delicate Balance“-Kreation; mit perfekter Frisur, Make-up, Kleid und Handtasche ist sie eine mütterliche Mischung aus Verspieltheit und heimlichem Schlückchen. Gabrielle vermittelt den Horror, mit ihrem durchgedrehten Sohn fertigwerden zu müssen, in glühenden Details – und lächelt dabei ununterbrochen. Ihr Sturz den essbaren Grashang hinunter ist komisches Glück. In jeder Hinsicht köstlich.
Clive Carter macht sich großartig zum Trottel als der grässliche, gierige Tycoon Mr Salt, versklavt von seiner tyrannischen, Tutu-tragenden Diktator-Tochter Veruca (eine temperamentvolle, voll aufgedrehte Leistung von Amy Carter). Er ist stimmlich bestens aufgelegt und hat die Figur genau richtig ölig, glitschig und abstoßend angelegt. Paul J Medford ist großartig als der verdutzte, überforderte Mr Beauregarde; seine Energie und seine stimmliche Arbeit sind stachelig vor Kraft und selbstbewusster Freude. Jasna Ivir macht Mrs Gloop zu einem verblüfften, jodelnden Anachronismus – präzise und genüsslich setzt sie ihre Übertreibungen perfekt.
Auch Cherry (Kate Graham) und Jerry (Derek Hagen), die unmöglich hübschen Rivalen im TV-Newsroom, leisten hervorragende Arbeit. Das Gift unter der glatten Oberfläche ist spürbar, grandios ausbalanciert. Richard Dempsey und Kirsty Malpass sind als Charlies Mutter und Vater nahezu perfekt, und ihr klagender Hymnus „If Your Mother Were Here“ ist wirklich wunderschön – und bringt die Aufrichtigkeit und Hingabe auf den Punkt, die die gesamte Bucket-Familie antreiben.
Abgesehen von Veruca und in begrenztem Maße Augustus (Vincent Finch wirft sich voll hinein) sind die goldenen Ticket-Kinder – Charlie ausgenommen – von der Aufgabe, die Partitur, die Lyrics und das Sounddesign (Paul Arditti) ihnen stellen, etwas überfordert. Das liegt nicht an den Darstellerinnen und Darstellern: Die Aufgabe ist schlicht zu schwer. In den vorgegebenen Tempi zu singen, mit der geforderten makellosen Diktion – und dabei im Rang noch klar verständlich zu sein –, das ist für ein Kind eine enorme Zumutung. Man fragt sich, ob es nicht besser funktionieren würde, wenn Erwachsene die Kinderrollen (außer Charlie) übernehmen; Erwachsene müssten die geforderte komische und vokale Beweglichkeit eher liefern können. Ein Charlie im richtigen Alter ist unverzichtbar; ob die übrigen Kinder genauso entscheidend sind, darüber lässt sich streiten.
Mendes’ Vorstellung der Oompa Loompas ist so charmant und berauschend wie beim ersten Mal. Tatsächlich helfen mehrere Besuche dabei, die Raffinesse und Überschwänglichkeit ihrer Arbeit ganz zu erfassen. Jede und jeder aus dem Team gibt alles, spielt mit Lust und lebendiger Eloquenz – ihre Nummern machen den zweiten Akt zu einem ununterbrochenen Vergnügen.
Musikalischer Leiter Nigel Lilley leistet durchweg hervorragende Arbeit. Das Orchester liefert eine frische, vitale Begleitung, und der gesamte Gesang – Ensemble wie Solistinnen und Solisten – ist erstklassig und voller Energie. Es ist eine Freude, so versierte Musikerinnen und Musiker, auf und hinter der Bühne, Noten, Melodien und Harmonien zum Leben erwecken zu hören. Peter Darlings einfallsreiche, flinke Choreografie hebt das Geschehen ungemein, mit Albernheit und Pizzazz zu gleichen Teilen.
Zum Glück steigt der gläserne Aufzug nun aus der Bühne empor und fährt hoch in den Zuschauerraum, über die Köpfe des Publikums im Parkett hinweg. Das ist ein magischer Moment von erlesenem Staunen und tiefster Zufriedenheit. Zum Teil liegt das an „Pure Imagination“, das Wonka singt, während Charlie und er mit dem Aufzug das Wonka-Reich überblicken. Aber es ist nicht nur das. Es ist dieser Moment der Stabübergabe. Wie das Schlussbild, in dem sich ein silhouettierter Charlie vor dem in den Ruhestand tretenden Willy Wonka den Hut zieht, spricht es direkt das innere Kind in uns allen an – ganz egal, wie alt –, das sich einfach nur wünscht, einmal den Süßwarenladen leiten zu dürfen.
Naschwerk für Augen, Ohren und Seele.
TICKETS FÜR CHARLIE UND DIE SCHOKOLADENFABRIK BUCHEN
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