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KRITIK: Great Britain, Lyttleton Theatre ✭✭
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Von
stephencollins
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Billie Piper in der Produktion Great Britain des National Theatre. Foto: Johan Persson Great Britain Lyttleton Theatre 4. August 2014 2 Sterne
Great Britain, derzeit im Lyttleton Theatre am National zu sehen und demnächst mit Transfer ins West End, ist ein vielarmiges satirisches Ungetüm aus der Feder von Richard Bean. Unter der Regie von Sir Nicholas Hytner ist es ein dreistündiger Streifzug durch das endlose Nachbeben der Leveson Inquiry und versucht, die Machenschaften von Politik, Polizei und Presse (mit dem gelegentlichen Verweis auf den alten Comedy-Dauerbrenner, den pädophilen Priester) in ein komisches Licht zu rücken – und dabei zugleich Fragen nach dem anderen P im Raum zu stellen: der Öffentlichkeit.
Und wie die meisten Streifzüge ist es nicht besonders lustig.
Es gibt viel zu sehen und zu bedenken, doch der Weg wirkt so ausgetreten (etwa durch das reale Geplärre um „Regulieren wir die Presse – ja oder nein?“, die an die Forsyte Saga erinnernden Gerichtsverfahren rund um Phone Hacking, die selbsternannten Rächerkampagnen gegen ehemalige Stars, denen Geilheit vorgeworfen wird), dass sich ständig ein Gefühl von Vertrautheit einstellt: alles schon mal da gewesen – Blumen, morsches Holz, Beeren, reif und unreif, hin und wieder ein Hase, der vorbeihuscht, und nur sehr selten eine überraschende Blüte oder ein Anblick, der unerwartet, perfekt geformt und fast atemberaubend ist.
Oliver Chris ist die überraschende Blüte in diesem Ensemble – sein Spiel trifft den Ton exakt. Er verfügt über fein geschliffenes komisches Können und macht aus Assistant Commissioner Donald Doyle Davidson jene perfekte Mischung aus Absurdität und todernster Lakonie. Und tatsächlich ist es gerade seine Fähigkeit zu dieser Doppelbödigkeit, die die Schwächen anderer Darstellungen umso deutlicher hervortreten lässt.
Zum großen Teil liegt das an Entscheidungen der Regie. Der Spielstil ist nicht einheitlich: Da gibt es Vollgas-Überzeichnungen realer Vorbilder, die mit eleganter Komödie nichts zu tun haben, sondern fest in der Pantomime verankert sind (Robert Glenisters gefräßiger, bösartiger und widerlicher Zeitungseditor Wilson Tikkel oder Billie Pipers skrupellose, notgeile, räuberische News-Editorin Paige – eine Figur, für die der Begriff „over the top“ erfunden worden sein könnte) oder im Klamauk (Aaron Neils trockener, stoischer Trottel von Police Commissioner, in jeder Hinsicht vollkommen unrealistisch, aber ernst gespielt für maximalen Effekt: „Ein Hinweis ist das eine, was ich nicht habe“) oder in staubtrockenen Sitcoms (Rupert Vansittarts konservativer Premierminister, Ian Hallards juckender, schmieriger Jimmy The Bins oder Joseph Wilkins’ verratener Cricketspieler). Koruna Stamell ist eigentlich die Einzige, die Chris’ Linie aufgreift, und ihr Auftritt als clevere, geschniegelt-smarte und überraschend gute Anwältin gehört zu den echten, unerwarteten Freuden dieses Streifzugs.
Weil es keinen stimmigen Gesamtstil gibt, bleibt das Publikum unsicher, was es da eigentlich sieht – und warum. Schade, denn hier stehen so viele gute Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne – die Besetzung ist riesig – und wären sie in eine gemeinsame Richtung geführt worden, hätte das Ergebnis ganz anders aussehen können.
Piper ist großartig als Cruella de Vil der Zeitungswelt – aber wie viel interessanter – und beunruhigender – hätte Beans Stück sein können, wenn sie verletzlicher angelegt wäre, mit der Überzeugung, im Sinne des Gemeinwohls zu handeln, statt bloß aus persönlichem Ehrgeiz? Was, wenn Glenisters grauenhafter Hack-in-Chief ein alter Printkrieger wäre, überrollt vom Tempo moderner Technik und dem Zwang, mit dem Internet um Geschichten zu konkurrieren – jemand, der sich gefangen fühlt, in das hineingedrängt, was er tut?
Oder was, wenn jede Figur im Pantomimenstil oder in todernster Lakonie geschrieben und gespielt wäre? – Die Gesamtwirkung wäre sofort interessanter. Und das Ergebnis wäre zwangsläufig komischer.
Stattdessen wird so ziemlich jeder komische Stil in einen Topf geworfen, und alles drängelt um Aufmerksamkeit in Beans blubberndem Eintopf gesellschaftlicher Themen. Das Resultat ist fad, fadiger als es sein müsste.
Tim Hatleys Bühnenbild ist ausgezeichnet: Es fängt die Idee des geschäftigen Newsrooms ein und ebenso allerlei andere Orte – unter anderem (recht amüsant) das Ivy. Es sieht alles großartig aus, wirklich großartig.
Moderne komische Satiren sind rar, doch das jüngste Charles III zeigte, welche Möglichkeiten diese Form bietet. Dort saßen alle im selben Boot und näherten sich dem Text weitgehend auf die gleiche Weise. Beans Versuch spielt nicht in der Liga von Charles III, aber mit einigen Überarbeitungen, mehr Probenzeit und straffer geführter Regie könnte er dem Theater eine echte Chance bieten, zur Debatte über Pressefreiheit beizutragen – statt nur ein Streifzug durch ein Sammelsurium komischer Stile zu sein.
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