NACHRICHTEN
REZENSION: Harvey, Theatre Royal Haymarket ✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
Share
Maureen Lipman, Desmond Barrit und Ingrid Oliver. Foto: Manuel Harlan Harvey
Theatre Royal, Haymarket
23. März 2015
1 Stern
Über die begabten Menschen, die Bühnen- und Kostümbilder für Produktionen im West End entwerfen, wird viel zu wenig Aufhebens gemacht. Auszeichnungen konzentrieren sich meist auf Schauspiel und Regie, und obwohl es häufig Preise für Bühnenbild, Kostüm, Licht und Sound gibt, gelten sie nie als die wirklich wichtigen. Dabei ist das Design für das Gesamterlebnis einer Theaterproduktion genauso entscheidend wie jeder andere Aspekt. In den schwächsten Inszenierungen liefert ein gutes Bühnenbild immerhin etwas, worüber man nachdenken kann, in das man sich optisch verlieren kann; umgekehrt kann ein schlechtes Bühnenbild von den Leistungen ablenken – ob diese nun gut oder schlecht sind (je nachdem).
Peter McIntosh hat für Lindsay Posners Wiederaufnahme von Harvey, dem 1945 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Stück von Mary Coyle Chase, ein schlichtweg wunderschönes, unglaublich detailreiches Bühnenbild geschaffen. Die Produktion ist nach einer Spielzeit am Birmingham Repertory Theatre und einer UK-Tour nun am Haymarket Theatre eröffnet worden. Das Bühnenbild verdient seinen ganz eigenen Applaus.
Zu Beginn befinden wir uns in der Bibliothek bzw. im Salon des Haushalts Dowd/Simmons. Überall herrscht eine prachtvolle, satte Holzvertäfelung. Geschmackvolle Möbel, eine herrliche rosa Chaiselongue, ein Kamin, über dem ein dominantes Foto einer beeindruckenden Frau hängt, endlose Bücher, ein kleiner Telefontisch und ein oder zwei wunderschön gepolsterte Stühle – einer fürs Telefonieren. Alles riecht nach Geld, aber mit einem Hauch Schrulligkeit, den man schwer fassen kann. Durch einen Flur sieht man eine Tür in ein anderes Zimmer, wo offenbar eine Art Soirée im Gange ist. Gilbert und Sullivan werden von einer Dame dargeboten, die man sich als gesellschaftlichen Publikumsmagneten vorstellt. Die Atmosphäre ist köstlich, verführerisch.
Wenn die Handlung ins örtliche Sanatorium wechselt, schwenkt das Salon-Set einfach weg. Riesige, bewegliche Wagen setzen sich lautlos in Bewegung. Ein neues Bühnenbild fährt ein – klinisch, krankenhausgrün, mit einem deutlichen Gefühl amtlicher Trostlosigkeit und Überheblichkeit, das darum herumwabert. Das Beeindruckende ist aber: Während der Salon ein Rechteck war, ist dies gewissermaßen ein Dreieck – der Spielraum ist völlig anders, frisch und interessant. Mehrere Türen, die nach Türknallen verlangen, und eine Treppe, die irgendwohin führt. Wieder ist die Atmosphäre erwartungsvoll, reizvoll – aber auf eine ganz andere Art als beim ersten Bild.
Die Handlung kehrt in den Salon zurück und dann, nach der Pause, gibt es einen neuen Raum: eine gemütliche Bar. Das könnte eine Speakeasy irgendwo sein – viel Holz an den Wänden, eine reich bestückte Theke mit Spiegelflächen und einem mürrischen Barkeeper, viele Tische und Stühle. Der Effekt ist wärmend und fesselnd – nicht zuletzt, weil in den vorherigen Szenen viel von dieser Bar die Rede war. Wenn der Moment in der Bar endet, erfolgt wieder der lautlose Dreh – und beinahe wundersam gleitet das Sanatoriums-Set für die letzte Szene an seinen Platz.
Ich gehe aus zwei Gründen so ausführlich auf das Bühnenbild ein. Erstens, weil McIntoshs Leistung Weltklasse ist und die magische Art, wie sich das Bühnenbild verwandelt, wunderbar die Magie einer Welt spiegelt, in der die Zukunft von einem ein Meter neunzig und etwas großen weißen Kaninchen namens Harvey vorhergesagt werden kann. Das ist ein Musterbeispiel dafür, wie ein Bühnenbildner eine kluge, unaufdringliche Lösung findet, damit das Bühnenbild zentrale Themen des Stücks reflektiert. Zweitens, weil das Bühnenbild mit großem Abstand das Beste an dieser Produktion ist.
Unter der Regie von Lindsay Posner ist dies die unerquicklichste Beschwörung der charmanten Geschichte von Elwood Dowd und seinem weißen Kaninchenfreund Harvey, die man sich vorstellen kann. Chases Stück ist leicht, witzig und voller Charme; es hat farcenhafte Elemente, aber sie dominieren nicht. Damit es funktioniert, muss die Regie schlicht dafür sorgen, dass der Charme im Vordergrund steht, das Tempo spritzig bleibt und die Darstellungen wahrhaftig und ehrlich sind. Es gibt keine geheimen Bedeutungen, keine komplexen Subtexte, keine tiefschürfende Auseinandersetzung mit heiklen Themen.
Nein. Es gibt nur sanften Spaß, unschuldig und berauschend, und die Vorstellung, dass das Glück direkt vor uns allen liegt, wenn wir es nur ergreifen wollen. Ein Mann, selig glücklich in der Gesellschaft seines „eingebildeten“ großen weißen Kaninchenfreundes – des titelgebenden Harvey – zeigt uns, wie man es packt.
Doch Posner scheint nicht willens – oder nicht in der Lage –, dem Text zu gestatten, seinen betörenden Zauber zu weben. Statt ehrlicher, charmanter Darstellungen setzt er auf verkopfte, verspielte Charakterisierungen und Spielweisen: Auftrumpfen statt Wortwitz, Schrillheit statt Sanftheit, Camp statt Gemütlichkeit, der Zynismus von heute statt der rosige Schimmer von damals, Form statt Substanz. Das schlagende Herz von Chases Stück ist nie zu hören; Posner ersetzt die nötige weichgezeichnete Nostalgie durch scharfkantige Modernität.
Das wird kristallklar, als Lionel Haft spät in Akt zwei als entschlossener, aber respektvoller Taxifahrer auftritt, der seinen Fahrpreis bezahlt haben will. Haft leuchtet in seiner kurzen Szene: ein Funkeln der Freude im Blick, eine gelassene, lakonische Verve. Das ist ein Mann, der sein Leben genießt und bekommt, was er will. Hier gibt es keine Manierismen – nur ein wahrhaftiges Spiel. Hafts Figur steht in scharfem Kontrast zu den anderen, mit denen er die Bühne teilt.
Chase nutzt Hafts Figur, um Elwoods Schwester Veta den Punkt klarzumachen, dass sie Elwood in ihrem Leben nicht wirklich entbehren kann. Anders betrachtet, führt Hafts Figur zu dem Moment, in dem Veta Harvey akzeptiert. Sehen heißt nicht glauben; Veta hat Harvey gesehen, aber nie geglaubt. Die Sache mit der verschwundenen Geldbörse, die nötig ist, um Haft den Fahrpreis zu bezahlen, bringt Veta dazu, zu akzeptieren und zu glauben. Elwood hat das natürlich die ganze Zeit getan, aber nun versteht Veta es endlich.
Das ist der zentrale Grundsatz des Stücks: Zufriedenheit entsteht durch Akzeptanz und Glauben. Die zwei wartenden Liebespaare (Nurse Kelly und Dr. Sanderson; Myrtle Mae und Duane) müssen diese Lektion lernen, damit sich ihre Zukunft verknüpfen kann; Dr. Chumley und Dr. Sanderson müssen beide akzeptieren, dass sie sich irren können; der Richter muss akzeptieren, dass er nicht immer am besten weiß; Myrtle Mae muss akzeptieren, dass ihre Bedürfnisse nicht die wichtigsten sind; Veta muss akzeptieren, dass Harvey nicht der Feind ist – eine unnachgiebige, nicht akzeptierende Haltung ist der Feind.
Elwood akzeptiert alle und glaubt an alle: Das ist die Lektion, die er den anderen beibringen muss. Hafts Figur ebenso. Er nimmt jeden als Fahrgast mit und glaubt daran, fair behandelt zu werden. Er verkörpert Harveys Philosophie; er braucht nur kein unsichtbares Riesenkaninchen oder einen Pooka, um zurechtzukommen.
Das Skurrile des Stücks entsteht nicht nur aus Schauplatz, Dialog und Geschichte, sondern auch aus dem Spiel. Haft ausgenommen, ist das Spiel hier erstaunlich unbeholfen.
Weder Jack Hawkins (Dr. Sanderson), Ingrid Oliver (Myrtle Mae), Youseff Kerkour (Duane), Sally Scott (Nurse Kelly) noch David Bamber (Dr. Chumley) bringen Wärme oder Charme in ihre Auftritte. Es gibt kein Gefühl aufblühender Liebe, kein Glück über die Möglichkeiten, die Veränderung bringen kann, nicht einmal eine schlichte Freude. Alle sind rau, brummig und kalt, wo sie eigentlich bezaubernd sein sollten. Moderne Schrillheit ist kein Ersatz für altmodisches Glück.
Amanda Boxer und Desmond Barrit schlagen sich etwas besser, aber bei aller Exzentrik ihrer Typenrollen (Society-Lady bzw. Richter) brauchen auch sie mehr Charme – und zwar reichlich.
James Dreyfus, ein hervorragender Schauspieler, wirkt hier in einem Meer selbstzufriedener Künstlichkeit verloren, wo er doch nur seinen ureigenen, stilvollen Charme überall sprühen lassen müsste. Sein Elwood ist zu manieriert, zu camp, zu aufgesetzter joie de vivre – er wirkt eher wie Madame Lucy aus Irene als wie der Mann mit der schönen Seele und dem großen weißen Kaninchen. Er ist seltsam weltgewandt und skeptisch, wo er unschuldig und aufrichtig sein sollte. Eine sehr merkwürdige Darstellung.
Maureen Lipman ist als Veta, Elwoods Schwester, wunderbar geschniegelt und verklemmt, und sie bringt eine herrliche Verzweiflung in die Szene, in der sie nach der groben Behandlung im Sanatorium nach Hause zurückkehrt – ein Strumpf schief, das Haar mitgenommen, als hätte ein Tornado jede Locke auf den Kopf gestellt. Ihre Double-Takes über Harvey, Harveys Porträt und ihr langsames, köstliches Zusammensacken auf die Chaiselongue sind alle akribisch, wunderschön getimt. Sie weiß, wie man eine Pointe für maximale Wirkung setzt.
Tatsächlich wäre ihre Leistung wahrscheinlich noch beglückender, wenn um sie herum mehr Charme auf der Bühne wäre; doch das Fehlen exzellenter Unterstützung lässt sie isoliert wirken, fast in einer eigenen Sphäre. Nicht einmal Lipman kann die Last des Stücks allein schultern. Nicht einmal in McIntoshs prächtigem Bühnenbild und in den fabelhaften Kleidern, die er für sie entworfen hat.
Ohne den zentralen Charme und die Wärme, die Chase im Sinn hatte und offensichtlich geschrieben hat, kann das Stück nicht funktionieren. Posner ist es völlig misslungen, das Gefühl von Trost und Geborgenheit auszuleuchten, das Chase beabsichtigte – sie schrieb das Stück, um die Gemüter derjenigen zu heben und zu erleichtern, die infolge des Zweiten Weltkriegs gelitten hatten. Diese Produktion nimmt mehr, als sie gibt, und lässt Dreyfus und Lipman in einem Rohrkrepierer stranden.
Ein unlustiger, charmloser Rohrkrepierer.
Harvey läuft am Theatre Royal, Haymarket bis zum 2. Mai 2015
Erhalten Sie das Beste des britischen Theaters direkt in Ihr Postfach
Seien Sie die Ersten, die sich die besten Tickets, exklusive Angebote und die neuesten Nachrichten aus dem West End sichern.
Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutzrichtlinie