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KRITIK: Honeymoon In Vegas In Concert, London Palladium ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
julianeaves
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Honeymoon In Vegas
London Palladium
Sonntag, 12. März 2017
4 Sterne
Wenn je ein Abend ein rundum perfekter 5-Sterne-Erfolg hätte sein müssen, dann dieser! Jason Robert Brown, Komponist und Texter dieser herrlich überschäumenden, optimistischen und ziemlich sexy Partitur, war aus New York eingeflogen, um das glänzende London Musical Theatre Orchestra zu dirigieren – und eine Bühne voller West-End-Talente in einer makellosen, funkelnden Konzertfassung des gesamten Stücks: seiner Europa-Premiere. Und welcher Rahmen könnte für ein solches Ereignis passender sein als ein Sonntagabend im prachtvollen Palladium, bis auf den letzten Platz gefüllt mit einem begeisterten und dankbaren Publikum.
Ursprünglich für 14 Instrumente gesetzt – in wunderschönen Arrangements von einer Reihe Broadway-Grössen wie Don Sebesky, Larry Blank, Charlie Rosen und JRB selbst – hat Simon Nathan, tatkräftig unterstützt von Tom Kelly, diese Arbeit meisterhaft auf die 30 Stimmen der LMTO-Besetzung erweitert. Dabei blieb jedes feine Detail der Broadway-Version erhalten, und die kräftigeren Mittel wurden so klug ausbalanciert, dass sie eine wahrhaft majestätische Wirkung entfalteten. JRB dirigierte das Ergebnis mit sichtlichem Vergnügen, ganz offensichtlich verliebt in die Kraft und Präzision dieser magischen musikalischen Maschine – und er beflügelte das Orchester zu Leistungen auf absolutem Topniveau. Schon mit den ersten Takten der mitreissenden Ouvertüre war klar: Das wird ein Abend, den niemand im Saal je vergessen wird.
Noch bevor irgendeiner der anwesenden Darsteller einsetzte, spürten wir zudem, dass weitere Mitspieler dieses grossartigen Spiels am Werk waren: das Wunder von Mike Robertsons Lichtdesign – ein opulentes Fest aus wechselnden Mustern und Dichten – sowie Avgoustas Psillas’ Sounddesign, das selbst in den geschäftigsten orchestralen Momenten eine kristallklare Transparenz bewahrte.
Doch als dann die Stimmen einsetzten, war der Zauber vollkommen. Arthur Darvill, als Hauptfigur Jack Singer, setzte mit seiner Auftrittsnummer „I Love Betsy“ sofort den Ton und bestätigte seinen Rang als einer der führenden Musicaltenöre seiner Generation. Raffiniert daran anschliessend folgte Rosemary Ashes strahlend opernhafte „Never Get Married“, als albtraumhafte jüdische Mutter aus dem Jenseits, die in einem Rückblick zurückkehrt, um ihr schüchternes Kind zu heimsuchen. Und damit war das häusliche Trio komplett – mit Samantha Barks’ grossartig kontrastiertem „Anywhere But Here“ als kluger, sensibler Wunsch-Braut Betsy. Gerade als wir dachten, besser könne es nicht werden, wurde es das doch: Simon Lipkin platzte auf die Bühne und riss uns mit der Visitenkarte seines Lounge-Sängers mit, „When You Say Vegas“ (und was für eine Wonne, seine Stimme im vollen Schub zu hören – wie sie über dem gesamten Klangkörper des Orchesters aufstieg und ihn zugleich anführte, dabei aber die intime Verspieltheit des Textes leicht in der Luft tanzen liess).
Dann tritt der Schurke des Stücks auf: Maxwell Caulfield als Mr Korman, der mit „Out of the Sun“ eine herrliche Parodie-Nummer abliefert, bevor er das grosse Hindernis der Handlung in den Weg der jungen Liebenden wirft: das private Pokerspiel, das den unglückseligen Jack an seiner eigenen Falle aufhängen wird und scheinbar die Chancen auf ihre lange hinausgezögerte Hochzeit zerstört … und damit tatsächlich auch die Flitterwochen aus dem Titel. Damit war die Exposition abgeschlossen. So weit im Stück schien es kaum vorstellbar, dass ein Werk von solcher Stärke, das erst 2015 am Broadway uraufgeführt wurde, dort nicht längst noch laufen sollte – oder sich nicht wenigstens mit anderen hochkarätigen US-Importen um ein begehrtes Haus in der britischen Hauptstadt balgen müsste.
Hier zeigt sich der Unterschied zwischen Konzertversion und Bühnenproduktion: Im Palladium war es leicht – herrlich leicht –, sich auf die musikalischen Wunder des Abends zu konzentrieren und nicht allzu genau auf das zu achten, was im Text passiert. Und das war auch gut so. Das Buch, basierend auf Andrew Bergmans ursprünglichem Drehbuch, verknüpft die oben skizzierten Handlungsstränge zunächst zu einem wirklich ansprechenden Geflecht. Doch dann lässt Bergman die Fäden einen nach dem anderen fallen, bis nur noch wenige übrig sind. Um den Verlust auszugleichen, greift er nach anderen Strängen, die – wie es der Zufall will – bereits in ganz andere Geschichten eingestrickt sind. Das ist etwas irritierend; dennoch macht er es mit solcher Überzeugung und liefert so interessante Verwicklungen, dass wir mehr oder weniger bereit sind, seiner neuen Story zu folgen. Die steigert sich rasch zu einem packenden Finale des ersten Akts, und wir schnappen nach Luft angesichts der Schwierigkeit des Problems, das sein Buch uns nun eingebrockt hat – und freuen uns darauf, in der Pause an die Bar zu gehen, um zu rätseln, wie es weitergehen wird.
Und dann gibt es keine Pause. Das Stück geht weiter. Wir verstehen nicht, warum. Wir torkeln in das hinein, was wie ein zweiter Akt wirkt. Der setzt noch einen Cliffhanger obendrauf, und – auch wenn er nicht so zwingend ist wie der erste – wir machen mit. Und wenn dann tatsächlich der Vorhang über dem ersten Akt fällt, trotten wir zur Bar und fragen uns, warum uns gerade zwei Enden für den ersten Akt serviert wurden – und warum das zweite im Vergleich so deutlich weniger Wucht hatte.
Ausserdem wissen wir zur Halbzeit nicht, ob die Show seine Geschichte ist oder ihre, oder die des Bösewichts, oder der Mutter – oder sonst wessen. Das Publikum weiss schlicht nicht, wessen Erzählung es folgen soll oder was es daraus machen soll, und das – so darf man vermuten – hat dem Stück am Broadway am Ende mehr oder weniger das Genick gebrochen. Zwei Monate Previews (ja, Sie haben richtig gelesen) reichten nicht aus, um das Team darauf aufmerksam zu machen, dass dieses Buch schlicht keinen Sinn ergibt. Das grosse Bedauern ist: Hätte Bergman nur an dem Setup festgehalten, das er am Anfang so gut anlegt, würde die Show wahrscheinlich noch in New York laufen, quer durch die USA auf Tour gehen – und sich vermutlich gerade auf eine Londoner Eröffnung vorbereiten. Die Partitur hätte einen solchen Erfolg wirklich verdient.
Wie auch immer: Wir kommen in die zweite Hälfte zurück und fragen uns, ob man einen Weg findet, den Knoten zu lösen, den der erste Akt geschaffen hat. Man findet ihn nicht. Stattdessen wirft man eine Masse neuer Ereignisse und Figuren in die Handlung, darunter den grossartigen Chor der vom Himmel schwebenden Elvisse – aber man gewinnt nie wieder die Kontrolle über das Monster zurück, das man geschaffen hat. Sei’s drum. Musik und Texte bleiben der Glanzpunkt der Show – mit Ausnahme des völlig überflüssigen, abschweifenden „Airport Song“ (der klingt, als sei er tatsächlich aus einem geplanten „Up In The Air“-Musical stibitzt, und ich bin bereit, vielleicht nicht ganz so viel Geld wie Jack Silver darauf zu wetten, dass es so ist).
Mit den Figuren ist es schwieriger. Samantha Barks tat wirklich alles, um uns Betsy weiterhin in jenem verheissungsvollen Licht sehen zu lassen, in dem sie zu Beginn erscheint – doch nichts konnte verbergen, dass sie (wie alle weiblichen Hauptrollen in JRB-Shows) am Ende einfach zur nächsten Naiven wird. Sie glaubt jede hohle Lüge, die ihr ein Mann erzählt, und wirft sich diesem Lügner an den Hals, selbst wenn er nachweislich schlicht – nicht – wert – ist. Das Beste, was sie in dieser Show erwarten darf, ist ein Yo-Yo-Dasein zwischen dem spielsüchtigen, bindungsängstlichen, schwachen Muttersöhnchen Jack und seinem vermeintlichen Erzfeind Mr Korman. Die andere grosse Frauenrolle ist seine herrische, tyrannische tote Mutter, die ein wenig an die gute alte Mrs Bates erinnert, einstige Betreiberin eines gewissen Motels aus „Psycho“. Akt 2 bringt uns eine aufdringliche Vamp-Taxifahrerin, souverän übernommen und ausgespielt von Maisey Bawden – aber auch das ist kaum mehr als ein weiterer Trickbetrug. Eine weitere Nebenfigur ist die falsche Schwiegertochter Korman, die sich – ultimative Verleumdung – als Schauspielerin entpuppt, die mehr damit verdient, leichtgläubige Zielscheiben übers Ohr zu hauen, als sie es je mit ehrlicher Ausübung ihres Berufs könnte. Das ist keine schöne Welt. Und ehrlich gesagt ist das auch keine Musical-Comedy-Welt.
Nun denken Sie mal darüber nach: In den USA – welches Geschlecht kauft 70 % aller Theatertickets? Die Antwort: nicht Männer. Noch eine Frage: Welches Geschlecht kauft mit deutlichem Abstand mehr Musicaltickets? Die Antwort, wieder: nicht Männer. Ist es da wirklich ein grosses Wunder, dass JRB-Shows es schwer haben, ein Publikum anzuziehen? Frauen sind schlicht zu klug, um sich mit einer solchen Portion misogynem Unsinn abzufinden. Und die Theaterleitungen hierzulande wissen das. Solange er also nicht die unerquicklicheren Elemente aus seinen Büchern aussortiert, rechne ich nicht mit einer Flut seiner Stücke auf Londons Bühnen. Das ist wirklich jammerschade. Seine Musik – und seine klugen, schönen Texte – verdienen ehrlich gesagt ein weit besseres Schicksal. Und der heutige Abend hat das bewiesen. Und wie. In Pik. In Karo. In Kreuz. Und in Herz. Jede Menge Herz – in Musik und Text. Bitte gebt uns Bücher, die den grossartigen Songs ebenbürtig sind. JRBs Musik würde selbst das härteste Herz verzaubern – wenn sie nur sein eigenes verändern könnte. Als er sich am Ende dieses unvergesslichen Konzerts, mitten in drei Standing Ovations, an den Flügel setzte und seine Musik spielte, wie nur er es kann, erinnerte er uns alle daran, was für ein grossartiger Musiker er ist. Wenn er nur Geschichten zu erzählen hätte, die der Menschlichkeit, Schönheit und Wärme seiner musikalischen Seele gerecht würden. Dann gäbe es fünf Sterne.
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