NACHRICHTEN
REZENSION: It Shoulda Been You, Brooks Atkinson Theatre ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
8. April 2015
Von
stephencollins
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It Shoulda Been You
Brooks Atkinson Theatre
7. April 2015
5 Sterne
Also gut: Es geht um eine Hochzeit. Eine von zwei Schwestern heiratet. Die Braut ist Jüdin, der Bräutigam nicht. Keine der beiden Mütter will, dass die Hochzeit stattfindet – allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Die Mutter der Braut ist die archetypische jüdische Mutter; die des Bräutigams ist eine archetypische Alkoholikerin, die ihren kleinen Jungen nicht loslassen will. Dazu kommen zwei energiegeladene Freund*innen als Brautjungfer und Trauzeuge, ein beinahe allmächtiger, allgegenwärtiger Wedding Planner, zwei Väter, die nicht wissen, was ihre Kinder von ihnen erwarten, und ein abtrünniger Ex-Freund der Braut – und damit ist im Grunde alles gesagt, was man über die Handlung von It Shoulda Been You sagen kann, einem neuen Musical, das derzeit am Brooks Atkinson Theatre am Broadway in den Previews läuft.
Denn wenn man noch mehr verrät, ist die freudige Erfahrung der komischen Wendungen und Wirbel der Handlung dahin – und glauben Sie mir: Sie wollen nicht im Entferntesten ahnen, in welchem Moment plötzlich alles auf den Kopf gestellt wird, wenn selbst der scheinbar alles sehende und alles wissende Wedding Planner sagt: „Damit habe ich nicht gerechnet.“ Ich hatte keine Ahnung – und bin froh darüber, denn wenn es passiert, ist es so ehrlich unerwartet/schockierend/wunderbar, dass man in diesem ungezügelten, alles verschlingenden Sinne lacht, der einen an die glücklichsten Tage der Kindheit erinnert.
Kennt man die Twists, erkennt man im Rückblick, wie sorgfältig und filigran die Hinweise ausgelegt und die Falle für einen aufgebaut wurden – und man kann nicht anders, als die Kunstfertigkeit und den Einfallsreichtum in Plot, Text und Lyrics zu bewundern. Weil die Autor*innen bis zum eigentlichen Knall mindestens zwei mögliche Entwicklungen fest in Ihrem Kopf verankert haben, ist es nahezu garantiert, dass es Sie umhaut. Lassen Sie sich umhauen – Sie werden es nicht bereuen.
It Shoulda Been You stammt in der Idee von der Komponistin Barbara Anselmi, Buch und Lyrics hat Brian Hargrove geschrieben. Hargrove hat eine lange TV-Schreiblaufbahn – und das merkt man: Sein Schreiben ist erfreulich schnörkellos, die Figuren sind klar und klug gezeichnet, er denkt in Bildern ebenso wie in Handlung und Charakter, und es gibt viele schnelle Szenenwechsel. Die Lyrics (neben Hargrove haben fünf weitere Autor*innen für einzelne Nummern zusätzliche Texte beigesteuert) sind wirklich hervorragend, witzig und je nach Bedarf auch bitter-süss.
Plot und erzählerischer Vorwärtsdrang sind meisterhaft im Griff. Das ist ein sehr gut gebautes Stück – nähme man die Musik weg, bliebe eine durchaus respektable Einakter-Komödie im frühen Neil-Simon-Stil, dabei aber sehr modern. Es gibt sehr, sehr viele Lacher, von denen erstaunlich viele unerwartet kommen: Man glaubt zu wissen, wo der Witz herkommt – und dann kommt er aus einer völlig anderen Richtung.
Anselmis Musik ist charmant, eingängig und oft sehr schön. Es gibt einige umwerfende Soli und Duette in verschiedenen Stilrichtungen, tolle, figurengetriebene Comedy-Nummern und ein paar Ensemble-Ohrwürmer. Man verlässt das Theater vielleicht nicht zwingend mit einer Melodie auf den Lippen – aber die Musik als Teil der Show zu erleben, ist zweifellos ein Vergnügen, und mehrere Nummern bringen den Saal mühelos zum Toben.
Jenny, die Schwester der Braut, hat eine ausserordentlich kraftvolle Ballade: Beautiful. Sie ist eine Hymne von grosser Wucht und funktioniert hier wunderbar als bewegendes Charakterstück. Eigentlich – wäre da nicht die Carole-King-Show gleichen Namens – hätte Beautiful sogar ein besserer Titel für dieses Stück sein können.
Im Kern handelt die ganze Show von Schönheit – und von der Liebe, die unterschiedliche Arten von Schönheit hervorbringt, erschafft und anerkennt. Es sind nicht nur die körperlich perfekten Brautleute, die schön sind: Alle anderen in dieser Geschichte sind für jemanden schön – spätestens am Ende. Eltern akzeptieren die Schönheit ihrer Kinder, Kinder sehen die Schönheit ihrer Eltern, und alle erkennen die Schönheit von Wahrheit und Annahme.
Der zentrale Erzählfaden gehört Jenny, der rubenshaften Schwester der Braut. Sie ist die kompetente, vernünftige Tochter, auf die sich ihre Mutter verlässt, die warme, fürsorgliche Schwester der Braut. Doch sie ist stark übergewichtig und bedauert, dass sie nie das Brautkleid ihrer Mutter tragen wird (so wie es ihre Schwester gleich tun wird), und sie hat fast aufgegeben, dass irgendjemand sie schön finden könnte – trotz ihres wirklich hübschen Gesichts, ihrer charismatischen Persönlichkeit und ihrer Lebenslust. In ihrer Nummer Beautiful betrachtet sie sich ganz unverblümt in Unterwäsche, träumt davon, dass eines Tages jemand sie „schön“ nennt und nicht nur „nett“ – was, wie uns Sondheim gelehrt hat, eben etwas anderes ist als „gut“.
Lisa Howard ist als Jenny schlicht umwerfend. Sie ist der eigentliche Star. Ihr Gesang ist voll und wahrhaftig, mit klingenden Tönen, die funkeln und begeistern. Sie hat ein grossartiges komisches Timing, ist aber ebenso souverän in den rohen, emotionalen Szenen, die sich in dieser ungewöhnlichen Hochzeitskatastrophe entfalten. Das ist wahrhaftig, mutig und wirklich eine bravouröse Leistung. Allein ihretwegen lohnt der Eintritt.
Sierra Boggess und David Burtka sind – einzeln wie zusammen – unfassbar schön als das überglücklich schwebende Paar. Beide sind perfekt besetzt und spielen mit Präzision und Können miteinander. Burtkas „Song-and-Dance“-Nummer mit seinem Vater über einen Ehevertrag ist eine kluge, raffinierte Routine, und Boggess bringt ihren besonderen vokalen Glanz in A Little Bit Less Than, eine hinreissende Ballade, die auf wichtigen Gedanken über Ehrlichkeit aufblüht.
Chip Zien hat als komischer, älterer Vater der Braut einen Riesenspass – und entsprechend hat das Publikum seinen Spass an ihm. Michael X. Martin ist als strenger, distanzierter Vater des Bräutigams ein wenig zu farblos, funktioniert aber dennoch gut genug, um den komischen Dampfwalzen-Effekt um ihn herum nicht zu bremsen. Nick Spangler und Montego Glover sind als beste Freund*innen des glücklichen Paares einfach entzückend, und ihr Überraschungssong auf der Hochzeit ist ein herrlich überdrehtes, hemmungslos albernes Highlight.
Als der Junge, der eigentlich die Braut hätte heiraten sollen, ist Josh Grisetti geradezu grandios. Von seinem urkomischen ersten Auftritt (so hat man eine Figur wirklich selten eingeführt) bis zu seinem peinlich berührten, aber unglaublich rührenden und wirkungsvollen Geständnis auf der Damentoilette ist er ein kompletter Hochgenuss. Er bringt das Herz ins Stück – und teilt es dann mit allen. In jeder Hinsicht grossartig.
Spielerisch mit der Form sieht man drei Figuren, die direkt mit dem Publikum sprechen: den Wedding Planner (Albert) sowie seine männliche und weibliche Assistenz. Edward Hibbert gleitet als Albert freundlich genug durch den Abend, doch man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Rolle mehr hergibt – und dass ein schärferer Darsteller und Sänger daraus einen echten Showstealer gemacht hätte. Regisseur David Hyde Pierce zum Beispiel hätte Schichten und „Business“ gefunden, die Hibbert nicht ausschöpft.
Alberts Assistent*innen, gespielt von Adam Heller und Anne L. Nathan, sind herrlich trocken, dabei aber gerissen. Und beide tauchen auch als andere Figuren auf – der dusselige Onkel und die schlüpfrige Tante. Nathan ist als Tante besonders gierig und grimmig, und ihr terrorisierendes Nachstellen von Spanglers Figur ist sehr komisch.
Tyne Daly verpasst als Judy, Mutter von Jenny und der Braut, keinen einzigen Schlag. Das ist eine Rolle, die Daly wie angegossen passt und ihr erlaubt, ihr gesamtes Theater-Gedächtnis mühelos spielen zu lassen. Sie ist witzig und pointiert, bissig mütterlich – und in jeder Hinsicht perfekt. Stimmlich ist sie bestens in Form, und ihre Interpretation der Eleven-o’clock-Nummer What They Never Tell You ist grossartig und donnernd gesetzt.
Doch das i-Tüpfelchen auf dieser Hochzeitstorte kommt in Gestalt von Harriet Harris, die als beinahe eingelegte Mutter des Bräutigams, Georgette, leuchtet. Harris ist pures Vergnügen als überdrehte Mutter, die den Moment fürchtet, in dem sie nicht mehr die wichtigste Frau im Leben ihres Sohnes ist. Ihre urkomische Nummer Where Did I Go Wrong, in der sie ihre gescheiterten Versuche schildert, ihr Wunderkind erstens in ein zölibatäres Priesterleben oder zweitens in ein Leben als Homosexueller zu lenken, sprüht vor jener besonderen Art von Humor, die aus echter Angst entsteht. Doch nicht einmal ihr Ausflug mit dem Sohn in die seligen Sondheim-Tage brachte ihr den gewünschten Erfolg, jammert sie – und denkt schon an den nächsten Gin.
Harriet und Daly sind zusammen grossartig: ein Duell auf Augenhöhe, Handtaschen im Morgengrauen. Der giftige Schlagabtausch kommt glühend auf den Punkt. Harris ist zudem völlig glaubhaft als Mutter ihres unmöglich perfekten Sohnes und ihres unmöglich langweiligen, aber sexuell fantastischen Ehemanns. Sie zeichnet ein meisterhaftes Porträt von Reichtum in der Krise: gönnerhaft, panisch und vollkommen unglücklich.
Hyde Pierce inszeniert alles mit meisterhafter Präzision und funkelndem Élan. Anna Louizos’ prachtvolles, vielseitiges Grand-Hotel-Bühnenbild wird hervorragend genutzt: mit reichlich versteckten und unversteckten Türen und Korridoren und kluger Verwendung verschiedener Ebenen, um Bewegung und Kontinuität zu erzeugen und Spannung sowie Erwartung aufzubauen.
Wenig überraschend sind William Ivey Longs Kostüme spektakulär schön, und die von ihm gewählten Variationen in Blau und Rosa sind grossartig. Alle sehen jederzeit geschniegelt und bei absoluter Bestform aus. Selbst das grauenhafte Outfit für die angehende männerfressende Tante – ein Triumph der Geschmacklosigkeit – ist ein Wunder an Stil und makellos falsch.
Josh Rhodes liefert eine vergnügliche, meist sanfte Choreografie, die eher das Herz wärmt als den Puls hochtreibt. Gelegentlich hätte man sich etwas flottere Fussarbeit gewünscht, aber insgesamt ist der Stil genau richtig und die Wirkung sehr angenehm.
Lawrence Yurman sorgt dafür, dass die Musik spiel- und gesanglich bestens zur Geltung kommt, und am Orchester gibt es nichts auszusetzen. Die Songs glühen vor angeborener Freude, und jede Nummer fügt sich in das Gesamtbild dieses – für die Braut – besten Tages ihres Lebens.
Das ist die Sorte Musical Comedy, die den Bestandteilen gleich viel Gewicht gibt – Musik und Komik. Eine sanfte, mitreissende, köstliche Confiserie. Wie eine Hochzeit beruht sie auf sorgfältiger Dramaturgie und Planung; wie eine Hochzeitstorte hat sie viele Schichten und sehr feine Zutaten, sodass für jede*n etwas dabei ist. Sie ist nicht zuckersüss, sondern überraschend und berührend – so wie gute Hochzeiten sein sollten.
Ein hervorragendes Ensemble; eine kluge, spritzige Regie; eine unterhaltsame Partitur und ein cleveres Buch samt Lyrics. Eine Musical-Theatre-Ehe der besten Art. Und mit einem echten Broadway-Star im Zentrum: Lisa Howard.
Gehen Sie hin. Seien Sie nicht die Person, über die man sagt: It Shoulda Been You – hätte sie es doch gesehen.
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