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REZENSION: The Last Ship, Neil Simon Theatre ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
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Die Besetzung von The Last Ship. Foto: Joan Marcus. The Last Ship
Neil Simon Theatre
31. Oktober 2014
5 Sterne
Es ist Halloween am Broadway. Ein Mann mit einer Pferdekopfmaske setzt sich drei Reihen vor uns hin. Die Frau hinter ihm fragt, ob er sie für die Vorstellung abnehmen könne. Sein Freund erklärt ihr, kurz angebunden, Mr. Ed sei erfunden und Pferde könnten nicht sprechen. Eine der drei Elphabas, die neben der Frau sitzen, lacht. Die Stimmung im Zuschauerraum ist ausgelassen, aber auch ein wenig unsicher – schliesslich ist das ein neues Musical. Wird es „Trick“ oder „Treat“?
Schnitt zum Schlussapplaus: Als die Begeisterung des Publikums beim Klatschen langsam nachlässt, steigt aus dem Orchestergraben eine einzelne Gestalt empor – ganz in Schwarz, kahlköpfig, doch mit zwei perfekten schwarzen Hörnern auf dem glänzenden Schädel, ein Glas Whisky in der Hand. Er prostet dem Publikum zu. Es ist Sting. Ein grossartiger Halloween-Leckerbissen.
Er ist da, weil er Komponist und Texter von The Last Ship ist – einem neuen Musical mit Buch von John Logan und Brian Yorkey, das in seiner Premieren-Spielzeit am Broadway im Neil Simon Theatre zu sehen ist. Inszeniert wird die Produktion von Joe Mantello, die Choreografie stammt von Steven Hoggett.
Wenn Sie zu den Theatergänger*innen gehören, die nur schillernden, leichten Glanz mit tollem Tanz und Songs mögen, die mit voller Kraft herausgeschmettert werden, dann wird The Last Ship nicht Ihr Ding sein. Wenn Sie auf grelle Effekte, ohrenbetäubende Rocknummern und Handlungen stehen, bei denen man nicht aufpassen muss, dann wird The Last Ship nicht Ihr Ding sein. Wenn Sie nur Musicals mögen, die vor allem auf Comedy setzen, die Liebe romantisieren und mit einem grossen Happy End enden, dann wird The Last Ship nicht Ihr Ding sein.
Aber
Wenn Sie zu den Theatergänger*innen gehören, die glauben, dass Musicaltheater in den richtigen Händen zu allem fähig ist; wenn Sie schwierige Themen und komplexe Figuren mögen; wenn Sie Lieder schätzen, die Persönlichkeit, Beziehungen und Gefühle der singenden Figuren ausleuchten; wenn Sie sich an dunklen, rauen Themen, die die Realität spiegeln, nicht stören; wenn Sie die Auseinandersetzung mit harten Fragen, einfallsreiche Bühnenlösungen und eine Partitur mögen, die kraftvoll und in sich geschlossen wirkt; wenn Sie Musicals gern von Menschen gespielt sehen, die ihre Rollen wirklich spielen und ihre Songs wirklich singen können – wenn Sie sich darin wiederfinden, dann ist The Last Ship ein grosser „Trick“: ein echter Broadway-Genuss in völlig unerwarteter Gestalt.
Im Kern geht es in The Last Ship um Liebe, Identität und Akzeptanz. Schauplatz ist eine kleine englische Stadt, die vom Schiffbau lebt: Generationen haben hier Schiffe für Käufer auf der ganzen Welt gebaut. Ein junger, sturer Bursche weigert sich, seinem Vater in die Werft zu folgen, und beschliesst, als Seemann die Welt zu sehen. Er will, dass seine Freundin mitkommt, doch sie lehnt ab – unsicher, ob dieses Leben das ist, was sie will. Er verspricht, zu ihr zurückzukehren. Was er auch tut … fünfzehn Jahre später. (Idiot.)
Als er zurückkommt, ist sein Vater längst begraben, die Werft geschlossen, die Männer der Stadt weigern sich, ihre Berufung als Schiffbauer aufzugeben – und seine Freundin lebt glücklich mit einem anderen Mann (einem Überläufer in den Augen der Werftleute), der ihr geholfen hat, ihren Sohn grosszuziehen: das Kind, das sie nach dem Weggang des jungen Seemanns bekam, von dessen Existenz er nie etwas wusste.
Die Handlung konzentriert sich darauf, ob der Seemann und seine Jugendliebe wieder zueinanderfinden, ob ein Sohn seinen Vater akzeptieren kann (in beiden „Vater“-Konstellationen) und ob die Stadt nach dem Verlust der Lebensgrundlage, die Generationen getragen hat, zu sich selbst finden kann. Es ist eine düstere, beherzte und packende Geschichte – und wenn man sich auf sie einlässt, ist sie klug, aufregend und bleibt im Gedächtnis.
Mantello und Hoggett setzen das Geschehen fantasievoll und mit einem grossartigen Gefühl für Fluss in Szene; Szenen gehen ineinander über, so wie auch die Figuren es tun. Das hervorragende Licht von Christopher Akerlind hebt die Inszenierung enorm. Verständlicherweise wirkt das Stück sehr männlich – mit Kneipenschlägereien, Gewerkschaftsstreit, Arbeiter-Solidarität und einem Priester, der mit den Besten mithalten kann, wenn’s ums Trinken geht. Hoggetts Bewegungssprache spiegelt das: viel Stampfen, Pochen und Krachen – und das ist sehr wirkungsvoll.
Und all das kontrastiert köstlich mit den intimeren Momenten: dem Übergang von Teenager- zu Erwachsenenalter, den Entscheidungen, was man aus der Zukunft machen will, einem Begräbnis, der Szene, in der der abwesende Dad seinem Sohn das Tanzen beibringt, und den schmerzhaften Erinnerungen der Mutter.
Ausserdem ermöglicht David Zinns wunderbares, wandelbares Bühnenbild mühelos und stilvoll mehr als ein Dutzend Spielorte, und das Schlussbild des davonschippernden Schiffs ist so kraftvoll und ehrlich mitreissend, wie man es sich nur wünschen kann. Alles ist sehr schlicht gemacht; der Ort wird – wie eine Figur – ebenso sehr dadurch etabliert, wie die Darstellenden mit dem Bühnenbild umgehen, wie durch das Design selbst.
Am spannendsten ist, dass – trotz eines auffälligen Mangels an Frauen im Kreativteam (Casting scheint die eine Ausnahme zu sein) – die weiblichen Figuren am rundesten, komplexesten und mit Abstand am sensationellsten gespielt sind. Tatsächlich dreht sich, wie auch immer es auf den ersten Blick wirken mag, die ganze Show um Meg Watson: Sie wird verlassen, der Priester kümmert sich um sie; die Männer, die sie liebt, kommen alle aus der Welt des Schiffbaus; das Dreieck zwischen den drei wichtigsten Männern ihres Lebens hat sie im Zentrum; sie arbeitet im Pub und lebt in dieser Stadt. So oder so: Jeder Aspekt von The Last Ship kreist um die bemerkenswerte Frau namens Meg.
Rachel Tucker ist als Meg Dawson – das Mädchen, das von Michael Espers Gideon zurückgelassen wurde – schlicht überwältigend. Sie hat eine harte, pragmatische Oberfläche, unter der ein gebrochenes, ja: zerschmettertes Herz liegt. Doch wie eine Tigerin duldet sie nicht, dass ihrem Sohn etwas zustösst. Ihr Gesang ist phänomenal – ob sie das sehr witzige „If You Ever See Me Talking To A Sailor“ herausfeuert oder die Balladen „When We Dance“ und „It's Not The Same Moon“ mit feiner Sicherheit gestaltet.
Sie vermittelt perfekt die Verwirrung, die man erwarten würde, wenn jemand, den man geliebt hat – der Vater des eigenen Kindes – plötzlich wieder im Leben auftaucht und ewige Liebe schwört. Ihre wilde, beschützende Liebe zu ihrem Sohn ist glasklar, und die Aufrichtigkeit ihrer Unentschlossenheit und Verwirrung wird wunderschön getroffen. Diese Meg ist eine harte, vollkommen echte Frau, die ein schweres Leben mit Würde und Mitgefühl getragen hat.
Sally Ann Triplett ist stimmlich grossartig als Peggy White, die standhafte Ehefrau von Jackie, der die Schiffbauer anführt. Ihr Vortrag von „Sail Away“ ist exquisit. Sie ist ganz klar eines der Rückgrate der Gemeinschaft, und das Herz, das sie in die Rolle legt, ist unverzichtbar und spürbar. Am besten ist sie, wenn sie bei einer Beerdigung die Trauernden in eine mitreissende Hymne führt, die elektrisiert und das Leben feiert: „Show Some Respect“.
Shawna M Hamic hat sichtbar Freude an der herrischen, mit einem Cricket-Schläger bewaffneten Pub-Wirtin, die es mit jedem prügelnden Betrunkenen aufnehmen kann, der ihr in die Quere kommt – und „Mrs Dee's Rant“ lässt den zweiten Akt mit einem Knall starten. Ausserdem gibt es sehr schöne Arbeit von Dawn Cantwell, die Meg als junges Mädchen spielt: eine fein austarierte, liebenswerte Darstellung, die den Ton für den ganzen Abend setzt.
In der Doppelrolle des jungen Gideon, der zur See abhaut, und von Megs Sohn Tom ist Collin Kelly-Sordelet in seinem Broadway-Debüt in jeder Hinsicht entzückend. Seine Aufgabe ist komplex: Er muss Spuren des Mannes zeigen, der Gideon einmal sein wird – und dann Spuren des Mannes, den Gideon erschaffen hat. Das gelingt ihm sehr gut, mit viel Charme und jener unbeholfenen Aufsässigkeit, die den Kern der Teenagerjahre ausmacht. „The Night The Pugilist Learned How To Dance“, Toms Duett und Tanz mit Gideon, ist pure Magie – ebenso wie die Balladen, über denen sie Frieden finden: „Ghost Story“ und dann „August Winds“.
Jimmy Nail singt aussergewöhnlich – und er „nagelt“ die Rolle von Jackie White, dem Berg von einem Mann, der die Schiffbauer anführt. Er schafft eine harte, unbeugsame Figur, die man trotzdem unmöglich nicht mögen kann, und das eindringliche Schlussbild der Show funktioniert zu einem grossen Teil wegen seines grundsoliden Auftritts. Seine Stimme ist wie ein Nebelhorn – staunenswert und von roher Kraft.
Fred Applegate dürfte mit seiner grossartigen Leistung als Father O'Brien, dem geistlichen Oberhaupt der Gemeinde, ein ernsthafter Anwärter auf einen Tony Award sein. Er sorgt sich um seine Herde mit einer Mischung aus Leidenschaft und Respektlosigkeit, die manchen Augen unheilig erscheinen mag. Er trinkt, raucht, ist bei einem guten Zweck auch nicht über ein bisschen Veruntreuung erhaben und ist der moralische Kompass für alle, die ihm begegnen. Es ist eine reiche, witzige und zutiefst bewegende Darstellung. Und Applegates Stimme ist in Bestform: ein herrlicher Tenor von grosser Anziehungskraft und Stärke. Seine Arbeit im Titelsong „The Last Ship“ und sein zartes Finale „So To Speak“ ist ziemlich unheimlich-nachhallend.
Wie so oft setzt Aaron Lazar ein beeindruckendes Ausrufezeichen: präzise dosiert und sehr einnehmend. Er spielt Arthur, Megs aktuellen Partner und den Mann, der Tom wie seinen eigenen grossgezogen hat. Von den Schiffbauern gehasst, weil er ihre Reihen verlassen hat, und aus dem Gleichgewicht gebracht durch Megs Reaktion auf Gideons Rückkehr, wäre es leicht, Arthur zu einer Randfigur zu machen – einem kalten, unglücklichen Mann. Doch Lazar tappt nicht in diese Falle; sein Arthur ist ebenso komplex, warm und zugänglich wie Gideon, und es ist völlig klar, warum Meg so zerrissen ist bei der Entscheidung, die sie treffen muss. Und obendrein singt er mit einem goldenen, maskulinen Klang, dem man einfach gern zuhört.
Michael Esper macht Gideon zu einem angemessen sexy, grossspurigen und völlig verlorenen Mann. Das Herumsegeln um die Welt hat ihm keinen Frieden gebracht, und Esper zeigt das auf subtile Weise. Es ist eine Darstellung voller Können und Charme, und Esper ist den beträchtlichen vokalen Anforderungen von Stings Partitur eindeutig gewachsen. „All This Time“ führt seine Figur mit Schwung ein, aber besonders mochte ich, wie sein Gesang im Verlauf des Abends die Veränderungen in Gideons Perspektive spiegelt. Es müsste schon ein sehr hartes Herz sein, das von seiner Arbeit in den letzten Momenten des zweiten Akts nicht bewegt wird; das ist alles wunderschön austariert, wahrhaftig und ohne Sentimentalität.
Das schwungvolle Ensemble leistet Hervorragendes – niemand ist fehl am Platz oder nicht vollkommen darauf fokussiert, dieses neue Musical mit Freude und Gefühl auf Kurs zu bringen.
Rob Mathes’ musikalische Leitung ist erstklassig, und das Orchester bringt die Partitur mit einer salzigen Resonanz zum Klingen, die perfekt zum Buch passt. Es ist eine geschlossene und recht melodische Partitur, voller Energie und Möglichkeiten – und Mathes holt all das heraus: behutsam, wenn es nötig ist, und bei anderer Gelegenheit mit feurigem Geist.
Das ist wirklich ein hervorragendes neues Musical. Grossartige Besetzung, grossartige Partitur, grossartige Figuren – und eine Geschichte voller Lebensrauhheit und jener hauchdünnen Linie zwischen Glück und Tragödie. Es ist weder Billy Elliot am Meer noch Once mit Schiffen. Es ist eine eigene Vision, die sich um Liebe, Identität und Akzeptanz dreht. Ein grosser Theaterabend.
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