NACHRICHTEN
REZENSION: Märtyrer, Unicorn Theatre ✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
timhochstrasser
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Daniel O’Keefe, Natalie Radmall-Quirke und Marcus Lockyear in Martyr. Foto: Stephen Cumminskey Martyr
18/09/15
Unicorn Theatre
3 Sterne
Martyr wurde 2012 erstmals in Berlin aufgeführt und ist seitdem nach Frankreich und zuletzt nach Chicago gereist, wo es Anfang dieses Jahres in einer Übersetzung von Maja Zade zu sehen war – dieselbe Fassung, die auch hier am Unicorn verwendet wird. Der Dramatiker Marius von Mayenburg ist seit weit über einem Jahrzehnt Hausdramaturg und Regisseur an der berühmten Schaubühne, wo er zehn eigene Stücke sowie mehrere bemerkenswerte Bearbeitungen herausgebracht hat. Dieses jüngste Werk versucht – wie die meisten seiner Vorgänger – das Ausmass wechselseitiger menschlicher Grausamkeit zu konfrontieren und auszuloten, allerdings im Rahmen eines Themas, das kaum aktueller sein könnte: Welche Grenzen hat Toleranz? Wie weit sollte man Intoleranz in einer pluralistischen Gesellschaft dulden? Wie geht man mit Menschen um, die entschlossen sind, das Märtyrertum zu wählen – unabhängig von den Folgen für sich selbst und für andere?
Das Stück spielt an einer heutigen Schule, in der Benjamin Sinclair (Daniel O’Keefe) mitten in der Pubertät beschliesst, seine Fahne des Widerstands auf dem Feld des religiösen Glaubens zu hissen. Er liest die Bibel aus seiner eigenen fundamentalistischen Perspektive, und zu Beginn des Stücks weigert er sich, am gemeinsamen Schwimmunterricht teilzunehmen – wegen der knappen Badebekleidung der Mädchen. Danach nimmt er Anstoss am Status seiner Mutter als geschiedene Alleinerziehende und beginnt, die meisten seiner Lehrkräfte und ihren Unterricht zu beanstanden. Er fordert, dass seine Ansichten berücksichtigt werden – nicht als gleichwertige Alternativen, sondern als bessere Optionen gegenüber den üblichen Orthodoxien.
Seine Proteste erschöpfen sich nicht im blossen Rückzug. Im Sexualkundeunterricht zieht er sich aus, um seine Lehrerin herauszufordern und sie zu jener moralischen Missbilligung und Grenzziehung zu provozieren, die sie im Unterricht selbst nicht leisten will. In einem Aufsatz zur Industriellen Revolution baut er eine völlig irrelevante Tirade ein. Er verspottet den wohlmeinenden Schulseelsorger als institutionellen Bürokraten statt als Menschen mit echter, authentischer Frömmigkeit. Im Verlauf des Stücks konzentrieren sich Handlung und Debatte zunehmend auf seinen Konflikt mit einer Lehrerin, Erica White (Natalie Radmall-Quirke), die ihrerseits davon besessen wird, Benjamin mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen. Sie ist Vertreterin und Anwältin des Rationalismus und eines naturwissenschaftlichen Weltverständnisses, unterrichtet Evolution und behauptet, verstörten Schülern Orientierung geben zu können. Im Deutschen ist der Titel des Stücks im Plural und nicht im Singular – und die letzte Frage, die das Drama stellt, lautet: Wer ist hier eigentlich der Märtyrer? Benjamin oder Erica? Oder beide? Gibt es am Ende eine Art moralische Gleichwertigkeit zwischen ihnen?
Damit lastet das Gewicht des Stücks ebenso auf den Autoritäten und darauf, wie sie zu reagieren wählen, wie auf dem Herausforderer. Seine Mutter Ingrid (Flaminia Cinque) versucht, die Schulleitung dafür verantwortlich zu machen, die Angelegenheit von Anfang bis Ende falsch gehandhabt zu haben – und damit hat sie durchaus einen Punkt, wenn auch nicht aus den Gründen, die das Stück nahelegt. Der Schulleiter, ein feiger Bürokrat, versucht, zwischen Rebell und Lehrkräften einen faulen Kompromiss zu finden, was die Situation nur weiter verschärft; und die Lehrkräfte reagieren entweder mit Getöse oder mit unangemessener emotionaler Verstrickung statt mit Argumenten. Besonders treffend zeigt der Autor, wie schlecht eine moralisch relative, moderne pluralistische Toleranzhaltung dafür gerüstet ist, Intoleranz die Stirn zu bieten. Wenn man selbst Grenzen abgeschafft hat – oder nicht mehr weiss, wo sie zu ziehen sind –, wie will man dann mit denen argumentieren, die diese Voraussetzungen des Streitens nicht anerkennen, dafür aber sehr klare und unbewegliche Grenzen haben? Zudem ist der Fundamentalist ideal positioniert, politisch korrekte Vorstellungen von Toleranz als Köder-und-Wechselspiel zu missbrauchen – so wie Benjamin es am Ende des Abends mit verheerender Wirkung tut.
Natalie Radmall-Quirke und Daniel O’Keefe in Martyr.
Doch jenseits dieses Punktes verliert das Drama an Glaubwürdigkeit. Es reicht nicht, das Problem zu demonstrieren und den Kräften offizieller Toleranz und konventioneller Autorität danach kaum weitere Handlungsoptionen zu lassen. In jeder Bildungseinrichtung, die ich kenne, gäbe es zahlreiche weitere Schritte aus dem realen Leben – etwa Benjamin zu ignorieren und nicht auf seine Provokationen anzuspringen oder ihm mit Humor und Satire zu begegnen, ganz in der Tradition aufklärerischen Antiklerikalismus. Das ist ein Stück, in dem die Schauspielerinnen und Schauspieler Humor aus den ausgespielten Situationen ziehen; im Text selbst gibt es jedoch nur sehr wenig Licht und Schatten, Satire oder Witz. Diese Aspekte werden nicht ausgelotet.
Ausserdem gäbe es hier schlicht bessere Argumente für Toleranz und Vielfalt – nicht zuletzt durch den Verweis auf die sehr christlichen Wurzeln von Toleranz in der europäischen Geschichte, die mindestens ebenso bedeutsam sind wie die Geschichte christlicher Verfolgung. Es ist schlicht selbstschädigend, die Gegenseite durch Figuren zu vertreten, die mit zerbrochenen Waffen und mit diffuser Wut oder moralischem Relativismus in die Schlacht ziehen. Das mag ein treffender Kommentar auf manche tatsächliche Reaktion heutiger Regierungen und Pädagoginnen und Pädagogen auf Fundamentalismus sein; als dramatische Erkundung des Themas ist es unnötig verarmt. Wenn es je einen weiteren Grund gab, die Stücke von Bernard Shaw – und den Geist der St Joan in ihnen – wieder auf die Bühne zu holen, dann ist er hier zu finden.
Erfolgreicher ist der Autor darin, Benjamins Beziehungen zu seinen Mitschülerinnen und Mitschülern zu beleuchten – und davon hätten wir tatsächlich mehr haben können und sollen. Einer der wirksamsten Dialoge des Stücks ist der mit seinem Freund George (Farshid Rokey), der körperlich beeinträchtigt ist. Es gibt eine hervorragende Szene, in der Benjamin Georges vielfältige Verwundbarkeiten ausnutzt, um ihn für seine fundamentalistische Sache zu gewinnen – sie zeigt subtil, wie Rekrutierung oft funktioniert, und tut das, indem sie es uns im Spiel vorführt statt es in didaktischen Reden zu erklären. Ebenso entsteht echte dramatische Spannung, wann immer Benjamin auf die schlagfertige Lydia Webber (Jessye Romeo) trifft, die seine sexuelle Unsicherheit und Angst durchschaut und sie klug und erfolgreich gegen ihn nutzt, dabei Situationen kontrolliert, wie es ihren tapsigen Lehrkräften entgeht.
Ein weiterer allgemeiner Punkt muss angesprochen werden. Schon vor ein paar Jahren, bevor das Thema der Rekrutierung für ISIL/ISIS so sehr in den Vordergrund rückte, war klar, dass das zentrale Forum, in dem uns diese Debatte heute begegnet, die Beziehung zwischen bestimmten Formen islamischen Fundamentalismus und dem Westen ist. Dieses Stück wäre ohne diese Konfrontation im Hinterkopf kaum geschrieben worden: Das zeitgenössische Christentum ist durch Säkularisierung zu sehr gespalten und zersplittert, um ein solches Beispiel ohne Weiteres zu liefern – vielleicht mit Ausnahme bestimmter Regionen der USA. So sehr man dem Autor anrechnen muss, diese Fragen überhaupt aufzuwerfen, so bleibt seine Herangehensweise letztlich doch eine Art Ausweichbewegung. Seit den Tagen der antiken Griechen gehört es zum Kernauftrag des Theaters, die geteilten Ängste einer Gemeinschaft zu verhandeln und zu erforschen. Solange das nicht frontal geschieht – bei allen damit verbundenen Schwierigkeiten –, wird das Theater der eigentlichen, drängenden Herausforderung nicht gerecht geworden sein.
Es gibt mehrere sehr starke Leistungen im Ensemble, und keine enttäuscht. O’Keefe spielt mit beunruhigender, spröder Intensität und nimmt seine Gegenspieler mit forensischer Präzision und vielschichtig verächtlichem Ton auseinander. Als seine Hauptgegnerin zeichnet Radmall-Quirke einen klaren Weg der eigenen Desintegration nach – begünstigt durch besonders ausweichende, aalglatte Formulierungen des Schulleiters Mark Lockyer. Kriss Dosanjh macht als geplagter Schulseelsorger das Beste aus dem anglikanischen Plädoyer für Inklusion, und auch die beiden hervorgehobenen Schulfreunde nutzen ihre Chancen voll aus. Flaminia Cinque hellt den Ton überall dort auf, wo es möglich ist, mit vertrauten komischen Mutter-und-Sohn-Momenten; Brian Lonsdale vervollständigt die Besetzung als Ericas Partner sowie als Geschichts- und Sportlehrer, der Benjamin am besten Paroli bietet – eine Rolle, die allerdings etwas unterentwickelt wirkt.
Die Bühne des Unicorn bietet ein sehr grosses, höhlenartiges Tableau für diese intensiven Gespräche, doch Ramin Grays Regie und Bühnenbild halten das Geschehen in gutem Fluss und nutzen den vertrauten Alltagsapparat und den „Abfall“ des Schullebens sehr wirkungsvoll und einfallsreich: Wir wechseln nahtlos vom Klassenzimmer ins Büro, auf den Pausenhof, ans Flussufer und in häusliche Innenräume – ganz ohne Umbauten.
Das ist ein eher verstörender als schockierender Theaterabend, der mehr Fragen aufwirft, als er leicht beantworten kann – und ein Teil des Problems liegt in der Art, wie diese Fragen gestellt werden. Dennoch ist dies ein Feld, auf dem derzeit nur wenige überzeugende Wege erkennbar sind und auf dem nur wenige Dramatikerinnen und Dramatiker überhaupt zu gehen gewagt haben. Das Thema wartet noch immer auf seinen Voltaire, seinen Shaw – oder vielleicht sogar auf seinen David Hare.
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