NACHRICHTEN
KRITIK: Sticks and Stones, Summerhall, Edinburgh Fringe ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
markludmon
Share
Mark Ludmon rezensiert Vinay Patels neues Stück Sticks and Stones im Roundabout von Paines Plough im Summerhall beim Edinburgh Fringe
Sticks and Stones Roundabout @ Summerhall, Edinburgh Fringe
Vier Sterne
Boris Johnson kommt offenbar irgendwie damit durch, darüber zu witzeln, Frauen in Burkas sähen aus wie Briefkästen oder Bankräuber – für den Rest von uns ist der Druck, sensibel mit Themen wie Herkunft, Religion und Sexualität umzugehen, grösser denn je. Dieses heisse Eisen packt Vinay Patels messerscharfes neues Stück Sticks and Stones klug an: Eine leitende Managerin muss feststellen, dass es nicht reicht, sich mit Qualitätszeitungen und Podcasts auf dem Laufenden zu halten, um bei den feinen Bedeutungsverschiebungen der Sprache mitzuhalten. Ein einziges Wort in der Pointe eines beiläufigen Witzes in einem Kundentermin genügt, um ihre Karriere aufs Spiel zu setzen – und katapultiert sie in eine Abwärtsspirale, in der sie ungewollt zur viralen Sensation und zur Heldin der extremen Rechten wird.
Das unaussprechliche Wort, das ihren Sturz auslöst, erfahren wir nie – wir können nur spekulieren. Damit spiegelt das Stück seine Erkenntnis, dass Kränkung von Faktoren abhängt wie den Identitäten der Beteiligten und davon, wo sie leben, und dass sich das im Laufe der Zeit in einem Tempo verändert, das manche ratlos zurücklässt. Die Protagonistin ist eine alleinerziehende Mutter, die sich für liberal und für einen guten Menschen hält. Ihrer kleinen Tochter erklärt sie, es sei falsch, eine Frau nur dafür zu loben, „hübsch“ zu sein – doch ihr Stolz hält sie davon ab, sich wirklich zu entschuldigen. Das bringt sie dazu, die eigene Integrität und ihre Eignung als Mutter infrage zu stellen; sie fantasiert davon, der modernen Welt zu entkommen und sich in einem Rückzugsort im Wald zu verstecken – frei von Medien und Internet.
Katherine Pearce ist in der Hauptrolle hervorragend: Sie wechselt von der geschniegelt-überheblichen Geschäftsfrau zu einem Bündel verwirrter Qual und windet sich buchstäblich vor Schmerz, während Karriere und Leben zerfallen. Stark unterstützt wird sie in mehreren Rollen von Charlotte O’Leary – unter anderem als ständig trainierende Chefin und als anbiedernde vegane Kollegin – sowie von Jack Wilkinson, der besonders als der unheimliche Kollege Fred glänzt. Der hat einen cleveren Weg gefunden, seinen Job zu behalten, obwohl er offen bigotte, extrem rechte Ansichten vertritt – gar nicht unähnlich manchen Politikerinnen und Politikern von heute.
Die energiegeladene In-the-Round-Inszenierung im Roundabout-Theaterraum von Paines Plough hält unter der präzisen Regie von Stef O’Driscoll, mit Bewegung von Jennifer Jackson und Simon Carroll-Jones, das Tempo gnadenlos hoch. Schlüsselwörter wie „Kränkung“, „Entschuldigung“ und sogar das Wort „Wort“ selbst werden von einem Warnsignal und einem Farbwechsel begleitet – ein Hinweis darauf, wie alltägliche Sprache zu einem desorientierenden, überwältigenden Minenfeld werden kann. Nicht nur werden die beleidigenden Wörter nie offengelegt: Wir erfahren auch weder den Namen der Protagonistin noch, wo die Handlung spielt. Das bestätigt Sticks and Stones als moderne Fabel über die Schwierigkeit, in einer Zeit fragmentierter Medien und rasanten kulturellen Wandels sensibel und respektvoll zu bleiben.
Läuft bis zum 25. August 2018.
JETZT BUCHEN: STICKS AND STONES
Erhalten Sie das Beste des britischen Theaters direkt in Ihr Postfach
Seien Sie die Ersten, die sich die besten Tickets, exklusive Angebote und die neuesten Nachrichten aus dem West End sichern.
Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutzrichtlinie