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REZENSION: Teh Internet Is Serious Business, Royal Court ✭✭
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Von
stephencollins
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Teh Internet Is Serious Business. Foto: Tristram Kenton Teh Internet Is Serious Business Royal Court Jerwood Theatre Downstairs 4. Oktober 2014 2 Sterne
Wahrscheinlich hätte der Hinweis schon im Titel stecken müssen. Wenn das Wort „The“ als „Teh“ falsch geschrieben ist, muss das doch etwas bedeuten … oder? Eine Wutrede gegen Autokorrektur-Funktionen am Computer? Ein Zeichen dafür, dass sprachliche Korrektheit im Internet keine Rolle spielt? Der Hinweis, dass Eile zur neuen Weltordnung des Netzes gehört? Die Idee, dass Rechtschreibung egal ist?
Oder ist es am Ende nur ein PR-Gag? Wobei man dann vermutlich erwarten würde, dass das Theaterpersonal den Gag mitspielt – ganz in der altehrwürdigen Gypsy-Tradition.
Aber nicht am Royal Court: Dort sagt das Personal bei der Premierenproduktion von Tim Prices Stück Teh Internet Is Serious Business im Jerwood Theatre Downstairs „The“ statt „Teh“.
Obwohl „Serious“ als Hinweis im Titel eigentlich schon reicht, suhlt sich Hamish Piries Regieansatz samt Gesamtkonzept in kindlicher Fantasie: der „Sicherheit“ farbiger Uniformen und Spielzeuge, dem augenzwinkernden Schutzschild der Anonymität und dem alles überlagernden Gefühl, dass am Ende alles nur ein Spiel ist. Doch daran ist nichts Neues oder besonders fantasievoll Theatralisches; seit Jahren sieht die Welt das Internet/World Wide Web durch genau dieses Prisma. Wenn auch reichlich töricht.
Ebenso wenig ist an Prices Text etwas wirklich Aufschlussreiches oder Erhellendes; und welche Themen oder Fragen er auch immer anstacheln will, treten in den kurzen, locker ineinandergreifenden und miteinander verbundenen Szenen, aus denen die Handlung besteht, nicht sofort klar hervor. Das Internet ist ein Ort, an dem jeder behaupten kann, irgendwer zu sein, und niemand es je wissen muss; ein Ort, an dem kluge Menschen diejenigen korrumpieren oder zerstören können, die nicht ganz so klug sind; ein Ort, an dem die freiere Fantasie der Jugend womöglich die eigentliche Macht besitzt – nicht die jeweilige Regierung; ein Ort, an dem Gesetzlosigkeit als Recht verstanden wird.
Daran ist nichts neu.
Zumal das Royal Court gerade erst The Nether herausgebracht hat, das – so ließe sich argumentieren – diese Fragen auf klügere Weise verhandelte.
Am interessantesten ist hier die Erkundung des Wesens der Korruption.
In der Eröffnungsszene werden die Verhörenden langsam von ihren Gefangenen korrumpiert; ganz normale Leute werden durch Gleichgesinnte in einen Gestalt-Avatar-Modus hinein korrumpiert; Geschäftssysteme werden von Hackern korrumpiert; und Ermittler/Whistleblower korrumpieren Hacker, indem sie ihnen die Anonymität nehmen.
Der spannendste Abschnitt des Stücks kommt, wenn zwei Online-Präsenzen (verkörpert als Nerd und als geschmeidige Katze) miteinander in Programmcode sprechen (oder zumindest wirkt es so) und versuchen, sich gegenseitig zu übertrumpfen und auszuschalten. Die siegreiche Katze schnurrt beinahe vor sinnlichem Triumph, als sie den Kampf für sich entscheidet – und doch ist es vor allem faszinierend, diesem seltsamen, beinahe fremdartigen Austausch zuzusehen und mit absoluter Gewissheit zu begreifen, dass so etwas jeden Tag, vielleicht jede Stunde, im Internet geschieht: manchmal zum Spaß, manchmal als Teil von etwas durch und durch Finsterem.
Das große (überwiegend hervorragende) Ensemble erweckt verschiedene Tropen und Memes zum Leben, die im Lauf der Jahre durch das Internet gefegt sind (und teils noch immer): der gönnerhafte Willy Wonka mit der smarten Pointe; Grumpy Cat; der sozial unbeholfene Pinguin; der traurige Stormtrooper; die Aktivistengruppe Anonymous; und viele mehr. Das ist anfangs amüsant und clever, doch als Mittel führt es letztlich zu keiner wirklichen Einsicht oder Katharsis.
Eine der Schwierigkeiten, pseudo-menschliche Avatare zu zeigen – Geschöpfe von Maschinen und jener Wissenschaft, die, wie Atlas, das Internet auf ihren Schultern trägt – ist, dass man für solche Figuren nur schwer Empathie empfindet. Man kann sie leicht verachten oder sich in ihnen wiedererkennen, aber es ist schwer, sie zu lieben oder sich um sie zu sorgen. Price löst dieses Problem im Text nicht, und Piries Regie ebenso wenig.
Am Ende ist das alles ziemlich unerquicklich.
Das Bühnenbild von Chloe Lamford ist durchaus interessant und vermeidet erfreulicherweise jede naheliegende Computer-/Bildschirm-Ästhetik; stattdessen ist es eine Unterwelt – vielleicht ein Hybrid aus Spielbildern, die Menschen aus vergeudeten Internetstunden kennen, vielleicht auch eine Darstellung der langweiligen, grauen Blöcke des modernen Lebens, kontrastiert mit Raserei, Farbe und dem unerwarteten Herumhüpfen, das für manche ein Markenzeichen des Internet-Erlebens ist. Es gibt so etwas wie einen Graben, gefüllt mit bunten Hüpfbällen; einen Boden und halbe Wände aus einem wabenartigen Geflecht verbundener grauer Quadrate, durch die Auf- und Abgänge möglich sind; und über der Bühne hängen Netze voller mehrfarbiger Hüpfbälle – wie im „Graben“ –, von denen einige unweigerlich in fröhlichem Chaos auf die Bühne freigelassen werden.
Viele der Darstellenden sind sehr gut, aber es ist gar nicht so leicht, sie zu identifizieren. Ungewöhnlich für das Royal Court lag kein Textbuch (inklusive vollständiger Biografien der Besetzung) als Programmheft vor. „Das Stück wird noch geschrieben“, lautete die Erklärung.
Allerdings.
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