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REZENSION: The Inheritance, Young Vic Theatre ✭✭✭✭✭
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markludmon
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Mark Ludmon bespricht Matthew Lopez’ kraftvolles neues Stück The Inheritance am Young Vic
Samuel H Levine und Andrew Burnap in The Inheritance am Young Vic. Foto: Simon Annand
The Inheritance
Young Vic
Fünf Sterne
In Howards End schrieb E. M. Forster bekanntlich von der Notwendigkeit, „only connect“ – eine Philosophie, die sein gesamtes Werk durchzieht. In The Inheritance greift Matthew Lopez diesen Klassiker auf, um unterschiedliche Formen von Verbundenheit zu erkunden: zwischen Freund*innen und Liebenden ebenso wie zwischen den Generationen. Locker an Struktur und Figuren des Romans angelehnt, erzählt das zweiteilige Stück vom Leben einer Gruppe schwuler Männer im heutigen New York – und von dem Erbe vergangener Leben, allen voran der verheerenden Dezimierung der queeren Community der Stadt durch den Ausbruch von AIDS in den 1980er-Jahren.
Das Ensemble von The Inheritance am Young Vic. Foto: Simon Annand
Im Zentrum steht das junge Paar Eric und Toby. Es beginnt in der unbeschwerten Obama-Ära mit Dinnerpartys, Brunches und Konzerten – und feiert eine Zeit, in der schwule Männer frei heiraten und gemeinsam Kinder haben können. Vor dem Hintergrund von Trumps Wahl und der Angst, LGBT-Rechte könnten wieder ausgehöhlt werden, gerät auch die eigene Welt des Paares ins Wanken: Sie sollen aus ihrer mietpreisgebundenen Drei-Zimmer-Wohnung an der Upper West Side ausziehen – Erics Familienheim, seit seine Grosseltern nach dem Krieg dorthin zogen.
Andrew Burnap in The Inheritance am Young Vic. Foto: Simon Annand
Für Lopez’ Figuren sind Zuhause und Heimat zentral für ihr Sicherheitsgefühl – ohne sie drohen sie, heimatlos zu werden und sich zu verlieren. Am deutlichsten zeigt sich das in dem Haus, das Eric von einem Freund, Walter, vermacht bekommt – anfangs allerdings ohne sein Wissen; ein zentrales Handlungselement, das aus Howards End entlehnt ist. Nördlich von New York City gelegen, war dieses schmucke Herrenhaus im Kolonialstil in seiner 400-jährigen Geschichte immer wieder ein Ort der Geborgenheit und Heilung – und spielte auch während der AIDS-Epidemie eine eigene Rolle als Zufluchtsort.
Vanessa Redgrave und Samuel H Levine in The Inheritance. Foto: Simon Annand
Die Figuren werden zudem von einem starken Fluchtimpuls angetrieben. Im positiven Sinne ist es die Kraft der Literatur, den Geist für neue Ideen und Erfahrungen zu öffnen. Der obdachlose Sexarbeiter Leo erkennt eine neue Richtung für sein Leben, nachdem Toby ihn unter seine Fittiche nimmt und ihm grosse Literatur nahebringt. Weniger positiv treiben Angst vor Nähe und die AIDS-Epidemie Walters Partner Henry dazu, aus ihrem Zuhause im Norden des Bundesstaats New York zu fliehen, um sich in Arbeit und weltweite Reisen zu stürzen. Toby selbst ist ständig auf der Flucht: Er entkommt seiner dysfunktionalen Herkunft durch eine erfundene Geschichte von Privilegien, die ihn zu einer Art verlorenen Jungen macht – unterstrichen durch seinen vollen Namen, Toby Michael Darling, inspiriert von Wendys Bruder in Peter Pan. Statt sich seiner Vergangenheit zu stellen, weicht er der Wahrheit aus, indem er seine persönliche Fiktion erst in ein Buch und dann in ein Stück verwandelt – und sich in Alkohol und Drogen verliert.
Andrew Burnap und Kyle Soller in The Inheritance. Foto: Simon Annand
Trotz dieser ernsten Themen, einiger herzzerreissender Momente und gehaltvoller, polemischer Szenen über schwules Leben und Politik ist The Inheritance oft sehr komisch. Das Stück ist voll von treffsicheren One-Linern und zugleich von einem augenzwinkernden Bewusstsein dafür, selbst ein literarisches Werk zu sein. E. M. Forster selbst erscheint auf der Bühne und führt einen Grossteil von Teil Eins durch die Handlung; er erfindet die Geschichte gemeinsam mit den Figuren – eine metafiktionale Ebene, die Lopez meisterhaft beherrscht. Gezwungen, sich seiner eigenen Angst vor dem Outing und seiner Weigerung zu stellen, seinen schwulen Roman Maurice zu Lebzeiten zu veröffentlichen, wird Forster von Paul Hilton eindrucksvoll zum Leben erweckt. Mit grosser Wucht gestaltet er zudem Walter, der eine Erinnerungsbrücke zurück in weniger tolerante und von Angst geprägte Zeiten schlägt.
Kyle Soller mit dem Ensemble von The Inheritance. Foto: Simon Anand
John Benjamin Hickey ist hervorragend als Walters Partner Henry Wilcox – die einzige Figur, die ihren Namen aus Howards End übernimmt. Als republikanisch wählender, Trump unterstützender Immobilienentwickler bildet er den Gegenpol zu den liberalen Haltungen der anderen schwulen Figuren; letztlich erweist sich seine Haltung jedoch als unerquicklich, weil ihm Verantwortungsbewusstsein und die Verbindung zu einer breiteren Community fehlen. Kyle Soller fesselt als Eric, dessen Suche nach Sinn und Sicherheit der rote Faden ist, der beide Teile durchzieht. Andrew Burnap bringt in Toby zugleich enorme Energie und Humor, während Samuel H Levine beeindruckt in den Doppelrollen des gebrochenen, drogenabhängigen Leo und des privilegierten Möchtegern-Schauspielers Adam. Sie sind Teil eines starken Ensembles – von aufstrebenden Talenten wie Hubert Burton und Luke Thallon bis hin zu Vanessa Redgrave in einer kleinen, aber bewegenden Rolle, die eine weitere Verbindung zur Vergangenheit schafft. Paul Englishby umhüllt die Darbietungen mit einer sanft erhebenden Musik, die dafür sorgt, dass die Inszenierung reichlich emotionale Treffer landet.
Kyle Soller, Paul Hilton und John Benjamin Jickey in The Inheritance am Young Vic. Foto: Simon Annand
Obwohl das Stück in zwei Teilen über rund sieben Stunden läuft, sorgt Stephen Daldrys präzise Regie dafür, dass es nie zäh wird: Man wird in das Leben dieser Menschen hineingezogen und bangt um ihre Zukunft. Es gibt Sätze und Wendungen, die hörbares Luftschnappen auslösen – in einem Stück, in dem die Figuren oft direkt das Publikum ansprechen. Bob Crowleys schlichtes, aber wirkungsvolles Bühnenbild, eindrucksvoll beleuchtet von Jon Clark, lässt die Darsteller*innen seitlich an den Rändern einer kahlen, einfachen Plattform zuschauen, als würden sie – wie das Publikum – die Geschichte gemeinsam teilen. All das ist Teil von The Inheritances Feier der Community als letztlich sicherstem Ort: durch Freundschaft und Verantwortung und durch das Verständnis dessen, was wir von denen geerbt haben, die vor uns kamen.
Läuft bis 19. Mai 2018
TICKETS FÜR THE INHERITANCE BUCHEN
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