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REZENSION: Der Mann, der das ganze Glück hatte, Kings Head Theatre ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
timhochstrasser
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Jamie Chandler und Alex Warner in The Man Who Had All The Luck. Foto: George Linfield The Man Who Had All The Luck
Kings' Head Theatre
03.09.15
5 Sterne
The Man Who Had All The Luck ist nicht ganz Arthur Millers erstes Stück – aber ganz sicher sein erstes, das professionell auf die Bühne kam. 1941 geschrieben und drei Jahre später mit wenig Erfolg uraufgeführt, verschwand es für viele Jahrzehnte; Miller selbst hielt es für einen Fehlschlag ohne Rettung. In Grossbritannien wurde es 1990 am Bristol Old Vic wiederentdeckt und dann jüngst erneut am Donmar (2008). Das Stück läuft stark gegen die Erwartung, die wir gemeinhin an Miller haben. Ab All My Sons gilt sein Werk als Erforschung tragischer Themen, in denen grosse gesellschaftliche und nationale Fragen im Gefüge eines Familiendramas verhandelt werden. Hier gibt es zwar dieselben innerfamiliären Konflikte und im Hintergrund grössere politische – ja sogar metaphysische – Debatten, doch die Gesamtbewegung ist eine der unaufhaltsamen Erfolge, nicht des Desasters, für die Hauptfigur. Genau darin liegt der Kern. Es ist eine Studie über die Qual und den Selbstzweifel, die mit anhaltendem guten Glück einhergehen – das der Protagonist selbst für völlig unverdient hält. David Beeves (Jamie Chandler) beginnt als einfacher Garagenmechaniker mit wenigen Fähigkeiten oder offensichtlichen Talenten, und doch fügt sich für ihn alles – beruflich, in der Liebe und in Freundschaften. Er ist erfolgreich, ohne dass es auf Kosten anderer geschieht. Aber das reicht nicht, denn für ihn gibt es weiterhin keine klare Identität und keinen Sinn im Leben: Um Miller selbst zu zitieren: „Er häuft Schätze an, die rosten – und aus denen sein Geist längst geflohen ist.“ Zudem nehmen seine Mitmenschen, allen voran sein Bruder Amos (Michael Kinsey), ein zermürbendes Scheitern an, das ebenso vollständig und scheinbar zufällig ist wie Davids Erfolg.
Jamie Chandler, Michael Kinsey in The Man Who Had All The Luck. Foto: George Linfield
Es muss doch irgendwo im Leben ein Prinzip der Gerechtigkeit geben, oder? Oder ist wirklich alles nur Zufall – wie die Bewegungen einer Qualle in der Strömung: „Die Flut kommt und die Flut geht. Über das, was ihm widerfährt, hat der Mensch sehr wenig zu sagen.“ Reicht es wirklich zu behaupten, Menschen scheiterten oder hätten Erfolg durch Glück oder Pech, durch einen einzigen Fehler? Ohne den ordnenden (und beruhigenden) Rahmen griechischer Götter oder des christlichen Gottes – wo ist dann Sinn zu finden?
Millers dramatische Antworten auf diese zeitlose Frage sind noch nicht so radikal durchdrungen oder so schneidend wie in den späteren Stücken, aber sie greifen bereits vieles vorweg. Durchhaltevermögen, Bescheidenheit und die unablässige Suche nach Integrität im Umgang mit anderen werden durchaus bestätigt – allerdings nicht naiv. Vertraute Themen tauchen als Träger der Debatten der Figuren auf: Ist der amerikanische Traum Betrug oder Realität in der Depressionszeit, in der das Stück spielt? Sind Ehrgeiz und individuelle Leistung wirklich das, was sie zu sein scheinen – oder nicht? Gelten für Privates und Öffentliches unterschiedliche Regeln? Können Väter und Söhne und Brüder zusammenarbeiten – oder sind sie zwangsläufig zu Streit und Konflikt verdammt?
Neben David selbst gibt es sehr sorgfältig ausgearbeitete Rollen für seine Jugendliebe und später unterstützende Ehefrau Hester (Chloe Walshe), seinen Vater Pat (Keith Hill) und seinen Bruder – sowie eine ganze Galerie von Kleinstadtbewohnern aus dem mittleren Westen. Die wichtigste unter ihnen ist Gus (Alex Warner), ein hochqualifizierter österreichischer Einwanderer und Mechaniker, einer der wenigen, die wirklich zu David durchdringen und einen Zugang zu seinem inneren Schmerz finden. In der zweiten Hälfte wird die Auseinandersetzung inhaltlich weitgehend zwischen diesen beiden ausgetragen.
Jamie Chandler, Chloe Walshe und Alex Warner in The Man Who Had All The Luck. Foto: George Linfield
Das Stück ist sehr gut – und ohne Zweifel ein wichtiger Teil des Miller-Kanons; aber es ist kein Meisterwerk. Neben den aussergewöhnlichen, unverwechselbaren Qualitäten muss man sagen, dass es auch einige Ungeschicklichkeiten in der Dramaturgie gibt. Manche Passagen sind erstaunlich knapp geschrieben und zu rasch abgehandelt – etwa der plötzliche Tod des monströsen Patriarchen, der Davids und Hesters Beziehung langfristig am stärksten im Weg steht. Wenn diese Spannung einmal aufgebaut ist: Warum wird sie so abrupt beiseitegeschoben? Ebenso wirkt es wie eine verpasste Chance, dass wir von Bruder Amos in der zweiten Hälfte so wenig sehen, sobald der didaktische Punkt seines beruflichen Scheiterns als Baseball-Pitcher gemacht ist.
Vielleicht liegt das Grundproblem darin, dass das Stück nie ganz scharf fokussiert und Ausflüge in verschiedene Genres unternimmt. Es droht insgesamt in eine tragische Richtung zu gehen, und gewiss gehen mehrere Figuren vollständig zugrunde. Doch weil es sich nie eindeutig festlegt, verheddert sich die zweite Hälfte in ein paar zu vielen melodramatischen Wendungen – als könnte Miller selbst sich nicht entscheiden.
Miller hält in seiner Autobiografie Timebends (1987) fest, dass ihm der Kritiker John Anderson sehr aufschlussreich erklärte, warum das Stück nicht funktionierte. Er sagte ihm, im Stück lauere eine Schattenwelt der Tragödie: „Du hast eine Tragödie geschrieben, weisst du – aber im Stil einer volkstümlichen Komödie.“ Das war für Miller offensichtlich eine wichtige Lektion; denn so schwer es auch ist, über seine späteren Stücke hinweg zu verallgemeinern, gibt es von da an nie wieder Unsicherheit darüber, welches Genre er gerade verfolgt.
Chloe Walshe und Jamie Chandler in The Man Who Had All The Luck. Foto: George Linfield
An der Produktion gab es vieles zu bewundern. Die sehr reduzierte Bühne funktionierte gut, weil sie uns dazu zwang, vor allem auf den Text und die Dilemmata der Figuren zu schauen und darüber nachzudenken. Ich habe nicht verstanden, warum die letzte Seite des Stücks in der zweiten Hälfte wie die Tafeln des Gesetzes auf dem Bühnenboden erschien – aber ansonsten war es eine angenehm geradlinige, unprätentiöse Inszenierung. Zudem wurde bei den Umbauten kaum Zeit vertrödelt – etwas, das mir bei früheren Produktionen an diesem Haus bereits als Problem aufgefallen ist.
Besetzungsmässig gab es keine offensichtlichen Schwächen – abgesehen von ein paar Unsicherheiten, die so früh in der Laufzeit kaum zu vermeiden sind. Die Akzente sassen meist, und alle bewegten sich mit Selbstvertrauen und natürlichem Bewegungsfluss über die sehr kleine Bühne im Thrust-Format – grosses Lob an Regisseur Paul Lichtenstern. Die Hauptrollen waren mit jungen Darstellerinnen und Darstellern besetzt, deren Dringlichkeit, Intensität im Ton und Hingabe an das Stück genau das sind, was Millers anspruchsvollen, ambitionierten Dialog zum Leuchten bringt. Dieses starke Ensemble-Spiel lässt auf kommende Produktionen der preisgekrönten Compagnie End of Moving Walkway sehr hoffen.
Arthur Miller wurde vor hundert Jahren geboren. Ein Jubiläumsjahr bedeutet – wenn es überhaupt etwas bedeutet –, Werk neu zu entdecken. Das King’s Head verdient grosses Lob dafür, diesen grossen Autor nicht mit einem der Stücke zu feiern, die wir in- und auswendig kennen, sondern mit einem weniger bekannten, aber keineswegs geringeren Werk, das bis heute kraftvoll zu uns spricht.
The Man Who Had All The Luck läuft am King’s Head bis zum 27. September 2015
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