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KRITIK: Unsere kleine Stadt, Almeida Theatre ✭✭✭✭✭

Veröffentlicht am

Von

stephencollins

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Foto: Marc Brenner Unsere kleine Stadt Almeida Theatre 21. Oktober 2014 5 Sterne

Thornton Wilder gewann drei Pulitzer-Preise. Die Auszeichnung, die er 1938 erhielt, war für Unsere kleine Stadt, das im selben Jahr am Broadway uraufgeführt wurde. Wie ungewöhnlich, herausfordernd, vielleicht sogar verstörend muss diese erste Produktion für das damalige Theaterpublikum gewesen sein – kein Bühnenbild, minimale Requisiten, das Pantomimieren alltäglicher Handlungen, ein Erzähler, der direkt zu ihnen sprach, die Vierte Wand durchbrach, dazu Einblicke in Erzählfäden und kleine Vignetten, die einzelne Figuren konturierten. Es muss berauschend, faszinierend, inspirierend gewesen sein. Frisch.

Stilvoll und gekonnt gemacht, kann Unsere kleine Stadt all das bis heute sein – und noch mehr. Das zeigt David Cromers meisterhafte Wiederaufnahme des Stücks, die nun nach erfolgreichen Spielzeiten rund um den Globus am Almeida Theatre zu sehen ist, mühelos.

Cromer ist ein Genie. Alles hier – wirklich alles – funktioniert. Perfekt. Erhaben. Mit ganzem Herzen. Es gibt nichts, worüber man sich beschweren oder herumkritteln könnte.

Also – jedenfalls dann, wenn man nicht für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika wählbar ist. Denn wie das Programmheft andeutet (auch über das Logo/Icon dieser Produktion), möchte Cromer Wilders Stück universeller machen, indem er von den Darstellerinnen und Darstellern verlangt, Akzente zu verwenden, die im Vereinigten Königreich vertraut sind und von dort stammen. Das ist womöglich umstritten: Wilder gilt als so amerikanisch wie Blaubeerkuchen, und tatsächlich hat der Text einen Rhythmus sowie sehr spezifische Wörter und Wendungen, die den Dialog tief in New Hampshire verorten, wo Grover’s Corners, der Ort des Geschehens, liegt. Man kann also nachvollziehen, warum Amerikanerinnen und Amerikaner bei den Akzenten in einer Inszenierung dieses großen „amerikanischen“ Stücks ein gewisses Besitzgefühl entwickeln.

Doch statt die Kraft und Wirkung von Wilders Werk zu schmälern, zahlt sich Cromers Akzent-Entscheidung richtig aus. Die klaren Klassenunterschiede, die nicht-amerikanischen Ohren so oft entgehen, werden mit englischen Akzenten glasklar. Außerdem erhält das „Unser“ im Titel echtes Gewicht. Diese Inszenierung handelt nicht von irgendeinem putzigen, altmodischen Fleck in den landwirtschaftlichen Weiten Amerikas – nein, sie handelt von uns, von unseren Städten, unseren Menschen, unseren Leben. Die lokalen Akzente befeuern die Universalität des Stücks.

Und eigentlich tut das Cromers gesamter Blick auf den Stoff. Stephen Dobays Bühne und Alison Siples Kostüme fügen sich zu einer ganz gewöhnlichen Landschaft – einer Palette des Wiedererkennens und der Vertrautheit. Zwei Abschnitte der vordersten Reihe werden beinahe zu den sprichwörtlichen Lattenzäunen oder Durchgangsstraßen der Stadt; das macht einige der dort sitzenden Zuschauerinnen und Zuschauer zwar unbequem, unterstreicht aber umso stärker den inklusiven Zugriff auf den Text. Heather Gilberts Licht ist schlicht magisch; die allmähliche Veränderung der Helligkeit evoziert den beabsichtigten Zeitverlauf und die jeweilige Tageszeit. Die Lampen selbst – so gestaltet, dass sie wie ganz normale Haushaltsleuchten wirken – verstärken das Gefühl von Häuslichkeit, von Intimität. Und dass das Saallicht anbleibt, sorgt dafür, dass das Publikum stets wahrnimmt: Man schaut nicht nur, man wird auch gesehen – eines von Wilders Themen darüber, wie Leben gelebt werden (oder eben nicht).

Und wenn es dann im dritten Akt kommt, ist der spektakuläre Design-Trick atemberaubend. Einfach atemberaubend.

Gerade dieser Akt nutzt in einer Rückblende plötzlich amerikanische Akzente – eine weitere geniale Regieentscheidung, die die Geschichte der Stadt mit dem Erzähler verknüpft und zugleich einen zusätzlichen Weg findet, die Universalität der Themen zu spiegeln, während das Publikum daran erinnert wird, wo das Stück seinen Ursprung hat.

Wilders Stück wirkt an der Oberfläche täuschend schlicht, aber diese Schlichtheit ist nur das Abdecktuch – die Schätze darunter sind reichlich und fesselnd. Im Kern ist es ein Stück darüber, was es heißt, Mensch zu sein, und über die Dinge, die Menschen aus Gruppendruck oder elterlichem Druck oder weil sie glauben, das Leben verstanden zu haben, immer wieder tun, um ihr eigenes Leben kleiner zu machen. Es ist ebenso konfrontativ wie bezaubernd.

Wäre es heute geschrieben, würde es einen weiteren Pulitzer-Preis gewinnen. Ohne Frage. Es ist so frisch, wichtig und dringlich wie 1938. Cromer versteht das vollkommen – und stellt sicher, dass das Publikum es ebenfalls versteht.

Neben seiner Regiearbeit spielt Cromer den Stage Manager – Wilders Erzähler, der mit dem Publikum in Kontakt tritt und, wie es selbst, die Handlungen der Stadtbewohnerinnen und -bewohner beobachtet. Ohne jede Herablassung, eher mit einem leisen Hauch von Schulmeister, ist Cromer erstaunlich gut: ob er eine der kleinen Figuren der Handlung übernimmt (etwa den Limonadenverkäufer oder den Trauredner), dem Publikum Informationen zusteckt oder mit ihm interagiert und es sanft zur Teilnahme anstupst. Er nutzt seinen amerikanischen Muttersprachenakzent – und rahmt das Werk damit als amerikanisches Werk, ohne die Universalität der Themen und Figuren zu stören. So stilvoll, so unaussprechlich klug perfekt, so wandelbar und empathisch. Eine großartige Leistung.

Aber bei weitem nicht die einzige an diesem Abend. Jede einzelne Person, die auftritt, ist perfekt besetzt und bringt Glanz und Vergnügen durch ihre bloße Präsenz. Jede einzelne. Selbst diejenigen, die keinen Text haben. Ich kann mich nicht an ein fehlerloser besetztes Ensemble erinnern. Ich ziehe vor jeder und jedem den Hut. Das ist Ensemble-Spiel in Bestform. Warm, einladend, schmerzlich ehrlich, vollkommen vertraut.

Einige herausragende Leistungen verdienen besondere Erwähnung. Christopher Staines ist hervorragend als Simon Stimson, der alkoholkranke Chorleiter, über den im Ort endlos getratscht wird, dem aber niemand auch nur einen Finger zur Hilfe rührt. Berührend und urkomisch – Staines’ Arbeit ist pures Vergnügen. Wer je in einem Chor war, wird sofort verstehen, wie meisterhaft Staines die unendliche Qual darstellt, alle Stimmen und Einsätze beizubringen; das ist sehr, sehr komisch. Und es konterkariert mit elektrisierender Brutalität die Momente, in denen Stimson in der Fuge seiner eigenen Verzweiflung und Zynik versinkt.

Annette McLaughlins brutal ehrliche Darstellung der schalen Dorftratsche Mrs Soames ist besonders deftig und voller Freude. Daniel Kendricks verlässlicher Milchmann Howie und Rhashan Stones öffentlich bewunderter, privat aber unerquicklich-abstoßender Dr Gibbs sind köstliche, perfekte Leckerbissen.

Anna Francolini liefert die Rolle ihres Lebens als Mrs Gibbs, die Frau des Doktors, die ihren Tag damit verbringt, die Bedürfnisse der Familie zu erfüllen, und dabei ihre eigenen Träume träumt – in dem Wissen, dass sie immer knapp außer Reichweite bleiben werden. Ihr mütterliches Sorgenmaß ist perfekt getroffen, ebenso das Bild eines völlig vergeudeten Lebens mit einem undankbaren und selbstgefälligen Ehemann. Im dritten Akt ist sie wirklich wunderbar: reduziert, präzise, vielschichtig. Der frühe Tod ihrer Figur schmälert Francolinis großartig austarierte Leistung kein bisschen.

Die gesamte Webb-Familie ist perfekt gezeichnet: Kate Dickies ausgelaugte Mutter; Laura Elsworthys kluge, frühreife Schülerin (des Lebens, wie sich herausstellt), Emily; Arthur Byrnes tragischer Wally; und Richard Lumsdens wunderbar gewöhnlicher Vater. Als Familiengefüge besitzen sie eine bemerkenswerte Vitalität. Zwei Szenen sind besonders großartig: wenn Mr Webb seinem zukünftigen Schwiegersohn Weisheiten mitgibt (urkomisch und tiefgründig); und Emilys 12. Geburtstag (warm, aufregend und letztlich verheerend).

Die Leistung des Abends kommt jedoch von David Walmsley als George Gibbs. Ich weiß nicht, wie alt Walmsley ist, aber er ist kein Teenager – und überzeugt im ersten Akt dennoch vollständig als einer: dieser grummelige, verlorene Jugendliche, mit dem so viele Eltern vertraut sind. In jeder Sekunde auf der Bühne ist Walmsley vollkommen engagiert, vollkommen überzeugend und vollkommen großartig. Im zweiten Akt sind seine unbeholfenen Begegnungen mit Elsworthys Emily unvergesslich – vom scheinbar komplizierten Unterfangen, ihre Bücher zu tragen, bis zu dem teuflisch peinlichen Moment, in dem er ihr seine Liebe gesteht. Zart, wahrhaftig und zeitlos ist Walmsley in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Sein Weg vom motzigen Jungen zum männlichen, entschlossenen Ehemann und Vater ist sicher und vollkommen real. Und seine fast lautlose, erschütternde Darstellung lähmender Qual im dritten Akt krönt diese geradezu shakespearehafte Wendung.

Das ist eine phänomenal wirkungsvolle und ehrgeizige Wiederaufnahme eines Meisterwerks. Sie stellt den Glauben an die Kraft und Magie des Theaters wieder her und zeigt sehr klar, dass die Besetzung mit Schauspielerinnen und Schauspielern, die wirklich spielen können, der Schlüssel zu erfolgreichem Theater ist. Sie lässt Herz und Geist aufsteigen – auch wenn unterwegs ein paar Tränen fließen mögen. Kraftvoll. Fesselnd. Unvergesslich. Warm. Ein Unsere kleine Stadt für unsere Zeit.

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