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REZENSION: Ohne Juden wird man nicht am Broadway erfolgreich, St James Theatre ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
28. August 2015
Von
danielcolemancooke
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Die Besetzung von You Won't Succeed On Broadway If You Don't Have Any Jews. Foto: Pamela Raith You Won't Succeed on Broadway if You Don't Have Any Jews
St James’ Theatre
27. August 2015
4 Sterne
Den Auftrag zu bekommen, eine Revue aus grossartigen jüdischen Showtunes zusammenzustellen, muss sich anfühlen wie Fische im Fass zu schiessen.
Diese Revue will das Beste aus einer überaus erfolgreichen Ernte herauspicken – und was für ein Bestes das ist: Zu den Shows jüdischer Komponist*innen zählen Oklahoma, Der Zauberer von Oz, Guys and Dolls, Anatevka, Die Schöne und das Biest, Rent und Gypsy. Gershwin, Berlin, Hammerstein und Sondheim sind wie zu erwarten stark vertreten, dazu ein paar Überraschungen – wer hätte gedacht, dass Boublil und Schonberg, bekannt durch Les Mis, jüdisch sind?
Mit so einem Talentpool ist die Setlist erwartungsgemäss hervorragend – bei fast jedem ersten Takt ging ein anerkennendes „Ooo“ durch den Saal. In dieser Produktion gibt es 28 erlesene Nummern (Medleys nicht mitgerechnet), und ich bin sicher, man könnte ein Dutzend grossartiger Shows mit dem füllen, was es nicht in die Auswahl geschafft hat. Umso erstaunlicher wirkte allerdings, dass nichts aus The Producers dabei ist – ein Musical, das so jüdisch ist wie Challah und Gefilte Fisch (sie heissen schliesslich Bialystock und Bloom!).
Die Show ist chronologisch aufgebaut: Sie beginnt mit der jüdischen Masseneinwanderung nach Amerika in den frühen 1930er-Jahren und endet in der Gegenwart. Zwischen den Jahrzehnten gab es jeweils einen Clip, der historischen Kontext lieferte und mehr über die Songs erklärte. Das hätte leicht etwas dröge und repetitiv werden können, doch die begleitenden Animationen waren ein echter Hingucker. Diese Vignetten wurden zudem live von Inga Davis-Rutters Band untermalt, die den ganzen Abend über ausgezeichnet war.
Diese Show sprüht vor Leben und Energie und vermeidet die Statik, die vielen Revuen zu schaffen macht. Jeder Song ist klar als eigenes kleines Theaterstück gedacht – nicht als blosses „Sing-along“ –, und Chris Whittackers Choreografie ist entscheidend dafür, dass das gelingt. Am meisten Spass macht das Tanzen, wenn es die jüdischen Wurzeln der Show umarmt: Tradition aus Anatevka und das mitreissende Finale wurden beide von energiegeladenen Routinen begleitet. Es fühlte sich an, als wäre man Gast auf einer jüdischen Hochzeit – ansteckend überdreht und herrlich beschwingt.
John Barr und das Ensemble in Be Our Guest. Foto: Pamela Raith
Die Übergänge zwischen den Songs – die bei Revuen oft den Schwung ausbremsen – waren flott und einmal geradezu urkomisch. Jackie Marks, die erste Britin, die Fantine spielte, lieferte eine umwerfende Version von I Dreamed a Dream aus Les Mis. Als sie mit bebenden Lippen die Bühne verliess, wurde sie fast von einer Schar neonbunter, in Lycra gekleideter Fitness-Fanatiker überrollt, die hereinrannten, um eine showstoppende Version von Fame hinzulegen. Beide Auftritte waren auf ihre Weise brillant; die enorme Vielfalt hielt den Abend frisch – und die Show blieb angenehm kurzweilig.
So gut die Choreografie insgesamt auch war, an manchen Stellen hätte sie etwas sparsamer eingesetzt werden können. Die energiegeladenen Ensemblenummern profitierten klar von der Truppe aus sechs hervorragenden Tänzer*innen. Bei Solonummern und während der Videos wirkte ihr Einsatz jedoch oft ablenkend, wenn das Geschehen eigentlich für sich sprach. Eine Tanznummer, während das Publikum zugleich einen Screen an einer anderen Stelle der Bühne anschauen soll, wirkt kontraproduktiv – besonders, wenn einige Themen so schwer wie der Holocaust und 9/11 sind. Ebenso brauchte Sophie Evans’ grossartige Interpretation von Over the Rainbow kein ballettartiges Beiwerk in der zweiten Strophe – zumal es Evans stellenweise sogar dem Blick des Publikums entzog.
Revuen sind immer ein bisschen Glückssache – und zum Glück gab es hier deutlich mehr Treffer als Ausrutscher. There’s No Business Like Show Business (aus Annie, Get Your Gun) wurde bis zum letzten Quäntchen komischen Potenzials ausgespielt, und ein Medley aus Our Fair Lady gab Mia Ormala die Gelegenheit, ihr aussergewöhnliches Höhenregister zu zeigen. Auch der relative Neuzugang Danny Lane machte aus Everything’s Coming Up Roses aus Gypsy eine starke Nummer – mit echter Leidenschaft. Die bereits erwähnte Tradition und das Finale (der Titelsong aus Spamalot) waren die unbestrittenen Highlights und schlossen die erste und zweite Hälfte mit echtem Stil ab.
Sophie Evans. Foto: Pamela Raith
Trotz des insgesamt hohen Qualitätsniveaus gab es ein paar Songs, die nicht ganz mithalten konnten. Four Jews in a Room aus March of the Falsettos kam beim Publikum gut an, blieb für mich musikalisch jedoch deutlich hinter dem Rest der Setlist zurück. Big Spender aus Sweet Charity funktioniert am besten als verführerisch-süffisante Nummer, bekam hier aber eine Art Choreografie, die vermutlich nach einem Abstecher ins Spearmint Rhino entstanden ist. Umgekehrt hatte La Vie Boheme aus Rent, das eigentlich anarchisch und rotzig sein sollte, in einem durchwachsenen Rent-Medley ungefähr so viel Biss wie ein Dorffest – immerhin mit Natalie Lipin, die fast wie ein Double von Idina Menzel aus der Originalbesetzung von Rent wirkt.
Das zwölfköpfige Ensemble war durchweg hervorragend – eigentlich unfair, Einzelne herauszugreifen, denn alle waren fantastisch; aber wie Irving Berlin sagen würde: „that’s show business“. John Barr ist ein West-End-Veteran und zeigte seine Klasse und sein komödiantisches Timing in einer wunderbaren Version von Be Our Guest – ebenso, als er das starke Finale anführte. Die Besetzung wurde nicht ganz gleichmässig eingesetzt, und Barr schien in weiten Teilen des zweiten Akts zu fehlen; seine Rückkehr gab der Produktion spürbar Auftrieb.
Sophie Evans ist ebenfalls ein echter Star mit einer grossartigen Stimme – ihre Versionen von Fame und Over the Rainbow waren absolut treffsicher. Sie hat eine sehr ausdrucksstarke Mimik und tanzte, wenn es nötig war, auch sehr gut (einige Kolleg*innen schienen vom anspruchsvolleren Tanzen eher verschont zu bleiben). Sarah Earnshaw war zudem herrlich komisch als Braut in Not Getting Married Today aus Company – eine aussergewöhnlich schwierige Nummer selbst für die versiertesten Sänger*innen.
Diese Revue ist ein Riesenspass und hervorragend produziert – sie verbindet grossartige Musik und Leistungen mit einer klugen Reise durch die Geschichte des jüdischen Musiktheaters. Die Show hat bereits in Tel Aviv das Publikum begeistert (da predigt man natürlich den Bekehrten!), und nach dem heutigen Publikum zu urteilen, hat sie auch in London einen Volltreffer gelandet.
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