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REZENSION: Ein fragiles Gleichgewicht, John-Golden-Theater ✭✭✭✭

Veröffentlicht am

Von

stephencollins

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John Lithgow und Glenn Close in A Delicate Balance. A Delicate Balance

Das John Golden Theatre

15. Januar 2015

4 Sterne

Ein Gefühl von destillierter Vornehmheit, von erzwungener Standhaftigkeit, liegt schwer in der Luft. Tobias schildert in erschreckenden, zugleich exquisiten Details den Moment, als ein geliebtes Haustier eingeschläfert wurde; Claire trinkt Cognac und beobachtet Agnes, die Tobias aufmerksam studiert, als würde sie Putz nach Rissen absuchen. Plötzlich steht jemand vor der Tür. Wie eine Böe aus hektischen, verkrampften Stössen sauren Regens huschen Edna und Harry herein – vollkommen fehl am Platz, biedermännisch, und doch aufgeschreckt und beunruhigend. Ihre Anwesenheit verändert alles: Die eingespielten Rhythmen von Ehemann, Ehefrau und Schwägerin werden zerschlagen; nun spielt eine neue Melodie, und niemand weiss so recht, welche. Ausser vielleicht Claire, deren Trunkenheit ihre Scharfsicht eher befördert als behindert.

Es ist Edward Albees mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Stück A Delicate Balance, derzeit am Broadway im John Golden Theatre zu sehen – in einer Wiederaufnahme unter der Regie von Pam Mackinnon, die für ihre Inszenierung eines weiteren Albee-Meisterwerks, Who's Afraid Of Virginia Woolf, einen Tony Award gewann. So wie Mackinnon diesen grossen Text neu gedacht, nach Gold gegraben und es gefunden hat, nähert sie sich auch hier dem Stück auf frische Weise.

Ob das am Ende aufgeht, wird zweifellos Stoff für Diskussionen liefern. Für mich war das mit Abstand die komischste Version dieses Stücks, die ich je gesehen habe. Und genau wegen dieser komödiantischen Kante wirkten die düstersten Passagen noch dunkler, die Ausbrüche von Niedertracht und Galle verzweifelter erschütternd, und das Gefühl von Leben, die in Elend und Missverständnissen verbracht wurden, noch schärfer.

Wie schon bei ihrer Who's Afraid Of Virginia Woolf-Inszenierung versteht Mackinnon A Delicate Balance nicht als Starvehikel. Oft konzentrieren sich Produktionen auf die schein-ist-alles Agnes, die alkoholkranke Claire oder den Drinks-ausschenkenden-während-um-ihn-herum-die-Hölle-brennt Tobias – aber nicht hier. Das ist ein echter Ensemble-Blick auf das Stück. Jede Figur bekommt Aufmerksamkeit und Fokus, und zwangsläufig verschiebt sich das Gleichgewicht. Andere Facetten rücken in den Vordergrund; Figuren, die sonst kaum Spuren hinterlassen, gewinnen plötzlich echte Bedeutung – mit dem Ergebnis, dass vorgefasste Vorstellungen, die man vom Stück haben könnte, herausgefordert werden.

Diese Produktion setzt ihre eigene Agenda – ausdrücklich im Einklang mit dem Text – und heraus kommt eine energiegeladene, präzise Lesart, die sich auf Verlust, Terror, Freundschaft, Recht und Unrecht konzentriert. Stille und Schmerz. Angst und – schliesslich – Hoffnung.

In den meisten Inszenierungen dieses Stücks gibt es einen Moment echten, körperlich spürbaren Horrors – meist einen, der mit Claire und Alkohol zu tun hat. Hier kommt der Moment, bösartig und überraschend, als Edna Julia hart ins Gesicht schlägt. Es ist wirklich schockierend; die Wucht des Schlages hallt durch den ganzen Zuschauerraum.

Denn hier sind Edna und Harry von entscheidender Bedeutung. Sie werden von einem unbenannten Schrecken in ihrem eigenen Haus geängstigt und suchen, unangekündigt, Zuflucht bei Agnes und Tobias – ihren ältesten Freunden; sie kennen sich seit 40 Jahren. Sie wirken zunächst mausig und schreckhaft, doch es stellt sich heraus, dass in ihnen ein härterer Stahl steckt als in allen anderen, bei denen sie Schutz suchen. Anfangs klein von Gestalt, entwickelt jede*r von ihnen im Verlauf des Abends eine rücksichtslose Durchsetzungskraft und pocht auf die eigenen Rechte, so wie sie sie sehen.

Es ist elektrisierend zu erleben, wie dieses Aussenseiterpaar eine Familie, die sich ihre Schützengräben gegraben und ihre Muster eingerichtet hat – im Namen der Anständigkeit und des Gleichgewichts des Lebens –, aus den Angeln hebt und neu justiert.

Clare Higgins ist als Edna schlicht sensationell. Sie trägt eine Maske vorstädtischer Jovialität, härter als Titan – doch ihre Augen sind die ganze Zeit wach: prüfend, kalkulierend, abwägend, sich verengend. Ihr Auftritt lässt vermuten, dass sie von Angst gepackt ist, doch das verfliegt schnell, sobald sie auf Terrain ist, das sie versteht, wo die Rhythmen ihr vertraut sind. Sie lächelt ständig, obwohl klar ist, dass sie mit den Menschen, die sie anlächelt, nicht besonders zufrieden ist. Eine grossartige, anregende Leistung voller Nuancen und Witz.

Besonders einprägsam ist die Szene, in der sie den anderen Frauen beschreibt, wie sie Harry in der Nacht zuvor getäuscht habe, als er zu ihr ins Bett kam, und ihn glauben liess, sie wolle sexuelle Beziehungen mit ihm. Das ist ein kalter, schneidender Moment und etabliert sie eindrucksvoll als Alpha-Frau der Gruppe. Zugleich wirft es die Frage auf, ob es Edna war, mit der Tobias einst eine Affäre hatte – Claire stichelt Tobias mit ihrem Wissen um den Vorfall, aber es bleibt unklar, wer die Frau war; Claire selbst oder jemand anders? Tobias’ giftige Abrechnung mit Edna kurz vor dieser Szene stellt seine Verbindung zu ihr frontal in den Raum. Warum hasst er sie so? Higgins belebt diese Unterströmungen mit vollendeter Leichtigkeit.

An Higgins’ Seite als der scheinbar sanftmütige und kleine Harry steht der wunderbare Bob Balaban, ein Meister von Stille, Pause und subtiler Bedrohung. Er kann einen Schluck Whisky trinken, als würde er eine Atombombe abwerfen. Seine letzte Szene mit Tobias, in der er seinen alten Freund zwingt, sein Leben neu zu bewerten, ist geradezu verblüffend – voller Kraft und unterdrückter Wut. Zusammen machen Balaban und Higgins diese Produktion zu dem Erfolg, der sie ist. Sie bringen das Gleichgewicht des Haushalts, in den sie eindringen, durcheinander – und richten es dann neu aus.

Lindsay Duncan liefert eine der nüchternsten alkoholkranken Claires, die ich je gesehen habe – und überraschenderweise funktioniert das ausgesprochen gut. Sie etabliert glaubwürdig die Gewohnheiten und Manierismen einer lebenslangen Abhängigkeit; Wodka, Gin und Whisky fliessen ihr durch die Adern, mitsamt dem Eis, das sie gewöhnlich begleitet. Es ist keine besonders ätzende oder effektvolle Darstellung, aber Duncan strahlt Schmerz und Intelligenz in gleichem Mass aus. Sie trinkt, um zu trinken, nicht um zurechtzukommen. Ihre Arbeit mit dem Akkordeon ist schlicht inspiriert.

Körperlich und stimmlich funktioniert sie als Schwester von Glenn Closes Agnes und als Tante von Martha Plimptons aus dem Ruder gelaufener Julia. Es gibt einen klaren Familiensinn, den die Darstellerinnen sichtbar machen. Auch Duncans Kostüme markieren ihren Stil als Gegenpol zu Agnes – und es kann sein, dass sie mit dem Kurzhaarschnitt und den Hosenanzügen einen Hinweis auf Claires Sexualität geben wollte. Wie auch immer man es sieht: Das ist eine kontrollierte, fein austarierte und wirkungsvolle Claire – zugleich witzig und furchtbar.

Martha Plimpton kommt nicht ganz so gut weg. Als Julia ist sie zu schrill und zu sehr Teenager. Obwohl Julia vielleicht nie erwachsen geworden ist, deutet Plimpton nichts von den Lektionen an, die sie in ihren vier Ehen gelernt haben muss. Die hohe Tonlage in weiten Teilen ihrer Arbeit steht dem tieferen Grundton und Puls des restlichen Ensembles entgegen – was sich hätte auszahlen können, wenn Plimpton nicht so ausser Kontrolle wirkte. Vielleicht war allerdings genau das der Punkt.

John Lithgow überzeugt, wie immer, als alternder Patriarch Tobias. Im ersten Akt wirkt er beiläufig und desinteressiert, aber das ist nur ein kluger Weg zu zeigen, wie Tobias mit den Frauen in seinem Leben umgeht. Er verteilt Alkohol wie ein Arzt Heilmittel bei einer Epidemie; tatsächlich etabliert er den Spirituosenschrank sorgfältig als sein Revier, einen Ort, von dem aus er die Angreiferinnen besänftigen kann, die in seinem Wohnzimmer umherstreifen.

Er wird brutal lebendig, wenn er über das Schicksal der Katze spricht, die nicht mitspielen wollte und deshalb starb, und sein wachsendes Gefühl von Empörung und Unzulänglichkeit ist fein dosiert. Seine zwei grossen Szenen im letzten Akt sind schlicht grossartig: Agnes sagt ihm, es sei seine Entscheidung, was man mit der Plage tun solle, die in ihr Leben eingedrungen ist, und Harry sagt ihm, dass er und Edna gehen werden, weil ihre Freundschaft nicht das ist, wofür sie sie gehalten haben. Besonders stark ist Lithgow dabei, wie er unter Bob Balabans ruhiger, skalpellartiger Zerlegung als Harry auseinanderfällt.

Und schliesslich Glenn Close, deren Agnes zugleich gewöhnlich und leuchtend ist. Sie trieft vor kultivierter Affektiertheit, verbirgt die meiste Zeit ihren Ekel vor ihrer Lage und schmerzt jedes Mal, wenn sie ein Problem abwürgen muss, um das Gleichgewicht in ihrem Haushalt – so gut sie kann – wiederherzustellen. Am wirkungsvollsten ist sie in den Momenten, in denen sie die anderen betrachtet, sie einschätzt und entscheidet, wie sie mit ihnen umgehen wird. Sie ist in jedem Moment auf der Bühne wach und fokussiert.

Sie entscheidet sich nicht für einen lyrischen Zugriff auf den Text – und das zahlt sich aus. Die Szene, in der sie Lithgows Tobias wegen seiner Weigerung zurechtweist, nach dem Tod ihres kleinen Sohnes noch mit ihr zu schlafen, ist erschütternd – ein glorreiches Kaleidoskop aus Emotionen und Trauma. Sie bewältigt die langen Monologe hervorragend, und besonders gefallen haben mir die Eröffnungs- und Schlussrede, in denen sie über ihre Angst spricht, verrückt zu werden, und im letzten Akt über die heilende Kraft des Sonnenlichts. Für mich war sie die perfekte Agnes für diese Produktion: anmutig, rachsüchtig, verbittert, sarkastisch und tödlich verletzt. Ein starker Cocktail.

Es gibt zwei weitere starke „Darsteller“ unter den zentralen Figuren: Angst und Alkohol. Beide scheinen dauerhaft auf der Bühne präsent zu sein – in unterschiedlichen Gestalten und auf unterschiedliche Weise –, aber beide sind essenziell für das Lebensblut von Mackinnons Lesart. Interessanterweise: Wo ihre Who's Afraid Of Virginia Woolf-Inszenierung einen am liebsten an die Bar treiben und einen Drink bestellen liess, erzielt diese Produktion den gegenteiligen Effekt. Sie bringt einen zum Innehalten.

Santo Loquasto hat ein wunderbares Bühnenbild geschaffen: Es wirkt wie das opulente Zuhause eines pensionierten Millionärs. Es gibt Ebenen, Räume, die im Stück eigentlich nicht genutzt werden, eine grosse Treppe und ein echtes Gefühl von verblasster Macht und vergangenem Glanz. Die Bar liegt passend im Zentrum. Ann Roths Kostüme sind stilvoll und eigenwillig und verstärken das Gefühl von Geld und Einfluss – der Unterschied zwischen den Kleidern, die Edna und Harry tragen, und denen der anderen ist frappierend. Brian MacDevitt beleuchtet das Ganze wunderschön; sein Gespür dafür, wie die Nacht herabsinkt und der Morgen anbricht, ist bewegend und stimmig.

Das ist eine prominent besetzte Produktion eines echten amerikanischen Klassiker-Dramas. Sie ist nicht konventionell – und gerade deshalb umso interessanter.

Gehen Sie hin. Machen Sie sich Ihr eigenes Bild.

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