NACHRICHTEN
REZENSION: Bend It Like Beckham, Phoenix Theatre ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
Teilen
Die Hounslow Harriers in Bend It Like Beckham. Foto: Ellie Kurttz Bend It Like Beckham
Phoenix Theatre
25. Juni 2015
4 Sterne
Ich bin mir nicht sicher, ob es ironisch oder amüsant ist (vielleicht beides), dass zu einer Zeit, in der in Grossbritannien endlos über die vermeintlichen Übel von Einwanderung geredet wird und politische Parteien darüber dozieren, wie man Grossbritannien „britisch“ halten müsse, das West End ein neues Musical begrüsst, das schier überquillt vor Schwung, Möglichkeiten und der puren Freude am Multikulturalismus. Denn machen wir uns nichts vor: Bend It Like Beckham, derzeit im Phoenix Theatre zu sehen, handelt nicht von Fussball – es geht um den Schmelztiegel London, die ureigene Grossartigkeit von Frauen und um die Vorzüge, wenn Kulturen voneinander lernen.
Als Adaption des Films von 2002 (vor allem bemerkenswert, weil er Archie Panjabi einem breiteren Publikum bekannt machte) wird Bend It Like Beckham niemals Literaturpreise gewinnen. Es ist mitunter grobschlächtig, flapsig und sentimental – aber in einem Musical sind das keine Handicaps. Mit einem Buch von Paul Mayeda Berges und Gurinder Chadha, Liedtexten von Charles Hart und Musik von Howard Goodall wirkt Bend It Like Beckham zugleich vertraut und erstaunlich frisch. Und ohne jeden Zweifel: Es steckt voller Herz.
Die Geschichte ist einfach. Jess ist besessen von Fussball – und von David Beckham ganz besonders. Ihre ältere Schwester Pinky wird bald heiraten; die Familie ist eine traditionelle indische Familie, Punjabi-Sikhs: konservativ, aber herzlich. Ihr Vater hat gespart und geknausert, damit Jess an die Uni gehen kann; ihre Zukunft als Anwältin ist fest eingeplant – damit ihr Leben besser wird als das harte ihrer Eltern seit der Emigration nach Grossbritannien. Jess wird von Jules bemerkt, einer kompromisslos ehrgeizigen Sportlerin, die Profi-Fussballerin werden will, und sie wird ermutigt, dem Team beizutreten. Jess tut das, ohne ehrlich zu ihrer Familie zu sein, und Coach Joe erkennt, dass Jess Talent hat – und nicht nur am runden Ball.
Es folgt eine Achterbahnfahrt aus Höhen und Tiefen: Jess versucht, sich in der Fussballwelt durchzusetzen, verliebt sich in Joe, zerstreitet sich mit Jules, die Joe anhimmelt, zieht den Zorn ihrer Familie wegen der Täuschung auf sich – und soll am Hochzeitstag ihrer Schwester glücklich sein, obwohl sie viel lieber mit ihrem Team im grossen Finale spielen würde. Natürlich geht am Ende alles gut aus, doch auf dem Weg dorthin gibt es einige tränenreiche Momente.
Chadha hat den Film mitgeschrieben und führt hier Regie. Keine Frage: Dem Musical hätte es gutgetan, wenn frische Augen und Hände die Verantwortung für die Inszenierung übernommen hätten. Der erste Akt ist zu lang und zu kleinteilig – er braucht eine straffere Form, ein klareres Profil. Vor allem aber muss er fliegen wie einer von Jess’ Schüssen.
Der gesamte Nebenstrang um die abgesagte Hochzeit, weil Pinkys zukünftige Schwiegereltern Margo und Jerry abspringen, könnte mühelos über Bord geworfen werden – eine falsche dramaturgische Sackgasse, denn in Akt zwei geben die Eltern unerklärlicherweise nach. So liesse sich problemlos zehn Minuten sparen. Auch an anderen Stellen hätte ein grösserer Abstand zum Film vermutlich dafür gesorgt, dass Kürze und Esprit die Leitwörter gewesen wären.
Akt zwei hingegen ist nahezu perfekt. Er beginnt mit einer grossartigen Nummer für die Mädchen, Glorious, und schaut danach nicht mehr zurück. Goodalls Musik ist in Bestform, und die stilistische Bandbreite ist beachtlich. Er setzt Punjabi-Klänge wirkungsvoll ein, es gibt ein hinreissendes Solo für Jules’ Mutter, There She Goes, ein melodiöses Duett, das sanft und voller Freude ist, Bend It, dann ein mitreissendes Quintett und ein überwältigend jubilierendes Stück, das Pinkys und Teetus Hochzeit im Kontrapunkt mit dem Triumph im Fussballfinale feiert. Wenn der zweite Akt vorbei ist, sind die Längen des ersten wie weggewischt – und das ansteckende Gefühl von Harmonie und Glück lässt sich nicht mehr unterdrücken.
Das ist eines dieser Musicals, bei denen es nahezu unmöglich ist, in den letzten zwanzig Minuten nicht irgendwann zu kichern oder zu weinen – und bei denen Applaus, Gelächter und ein bisschen Tanzen die unausweichlichen Reaktionen auf das Finale sind.
Miriam Beuthers Bühnenbild wirkt günstiger, als es sicher gewesen sein dürfte. Das Einkaufszentrum ist besonders kitschig, und Jess’ Zuhause ist nicht prägnant genug umgesetzt, um ein klares Gefühl für ihr Leben und das ihrer Familie zu vermitteln. Dennoch: Es ist durchaus zweckmässig, und die Hochzeitssequenz, die in jeder Hinsicht glanzvoll sein muss, ist es wirklich. Auch der Beginn von Akt zwei ist gut inszeniert (der Blick in die Umkleide ist ausgezeichnet), ebenso das klimaktische Ende von Akt eins. Ein grösseres, helleres, komplexeres Bühnenbild hätte der Geschichte jedoch mehr Raum gegeben, zu erblühen und zu wachsen – so eindeutig, wie sie es könnte.
Die Familie Bhamra in Bend It Like Beckham. Foto: Ellie Kurttz
Aletta Collins liefert stilvolle, klar profilierte Choreografie und Bewegungssprache, vieles davon inspiriert und brillant umgesetzt vom fitten, wachen Ensemble. Besonders gelungen sind die Routinen in UB2, Glorious und im Finale von Akt zwei. Da es um Fussball geht, muss natürlich auch gegen den Ball getreten werden; die eingesetzten Effekte funktionieren mal besser, mal weniger gut – aber wer die inhärente Albernheit von inszeniertem Fussball im West End mit einem Augenzwinkern annimmt, wird nicht enttäuscht.
Beim Verhältnis von Gesang, Orchester und Sound im Zuschauerraum gibt es noch einiges zu tun. Für ein neues Musical waren viele Texte schwer zu verstehen. In Ensemble-Nummern oder wenn Solist*innen mit chorischer Unterstützung sangen, war kaum etwas verständlich. Für solche Balance-Probleme gibt es keine Entschuldigung; wenn man die Worte neuer Musik nicht versteht, ist das schlicht unerquicklich.
Über die ganze Besetzung hinweg ist das Niveau exzellent, und auf der Bühne wimmelt es nur so von Talent. Natalie Dew ist als Jess, dem Mädchen, das alles will, voller Energie und ganz und gar lebendig. Sie überzeugt als Fussball-Fan und als junge Frau zwischen zwei Welten. Ihre Freundschaften mit Jules und Tony sind besonders klar gezeichnet, und es ist herzerwärmend zu beobachten, wie sie Joes Charme erliegt. Zugleich bemüht sie sich spürbar, Pinkys Schwester und die Tochter ihrer Eltern zu sein – die familiäre Bindung wirkt solide und glaubhaft. Sie singt mühelos und mit Verve; ihre warme, klare Stimme trägt Goodalls Musik hervorragend. Ihre Artikulation ist ausgezeichnet, und ihr Gespür für die stillen Momente, die ruhigeren Schläge in der schnell erzählten Geschichte, ist sehr sicher.
Preeya Kalidas ist grossartig als Jess’ Schwester Pinky. Sie hat sich mit geradezu beunruhigender Hingabe in das Vorstadtleben eingefügt; sie sagt „innit“ und hat Spass an Bling, genauso selbstverständlich, wie sie traditionelle Curry-Abende auf den Tisch bringt. Kalidas verleiht der Rolle Energie und sexy Übermass – sie knistert. Raj Bajaj bemüht sich als ihr verliebter Freund-und-später-Ehemann Teetu, mit ihrem Tempo mitzuhalten, und schafft das grösstenteils. Er hat eine gewinnende Ausstrahlung.
Lauren Samuels macht Jules ganz zu ihrer eigenen Figur – und es spricht für ihre temperamentvolle, kompromisslose Darstellung, dass, wenn die Mutter sie für lesbisch hält, auch ein Teil des Publikums kurz darauf hereinfällt. Ist sie aber nicht: Sie ist schlicht eine getriebene, entschlossene junge Frau auf dem Weg zur Karriere, und ihre Hartnäckigkeit, dorthin zu gelangen, wo sie hinwill, ist beeindruckend. Ebenso wie ihr Wandel vom Tomboy zur Glamour-Göre nach dem Sieg des Teams in Deutschland. Samuels ist ein Gesamtpaket und eine echte Freude beim Zuschauen.
Sophie-Louise Dann ist in Bestform als Paula, Jules’ „fitte, aber partnerlose“ Mutter. Als wäre sie direkt aus dem Queen Vic in EastEnders herausspaziert, ist Dann ein absoluter Gewinn – witzig, warm und verzweifelt einsam. Ihr wunderschön gesungenes There She Goes in Akt zwei wird einem noch lange nach dem Verlassen des Theaters im Ohr bleiben.
Jamal Andréas in Bend It Like Beckham. Foto: Elie Kurttz
Jamal Andréas liefert als Tony, Jess’ bester männlicher Freund, eine angenehm leichte, fein nuancierte Leistung. Seine Präsenz ist ansteckend; sobald er auf der Bühne ist, bringt er sie zum Leuchten, und sein Tanz ist besonders beeindruckend. Er croont passend und sicher, ist gleichermassen komisch wie berührend und strahlt Herz aus. Jamie Campbell Bower hat vielleicht die schwierigste Aufgabe als Joe, der Coach, der Jess und Jules zu Grösse antreibt. Die Figur ist im Text nicht besonders sorgfältig ausgearbeitet, und sein Solo in Akt zwei ist hier die am wenigsten wirksame der Goodall-Balladen. Doch Bower arbeitet hart, ist ausgesprochen sympathisch und bringt genug kernige Bodenständigkeit mit, um es zu tragen.
Als Jess’ Eltern sind Tony Jayawardena und Natasha Jayetileke so gut, wie man es angesichts der recht klischeehaften und stereotypen Rollen erwarten kann, die ihnen auferlegt sind. Jayawardena bringt Gravitas und ein echtes Gefühl von Vaterschaft in seine Arbeit; Jayetileke schafft es, zugleich brutal rigid und warmherzig liebenswert zu sein – eine beachtliche Leistung. Zusammen ergeben sie eine vollkommen nachvollziehbare Einheit.
Der Rest des Ensembles singt, tanzt und spielt durchweg sehr stark; besonders hervor sticht Sohm Kapila mit ihrem schnippischen Auftritt als Teetus Mum. Die Mädchen des Fussballteams sind wild und feminin – eine echte Bande von Femme Fatales, jede einzelne ein Volltreffer. Es ist grossartig, so rohe, unverblümte Girl Power auf der Bühne zu sehen (und leicht komisch, aber vollkommen stimmig, dass einige Männer aus dem Ensemble mit bewusstem Augenzwinkern objektifiziert werden). Auch mit den Cameos von Posh und Becks wird gespielt, und irgendwo blitzt vielleicht sogar ein La-Cage-aux-Folles-Moment auf (genau hinschauen).
Dieses Musical ist ein Slow Burner. Es braucht fast den ganzen ersten Akt, um in den Groove zu finden – doch sobald es soweit ist, zündet es wie ein fröhlicher Feuerwerkskörper. Es trägt keine grossen gesellschaftlichen Botschaften vor sich her, streift aber einige Themen – und tut das mit bewundernswerter Leichtigkeit und Eleganz. Es gibt tolle Musik, grossartigen Tanz, farbenprächtige Kostüme, ein paar Tränen und Jubelrufe – und die Verschmelzung der traditionellen Punjabi-Hochzeitssequenz mit der stammesartigen Feier des Fussballsiegs gehört zu den bemerkenswert unterhaltsamen Momenten, die man seit einiger Zeit in einem neuen Musical im West End gesehen hat.
Bend It Like Beckham macht multikulturellen Musicals alle Ehre – und das völlig zu Recht.
Diesen Artikel teilen:
Erhalten Sie das Beste des britischen Theaters direkt in Ihr Postfach
Seien Sie die Ersten, die sich die besten Tickets, exklusive Angebote und die neuesten Nachrichten aus dem West End sichern.
Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutzrichtlinie