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REZENSION: Bullets Over Broadway, St. James Theatre ✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
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Bullets Over Broadway
St James Theatre
12. April 2014
3 Sterne
Der Anblick war von geradezu aberwitziger Pracht. Dafür hat William Ivey Long gesorgt. Lächerlich kostümiert, aber sehr maskuline Chorus Boys, die sich in sorgfältig geplanten Susan-Stroman-Schritten die Sohlen wund tanzten – und dabei eine wilde, unerwartete Komik entfachten. In einer Nummer über Hot Dogs. Gekleidet als ebenjene Hot Dogs. Und mit der grossartigen Heléne York als Gangsterbraut Olive, die die Nummer ganz im echten Broadway-Stil herausknallt.
Ja, wie das Lied sagt: Wir haben jetzt Bananen. Woody-Allen-Bananen, um genau zu sein. Denn am St James Theatre läuft in seiner Premieren-Spielzeit Allens Musicaladaption seines berühmten Films Bullets Over Broadway – eine Show, die für ihre Musik tief ins Archiv greift. Glenn Kelly zeichnet dafür verantwortlich, ältere Songs so zu formen, dass sie zur Allen-Story passen, und wo nötig mit neuen Lyrics zu versehen.
Das ist die Art von Süssigkeit, die am hellsten am Broadway glitzert – und in Stromans Händen wird jeder Moment hier mit üppiger Aufmerksamkeit versehen, einzig mit dem Ziel, das Publikum zu amüsieren und zu unterhalten. Und das gelingt, oft spektakulär gut.
Zweifellos wird es jene geben, die Tonfall und Umsetzung des Films vorziehen. Zweifellos wird es Leute geben, die finden, Gangster, die sich ins Showbusiness einmischen, sei ein Thema, das in Kiss Me, Kate besser behandelt wurde, oder dass die Satire aufs Musicalgeschäft in The Producers treffender war.
Doch diese Leute verfehlen den Punkt völlig.
Ein Film lässt sich auf der Bühne nie reproduzieren – und ehrlich gesagt würde das nur ein Idiot erwarten. Bühnenfassungen von Filmen können funktionieren, und tun es auch, aber nur dann, wenn die Theaterfassung ihre eigene, genuin theatrale Ausdrucksweise findet.
Genauso gibt es keinen Grund, warum erfolgreiche Theaterwerke nicht ähnliches Terrain wie andere erfolgreiche Stücke betreten dürften. Wäre es anders, würde man zum Beispiel Was ihr wollt dafür verdammen, ähnlich über Geschlechterverwirrung zu denken wie Wie es euch gefällt, oder Hamlet dafür, zu sehr wie Macbeth zu sein – nur weil beide Geschichten von den Folgen des Mordes an einem geliebten König handeln.
Jedes Theaterwerk verdient es, nach seinen eigenen Massstäben beurteilt zu werden – nach dem, was es ist, und nach dem, was es sein will. Stromans Inszenierung von Bullets Over Broadway will amüsieren und fesseln – und das tut sie in Hülle und Fülle. Sie ist deutlich besser als zum Beispiel Kinky Boots oder Nice Work If You Can Get It.
Stromans Choreografie ist so vital und aufregend wie eh und je. Ihre Tänzerinnen und Tänzer sind prachtvoll – schöne Frauen und gutaussehende Männer –, die schwierige, komplexe Routinen anmutig und perfekt ausführen, Routinen, die vor Vergnügen funkeln und pulsieren.
Santo Loquasto liefert ein fabelhaftes Bühnenbild, das auf clevere, einfache Weise allerhand kann. Es gibt viel Glanz und Glitter auf der Bühne, doch wenn nötig verschwindet er und schafft intime Räume von grossem Charme und Wärme (und einen guten Ort für ein oder zwei kaltblütige Morde). Besonders einprägsam ist die Sequenz im Zug, ebenso wie das Theater mit dem falschen Proszeniumsrahmen, in dem spärlich bekleidete Chorus Girls die Statuen ersetzen, die man in schönen Art-déco-Theatern so oft sieht.
Ivey Longs Kostüme sind sensationell. Einige von ihnen haben ihren eigenen Witz. Alle sind perfekte Twenties-Outfits, die vor Stil und Handwerkskunst nur so strotzen.
Die Show kommt flott voran, obwohl ein wenig kluges Kürzen vermutlich guttäte – besonders im ersten Akt. Aber das ist eine Kleinigkeit. Niemals hat man das Gefühl von Unruhe oder Ungeduld im Publikum.
Marin Mazzie ist die Verkörperung der Dekadenz – und ein klein wenig verzweifelt – als die divalicious Helen Sinclair, der alternde Broadway-Star, der verzweifelt jünger spielen will, als er ist, der dem gelegentlichen Schluck Farbverdünner nicht abgeneigt ist und bereit, mit jedem Mann ins Bett zu gehen, der ihr hilft, ihre Bühnenwünsche zu erfüllen. Sie singt sich die Seele aus dem Leib, wirkt in jeder Paillettenkreation herrlich spitz und kaut die Kulissen ganz angemessen mit – mit grosser komischer Wirkung. Die "Don’t Speak"-Herausforderung meistert sie mühelos. Wenn sie da ist, steht die Bühne in Flammen vor Energie und Stil. Eine grossartige, rundum gewinnende Leistung.
In seinem Broadway- und Musicaltheater-Debüt ist Zach Braff als David Shayne in toller, herrlich durchgeknallter Form. Er ist vielleicht nicht der beste Sänger der Welt, aber er weiss, wie man einen Song verkauft, und er bringt komischen Schwung in die zentrale Schlüsselrolle. Er kostet die Comedy aus, ist zugleich ein absolut respektabler romantischer Leading Man und ein glückloser Prügelknabe. Er ist in solchen Rollen genauso gut, wie Matthew Broderick es je war.
Nick Cordero ist grossartig als der grosse, literarisch begabte Gangster Cheech, der heimlich Shaynes Skript überarbeitet und daraus einen Hit macht. Gefährlich, belesen und mächtig – er singt wunderbar und verleiht seiner Darstellung ein fast schon runyoneskes Flair. Genauso gut, womöglich noch besser, ist Heléne York als Olives verpeilte, schwierige, unbedingt-diva-sein-wollende-trotz-null-talent Figur – die Freundin von Mafia-Boss Nick Valenti (Vincent Pastore). Sie singt und tanzt wie eine Göttin, und ihre näselnden Gesangstöne bereichern jede Zeile und machen sie umwerfend komisch, mit atemloser Präzision. Sie hat den witzigsten Bühnentod im modernen Musicaltheater.
Als Ellen, Shaynes wahre Liebe, wenn er nicht gerade von Diva Don’t Speak abgelenkt ist, ist Betsy Wolfe pures Vergnügen. Voller Aufrichtigkeit, gesegnet mit einer wunderschönen Stimme und in jeder Hinsicht bezaubernd, nimmt Wolfe die Rolle spielend leicht – und sorgt dafür, dass ihr Twist später hervorragend funktioniert.
Weniger gelungen sind Karen Ziemba und Brooks Ashmanskas in ihren sekundären komischen Auftritten. Ziembas Figur Eden Brent könnte man problemlos streichen. Die Zeilen und Songs, die sie hat, wirken eher für Ziemba eingesetzt als aus irgendeinem echten dramaturgischen Grund.
Ashmanskas’ Nummer als ständig essender Schauspieler, der immer grösser wird, sodass seine Kostüme nie passen, ist nicht besonders lustig und müsste entweder zu kurzen, pointierten Momenten des Spasses gestrafft werden oder ausgebaut und mit mehr Fokus und Zweck versehen werden (wobei die Amerikaner im Publikum ihn offenbar liebten – vielleicht gibt es da eine "Sache" im Geschäft, von der Nicht-Amerikaner, oder zumindest ich, nichts wissen). Trotzdem sind weder Ziemba noch Ashmanskas schlecht, und keiner von beiden bringt das Geschehen zum Stillstand.
Doch während die anderen Hauptdarsteller allesamt vom Musicalmaterial profitieren, das sie bekommen, hätten die Figuren von Ziemba und Ashmanskas womöglich von einer massgeschneiderten Musik profitiert, die für die erzählte Geschichte geschrieben ist. Wenn es überhaupt einen Vorbehalt gegenüber dieser Show gibt, dann den, dass sie keine üppige Originalpartitur hat. Ziembas Figur hätte einen Song über ihren Hund haben können, die Liebe ihres Lebens, und Ashmanskas’ Figur eine grosse, showstoppende Nummer darüber, dass er nicht aufhören kann zu essen. Ein solides musikalisches Alleinstellungsmerkmal – genau das bräuchten beide Figuren, und genau das wird ihnen verwehrt.
Nicht, dass die Musik hier nicht voller guter Melodien wäre. Ist sie. Und es wurde grosse Mühe darauf verwendet, dass sie sich anfühlen, als gehörten sie in diesem Stück zusammen. Die Orchestrierungen sind grossartig, und das Orchester spielt wunderbar.
Bullets Over Broadway bietet ein visuelles Fest, köstliche leichte Komödie und starke Auftritte der Hauptstars. Ein fröhlicher, sprudelnder, erfrischender Theaterabend. Hier gibt es vieles zu lieben.
Allen voran diese unglaubliche Hot-Dogs-Nummer.
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