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REZENSION: Bye Bye Birdie, Ye Old Rose and Crown Theatre ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
danielcolemancooke
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Bye Bye Birdie
Ye Olde Rose and Crown Theatre
15. August
4 Sterne
Bevor er zum festen Bestandteil der Countrymusik wurde und später als Füllmaterial für Family Guy herhalten musste, war Conway Twitter ein hüftschwingender Rivale von Elvis Presley. Er war einer von vielen Schlüsselfiguren der Rock-’n’-Roll-Revolution der 50er und 60er Jahre – einer Ära, die das Musical Bye Bye Birdie herrlich auf die Schippe nimmt.
Die Show ist eine Satire auf die amerikanische Schwarmkultur und auf die launische, künstlich hergestellte Natur von Ruhm. Rock-Star Conrad Birdie (verstanden?) ist der Frauenschwarm der Nation, braucht aber eine clevere Finte, um der Einberufung zum Militär zu entgehen. Als PR-Stunt schickt ihn sein Manager Albert in eine amerikanische Kleinstadt, damit er sich von seinen anhimmelnden Fans belagern lässt – doch der Plan geht nicht ganz auf, denn sowohl Conrad als auch seine Freundin machen sich aus dem Staub.
Michael Stewarts Buch sprüht vor Leben und Witz: Es persifliert Elvis-Manie und Celebrity-Kultur und schafft zugleich den richtigen Raum, damit sich tiefere menschliche Geschichten entfalten können. Die Pointen kommen Schlag auf Schlag und sitzen meist; Alberts bissige Mutter und der verzweifelte Vater von Superfan Kim bekommen dabei einige besonders feine Momente.
Die Musik von Charles Strouse und Lee Adams steckt voller Ohrwürmer – ich hatte diese Show vorher nie gesehen und war wirklich überrascht, wie viele Songs längst in der Popkultur gelandet sind. Ob Put On a Happy Face (ein TV-Soundtrack-Liebling), Kids (bei The Simpsons parodiert) oder We Love You Conrad (eine Melodie, die landauf, landab von Fussballfans gesungen wird): Diese Partitur hat ein Eigenleben entwickelt – und man versteht sofort, warum. Besonders stark sind die hervorragenden Harmonien in Baby Talk To Me und die Ode an Teenager-Tratsch, The Telephone Hour; die Musik bleibt einem noch stundenlang im Kopf, nachdem man das Theater verlassen hat.
Selten verlässt man eine Produktion und schwärmt ausgerechnet von der Choreografie – doch Anthony Whitemans Movement war eine Klasse für sich und übertrifft vieles von dem, was man im West End zu sehen bekommt. Es gab reichlich Gelegenheiten für ausgedehnte Tanzsequenzen – etwa das Shriner Ballet mit gut fünf Minuten durchgehendem Tanz (doch dazu später mehr). Whiteman widerstand der Versuchung, auf Grease-mäßiges Jive- und Jitterbug-Getanze zu setzen (ein bisschen davon gab es zwar). Stattdessen entstand ein hochkomplexer Mix aus Jazz, Modern, Tap und Ballett, der vom Ensemble glänzend umgesetzt wurde; die Vielfalt und Eleganz der Bewegungen erinnerte mich stellenweise sogar an West Side Story.
Obwohl Birdie die Titelfigur ist, hat er gar nicht so viel Bühnenzeit und bleibt die meiste erste Hälfte stumm. Umso wichtiger ist eine Killer-Stimme – seine ersten Worte auf der Bühne sind die Elvis-inspirierte Rocknummer Honestly Sincere mit ihren satirisch hohlen Lyrics. Der Song steigert sich zu einem euphorischen Höhepunkt und versetzt seine Superfans auf herrlich komische Weise in Ekstase. Zac Hamilton meistert diese Aufgabe mehr als souverän, gibt Birdie emotionale Tiefe und lässt seine Musiknummern wirklich zünden.
Eigentlich stehen jedoch nicht Birdie, sondern sein überarbeiteter Manager Albert sowie dessen Sekretärin und Love Interest Rose im Zentrum. Ihre On-off-Beziehung bildet das Herz der Geschichte – und tatsächlich ist es Liberty Buckland als Rose, die den Abend stiehlt. Rose ist eine grossartige Frauenfigur: liebenswert, aber zugleich klug und gewitzt. Buckland hat eine superb klingende Stimme (vor allem in der Höhe) und ist eine hervorragende Schauspielerin – doch im Tanz des Shriner Ballet zeigt sie ihr echtes Starpotenzial.
In dieser Szene hat Rose eine hilflose Runde von Männern in einem Gentlemen’s Club komplett um den Finger gewickelt – wunderbar erzählt über gut fünf Minuten ununterbrochenen Tanz. Buckland ist in diesem Moment atemberaubend lasziv und verführerisch, mit starker Unterstützung durch das männliche Ensemble; die Aufmerksamkeit des Publikums so lange zu halten, ist alles andere als leicht und deutet darauf hin, dass Buckland mehr als nur einen Hauch Starqualität besitzt. Wieder einmal hebt Whitemans Choreografie die Szene auf ein neues Level; andere Versionen, die ich seitdem gesehen habe, wirken im Vergleich wirklich bieder (sofern es sie überhaupt gibt – diese Szene wird oft gestrichen, selbst in professionellen Produktionen, vermutlich weil sie ein bisschen gewagt ist).
Ryan Forde Iosco war als Albert hervorragend; er hatte eine tolle Chemie mit Bucklands Rose und fing die Zerrissenheit und Komik seiner Lage ein – eingeklemmt zwischen feuriger Freundin und überfürsorglicher Mutter. Er ist nicht der stärkste Sänger im Ensemble, trägt seine Nummern aber absolut solide. Jayne Ashley war als überfürsorgliche Mutter urkomisch und zeigte Missbilligung und Enttäuschung mit jedem Blick und jedem Schritt. Auch Harry Hart überzeugt als Kims Vater und liefert einige sehr amüsante Tiraden mit viel Verve.
So stark das Ensemble insgesamt war, wirkten manche Besetzungen dennoch etwas ungewöhnlich. Alberts Mutter war glaubhaft „älter“, doch die Darstellenden von Kims Eltern (Kim ist im Stück fünfzehn) sahen beide sehr jung aus (besonders Stephanie Lyse als Kims Mutter). Dass Schauspieler:innen in ihren Zwanzigern Highschool-Schüler spielen, ist organisatorisch nachvollziehbar, schuf hier aber nicht unbedingt mehr Klarheit darüber, wie die Rollen insgesamt gedacht waren. Trotzdem bin ich gern bereit, darüber hinwegzusehen – zumal die Ensemble-Damen als „Fangirls“ wirklich sehr witzig waren. Beth Bradley und Stephanie Palmer waren besonders stark; manche ihrer Reaktionsmimiken waren herrlich und der Blick wanderte oft ganz automatisch zu ihnen, sobald sie auf der Bühne standen.
Die sehr kleine Bühne machte die rasante Choreografie umso beeindruckender, könnte jedoch bei einigen Ensemble-Nummern die Übersicht erschwert haben – einfach wegen der vielen Menschen auf der Bühne (vor allem bei The Telephone Song, das ich erst nach dem Hören des Soundtracks ganz zu schätzen wusste). Der Raum selbst wurde in einen US-Diner der 1950er verwandelt; Bühnenbild und Requisiten waren minimal, aber es gab ein paar nette Details – ein paar Milkshakes im Bandbereich und eine CD von Birdie, die an die Wand gepinnt war.
In den falschen Händen könnte diese Show genau zu dem werden, was sie eigentlich persiflieren will: ein klatsch-mit, geschniegelt-süssliches Spektakel. Doch die furiose Choreografie, die eingängige Musik und einige fantastische Leistungen sorgen dafür, dass diese Neuinszenierung auf ganzer Linie funktioniert.
Fotos: David Ovenden
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