NACHRICHTEN
REZENSION: Dear Lupin, Apollo Theatre ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
timhochstrasser
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Dear Lupin
Apollo Theatre
10/08/15
4 Sterne
TICKETS JETZT BUCHEN UND SPAREN The Diary of a Nobody, das die bürgerlichen, vorstädtischen Abenteuer des glücklosen Mr Pooter und seines liederlichen Sohnes Lupin chronikartig erzählt, behauptet sich noch immer als sanfter Comedy-Klassiker – und als eines der unerwartetsten Vermächtnisse des viktorianischen Zeitalters, das man gemeinhin weder mit Sanftmut noch mit komödiantischer Subtilität verbindet. Die Grundkonstellation des nachsichtigen, frustrierten Vaters, der versucht, die Schrullen und Verfehlungen eines aufsässigen Sohnes zu bändigen und zu verstehen, ist in der Weltliteratur natürlich bestens vertraut; indem Roger Mortimer jedoch den Briefwechsel zwischen sich und seinem Sohn Charlie in direkter Linie aus dem kleinen Meisterwerk der Grossmiths ableitet, erhebt er zugleich – leise, aber bestimmt – Anspruch auf eine bestimmte Art ironischen, selbstironischen, trocken-englischen Humors, der Schmerz zu kaschieren sucht und der der Schlüssel ist, um den Charme und die Melancholie dieses Stücks zu begreifen.
Mortimer war viele Jahre einer der führenden britischen Autoren über den Rennsport und die Geschichte des Turf. Am wohlsten fühlte er sich hinter der Schreibmaschine – und was wir hier haben, ist das Protokoll seiner ungebremsten Auseinandersetzung mit seinem Sohn, der in den 60ern, 70ern und 80ern in einem chaotischen Dunst aus Alkohol, Drogen und Sex von einem Karriereversuch zum nächsten taumelte. Die Briefe wurden vor einigen Jahren zusammengetragen und, nachdem sie als Buch überraschend erfolgreich waren, von Michael Simkins für die Bühne bearbeitet – ergänzt um zusätzliches Material, das Charlies Lebensgeschichte und Charakter weiter ausleuchtet.
Der besondere Reiz dieses Stoffs liegt nicht nur in Mortimers offenkundigem Beobachtungs- und Beschreibungsvermögen, sondern auch in seiner eigenen Charaktergröße. Da ist eine Weite des Verständnisses für die menschliche Natur und ein Interesse an all ihren Eigenheiten, die es ihm ermöglichen, die jeweils neueste Ungeheuerlichkeit oder Kränkung seines Sohnes zu umarmen – und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Zugleich besitzt er eine vergnügte Gabe, aus Familie, Nachbarn und Freunden eine ganze Galerie dickens’scher Grotesken zu formen – höchst unterhaltsam. Es ist eine ähnliche Freude wie in den Tagebüchern von Alan Clark, einem Autor vergleichbarer Könnerschaft, dem man allerdings längst nicht so leicht warm wird wie Mortimer, der nur zu gern den Witz auch auf eigene Kosten macht.
Doch die erste Frage für eine*n Rezensent*in lautet: Wie gut lässt sich dieses Material überhaupt auf die Bühne übertragen? Stücke, die auf Briefen oder Tagebüchern beruhen, sind berüchtigt schwer mit dramatischem Leben zu füllen – eigentlich hat mich im Theater nur Dangerous Liaisons vollständig überzeugt, und das ist vielleicht ein Sonderfall, weil die starke Erzählspur und die vielen Briefschreiber*innen der Vorlage Christopher Hampton bei der Adaption deutlich weniger Arbeit ließen. Hier ist die Kernfrage, wie man Erzählfluss und Figurenzeichnung am besten austariert. Zu viel Handlungsdetail – und man fragt sich, warum diese Menschen überhaupt wichtig sein sollen. Zu viele bons mots und herrlich komische Geschichten – und man versackt in selbstzufriedenes Anekdotenerzählen und fragt sich, warum dieser Stoff überhaupt von der Seite auf die Bühne wechseln muss.
Simkins hat also eine harte Aufgabe, und im ersten Teil sackt das Tempo trotz der technischen Souveränität der Schauspieler stellenweise ab. Bezeichnenderweise ist die fesselndste Passage jene, in der Geschichte und Material erstmals länger ineinandergreifen: Charlies Entscheidung, dem alten Regiment seines Vaters beizutreten. Nachdem er die härtesten Hürden genommen hat, scheitert er dennoch an der letzten – durch eigene Entscheidung, fast wie ein bewusster, grausamer Akt des Trotzes gegen den Vater. Diese Episode ist berührend, in den Details ungeheuer komisch und zugleich ein so aufschlussreicher Bericht über die bizarren Eigenheiten des Armeelebens, wie man ihn – sagen wir – bei Evelyn Waugh findet.
Nach der Pause verdunkelt sich der Ton deutlich, und der Abend hält nun durchgehend einen klaren erzählerischen Fokus, während Rogers Gesundheit nachlässt und Charlies Lebensstil ihn einzuholen beginnt. Das Zusammenfinden von Vater und Sohn gelingt sehr rührend, ohne sentimental zu werden – ein Verdienst der kalkulierten Zurückhaltung des Originalmaterials und von Simkins’ Vertrauen in seine Darsteller, dass weniger mehr ist. Es sind diese Theatermomente, in denen man das dénouement schon von weitem kommen sieht – und sich dennoch der Bewegung nicht entziehen kann, mit welcher Gewandtheit und Zartheit es erreicht wird.
Vielleicht ist es kleinlich und spießig von mir, das zu sagen, aber insgesamt hätte ich mir doch mehr Rauheit und weniger gefälliges Bedienen von Vorstellungen englischer Exzentrik gewünscht. Charlie ist im Kern keine besonders sympathische Persönlichkeit, und die scharfen Kanten werden zwangsläufig geglättet, wenn die Darstellung – und die Bühnenpersona – so charmant ist wie hier bei Jack Fox. Außerdem: Um zu verstehen, wie Roger Mortimer zu diesem drolligen Beobachter menschlicher Marotten wurde, müsste man mehr über seine Kriegslaufbahn erfahren – bei Dünkirchen gefangen genommen und für die Dauer des Krieges hart inhaftiert. Offenkundig waren Bescheidenheit und Humor eine Art Schutzmechanismus gegen eine große Menge erinnerter Schmerzen. Wer einen englischen Upper-Middle-Class-Mann dieser Generation wirklich verstehen und darstellen will, muss tiefer graben – unter die selbstschützende Panzerung.
Dennoch: In diesem Genre ist ein besser passendes Schauspielerduo als James und Jack Fox kaum vorstellbar. Die Casting-Verantwortlichen verdienen eine lobende Erwähnung im Programmheft! Es hilft ungemein, in diesem Format tatsächlich eine Vater-Sohn-Konstellation auf der Bühne zu haben. Zwischen beiden liegt eine ungezwungene Intimität und ein gegenseitiges Wissen, das einen früh für sich einnimmt – etwa als nach einem Kostümwechsel eine Haarsträhne von James Fox abstand und sein Sohn sich einfach hinüberbeugte und sie wieder glattstrich. Eine kleine Beobachtung, aber bei nicht verwandten Darstellern kaum denkbar.
James Fox hat über die Jahre viele dieser englischen Männertypen auf der Bühne und im Film gespielt, doch an seiner Leistung ist nichts Routinemäßiges. Seine lässige Art und die lockere Körpersprache sitzen genau richtig, und er vermittelt, dass Roger selbst eine geheime Sympathie für Rebellion hatte. Roger ist keineswegs eine Neuauflage von Denis Thatcher, wie ihn Private Eye in Dear Bill gezeichnet hat. Fox muss außerdem zahlreiche Rollen übernehmen – Offiziere, einen pedantischen Bürokraten, einen tuntigen Auktionator (was Erinnerungen an seinen Anthony Blunt in A Question of Attribution weckt) –, um Charlies Seite der Geschichte zu komplettieren.
Jack Fox hat es in mancher Hinsicht schwerer, denn sein Vater hat alle besten Zeilen – und dazu auch noch die moralische Oberhand. In der zweiten Hälfte bekommt er jedoch mehr Raum, eine fein austarierte Darstellung zu entwickeln, und seine abschließende Würdigung gelingt ihm sehr gut – trotz einer unverzeihlichen Unterbrechung durch ein Handy aus dem Publikum.
Viel Mühe wurde darauf verwendet, durch reichlich Bewegung und Kostümwechsel zu verhindern, dass ein statischer Vortragsabend entsteht. Das ist zweifellos ein Verdienst der Regie von Philip Franks, der als ehemaliger Schauspieler selbst das Stück bewundernswert in Bewegung hält. Auch das Bühnenbild von Adrian Linford ist ideal: zugleich überladen und flexibel. Es hat diese zufällige, vollgestopfte Ansammlung von Gegenständen, die man in Rogers großem, aber heruntergekommenem Haus erwartet, und bietet zugleich schnellen Zugriff auf Requisiten und Kostüme für einzelne Szenen.
Unvermeidlich mussten viele unbezahlbare Anekdoten aus dem Stück herausfallen, und die dramatische Verwandlung ist nicht perfekt. Doch es trifft den Geist des Originals sehr treu und wird hoffentlich mehr Leser*innen zu einem Buch führen, das sich inzwischen deutlich auf dem Weg zum modernen Klassiker befindet. Humor wie dieser, geformt im Angesicht von Widrigkeiten, ist eine Form von Gnade – großzügig darin, das Leben für alle anderen erträglicher zu machen.
TICKETS JETZT BUCHEN – Dear Lupin läuft im Apollo Theatre bis zum 19. September 2015
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