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REZENSION: Iwanow, Chichester Festival Theatre ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
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Ivanov
Chichester Festival Theatre
23. Oktober 2015
5 Sterne
Tickets kaufen Lvov: Ich rede offen und ohne Umschweife. Nur ein Mensch ohne Herz könnte mich missverstehen. Ivanov: Normalerweise bringen Sie drei Punkte vor. Erstens, meine Frau liegt im Sterben. Zweitens, es ist meine Schuld. Drittens, Sie sind ein ehrlicher Mann. Also sagen Sie mir: In welcher Reihenfolge möchten Sie diese Punkte heute vortragen?
Ehrlichkeit ist, wie David Hare hervorhebt, das beherrschende Thema von Ivanov. Sie ist auch das leitende Prinzip, das Jonathan Kent als Richtschnur für seine Wiederaufnahme von Ivanov gewählt hat, die jetzt im Chichester Festival Theatre im Rahmen der Reihe Young Chekhov zu sehen ist. Die Leistungen, die er aus der eigens zusammengestellten Ensembletruppe herausholt, sind von intensiver Aufrichtigkeit, wirklich empfunden – und sie schaffen ein theatralisches Gewebe, reich an Details und schonungslos in Vitalität und Wahrhaftigkeit.
Dafür gibt es viele Gründe.
David Hares schlanke, aber intensive Bearbeitung von Tschechows Stück (auf Grundlage einer wörtlichen Übersetzung von Alex Wilbraham) ist ein Genuss. Es gibt lyrische Passagen, komische Passagen, dunkle und bissige Passagen – und eine sprachliche Gewandtheit und Sicherheit, die die Erzählung federnd macht und restlos, vollständig fesselt. Keine archaischen Wendungen, keine störenden Dissonanzen. Jedes Wort ist sorgfältig abgewogen, fein nuanciert.
Das gilt besonders für die brutalen Wortgefechte später im Stück zwischen Lvov und Ivanov, Sasha und Lvov sowie – am erschütterndsten – zwischen Anna und Ivanov. Die Sprache ist herrlich, voller Gift und Wahrhaftigkeit, und liefert dem fähigen Ensemble und dem visionären Regisseur hervorragendes Rohmaterial.
Kent hat diese Bearbeitung von Ivanov bereits am Almeida inszeniert, wo sie großen Beifall erhielt. Ich bezweifle ernsthaft, dass – so gut jene Produktion auch gewesen sein mag – sie besser gewesen sein könnte als diese. Hier sind alle und alles absolut erstklassig.
Das Projekt Young Chekhov umfasst zwei weitere Stücke, Platonov und Die Möwe, die beide auf im Wesentlichen derselben Bühne gespielt werden. Tom Pye beschwört das ländliche Russland schlicht und elegant herauf, mit einem Bühnenbild, das zugleich karg und warm, draußen und drinnen sein kann. Das Gefühl eines Anwesens, das seine besten Zeiten hinter sich hat, ist deutlich; dennoch liegt nichts grundsätzlich Unheilvolles in dem Anblick, der einen beim Betreten des Zuschauerraums empfängt. Die hohen, kahlen Bäume schimmern silbern und sind von stiller Schönheit – sie deuten sowohl die Möglichkeit von Neubeginn als auch die Unausweichlichkeit von Enden an.
Emma Ryott steuert opulente und herrlich charaktervolle Kostüme der Zeit bei. Der schwarze Anzug, der Lvov als Druckkammer explosiven Unmuts definiert; Marfushas prächtige, auf das Dekolleté ausgerichtete Roben; Ivanovs asexuell-neutrale Kleidung in den ersten drei Akten; die perfekten Kleider für Anna und Sasha; die zerzauste Garderobe des reizbaren Grafen: Das war wirklich ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie Kleidung Figuren zum Funktionieren bringt und leichter verständlich macht.
Im Programmheft schreibt Hare:
"...Tschechow sorgt dafür, dass Ivanov einen Gegner bekommt, der auf seltsame Weise ebenso fesselnd ist wie der Held und bisweilen fast sein Schatten. Tschechow überlässt es uns, selbst herauszufinden, ob Ehrlichkeit wirklich darin liegt, andere zu beurteilen, oder darin, sich zu weigern, sie zu beurteilen."
Kent macht deutlich, wie er diese Frage durchdrungen hat. Samuel West ist als titelgebender, gefangener Denker in vitaler, mitreißender Form. In Wests Darstellung gibt es weder ein endloses Händeringen noch eine endlose, nach innen gerichtete Selbstgeißelung; vielmehr bemüht er sich um das Porträt eines Mannes, der sich weigert, im Selbstmitleid zu versinken – eines Mannes, der versucht, einen Weg nach vorn zu finden.
Er mag der Held des Stücks sein, doch West scheut die dunkleren Seiten von Ivanovs Charakter nicht. Angst, Panik, Reue und Wut gehören alle zu Wests Spiel, und er balanciert sie meisterhaft. Seine letzte, beklemmende Begegnung mit seiner sterbenden Frau Anna bereitet die finalen tragischen Momente des Stücks äußerst wirkungsvoll vor. Eine großartige, unendlich faszinierende Leistung.
Und ihm auf Schritt und Tritt ebenbürtig ist James McArdles Iago-hafter Lvov, der Doktor mit einer Meinung zu jedem und allem. Fester aufgedreht als seine weste mit den vielen Knöpfen wirkt McArdle fast unmenschlich – auf wunderbare Weise – als der Mann, der der moralische Kompass seiner Gemeinschaft sein will, allerdings nur zu seinen eigenen verdrehten Bedingungen. Er täuscht über sein wahres Wesen über weite Strecken des Abends hinweg, ohne es je wirklich zu verbergen, und ermöglicht Olivia Vinalls Sasha in den Schlussmomenten einen Augenblick von gewaltiger theatralischer Kraft. McArdle hält mit West präzise mit und sorgt dafür, dass Ivanov als Ganzes funktioniert, sauber ausbalanciert.
Vinall ist als Sasha durchweg in guter Form und geht die heikle Gratwanderung zwischen Verführerin und Opfer klug. Emma Amos ist fantastisch als gefräßige Ehemannjägerin Marfusha, und Lucy Briers’ auf Stachelbeer-Konfitüre fixierte Pfennigfuchserin Zinaida ist perfekt, geschniegelt-grantig. "Überall Kerzen. Kein Wunder, dass die Leute auf die Idee kommen, wir seien reich." Beverley Klein ist als eine Art Yenta im Perlenkleid beschwingt und sehr komisch als Avdotya, besessen von Status, Essen und dem richtigen Benehmen: "Das ist eigentlich irgendein Weltrekord. Wir sind seit fünf Uhr hier und haben nicht einmal einen stinkenden Hering gesehen!"
Das Trio der knorrigen alten Halunken – Borkin (Des McAleer), Shabyelski (Peter Egan) und Lebedev (Jonathan Coy) – ist hervorragend getroffen: in manchem angemessen überzeichnet und doch vollkommen glaubhaft. Solche Schurken kennt jeder. Ihre von Wodka befeuerten Ränke hatten eine laute, umkleidekabinenhafte Vertrautheit, und der komische Auftakt des zweiten Akts war ebenso zum Lautlachen wie ihre Gespräche über den Doktor und die Möglichkeit, Marfusha könnte Shabyelski heiraten, treffend beobachtet waren.
Die beste Leistung des Abends jedoch kam von der strahlenden Nina Sosanya, deren wunderschöne Anna makellos getroffen war. Jedes Mal, wenn Sosanya zu sehen war, lebte die Bühne – knisternd vor großzügiger Energie. Sie lieferte den Treibstoff, der West und McArdle so kraftvoll antreiben konnte. Ohne Annas Tuberkulose jemals zu überzeichnen, gewann sie Sympathie ganz natürlich und mühelos – was ihre letzte Szene mit Wests Ivanov erschütternd machte. Ein echter Starauftritt.
Mark Henderson sorgt für hervorragendes Licht und lässt das Bühnenbild mühelos durch verschiedene Zeiten und Jahreszeiten gleiten. Das Gefühl von Herbst wirkt tiefgründig, was gut zu den Verfallsthemen passt, die sich durch die Erzählung ziehen. Jonathan Doves Musik war meist passend, rieb sich aber gelegentlich mit den Tempi der Darsteller – jedoch nicht genug, um das Ganze ins Wanken zu bringen.
Kent ist hier etwas wirklich Beeindruckendes gelungen: eine Präsentation des frühen Tschechow, die sich frisch geprägt anfühlt und doch reif und vollkommen geformt ist. Hut ab vor David Hare – aber ebenso vor einem großartigen Ensemble, in dem niemand Angst hatte, seine Figuren zu sein und nicht bloß zu spielen.
Ivanov läuft bis zum 14. November im Chichester Festival Theatre
Fotos: Johan Persson
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