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KRITIK: Lady Day at Emerson's Bar and Grill, Wyndhams Theatre ✭✭✭✭✭

Veröffentlicht am

Von

julianeaves

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Audra McDonald in „Lady Day at Emerson's Bar and Grill“. Foto: Marc Brenner Lady Day at Emerson's Bar and Grill Wyndham’s Theatre, 27. Juni 2017 Jetzt buchen

Audra McDonald gibt ihr – kaum nachvollziehbar – längst überfälliges Londoner Theaterdebüt auf die denkbar beeindruckendste Art: in dieser erschütternden Neuerzählung der Geschichte von Billie Holiday. 90 Minuten lang hält sie das Publikum in der Hand – in einer fesselnd überzeugenden, mutig entblössten Verkörperung von Persona, Manieren, Stimme und Blick der „First Lady of Jazz“, die von ihrem allerletzten Gig in einer unscheinbaren Bar in der Stadt zurückschaut, in der sie geboren wurde und aufwuchs: Philadelphia – Heimat der US-Verfassung, was auch immer das wert war, wenn man schwarz war, eine Frau, und dort zwischen 1915 und 1959 lebte. Warum es 23 Jahre gedauert hat, bis McDonald von ihrer ersten Hauptrolle am Broadway (bahnbrechend in einer „colour-blind“-Besetzung als Julie Jordan in „Carousel“) in London angekommen ist, weiss niemand so genau. Nun ja – die „beste Vermutung“ der Eingeweihten, sagen wir’s so, und nicht wenige im Theater gestern Abend dürften zu dieser Kategorie gezählt haben: Cameron Mackintosh; Nicholas Hytner; Michael Blakemore; Sir Ian McKellen; Noma Dumezweni – und viele, viele mehr, in einer glanzvollen Runde, die diesem epochalen Ereignis die passende Grandezza verlieh. Was sie dazu sagen möchten – oder auch nicht –, müssen Sie schon sie selbst fragen.

Ich kann nur berichten, wie hypnotisch diese Vorstellung ist. Die Zeit scheint stillzustehen. Wir erleben nicht einfach anderthalb Stunden, sondern ein ganzes Leben, ein ganzes Zeitalter – und die gesamte Erfahrung, (überwiegend) afroamerikanischer Herkunft zu sein, weiblich zu sein, und mit einer Sensibilität begabt, die alles im Leben mit poetischer Intensität wahrnimmt; ausgestattet mit einer Seele, die durch grosses Leiden hindurch vergessen kann und nach erlesener musikalischer Ausdruckskraft greift; und in jener Zeit des Wandels gelebt zu haben – mit einer Grossmutter, die Sklavin gewesen war –, um dann unter anderem zur ersten afroamerikanischen Sängerin mit einer weissen Band zu werden: ausgerechnet Artie Shaws. Nein, nicht alle erwärmen sich – zunächst – für die „miauende“ Stimme dieser Arbeiterklasse-Frau aus Pennsylvania. Aber wenn McDonald zu Beginn der Show reglos vorne in der Bühnenmitte steht, in Mark Hendersons mühelos souveränem Licht, strahlend in ihrem gardenienweissen, bodenlangen, brokadierten Abendkleid, das Haar glänzend und geschniegelt, streng hochgebunden und hinten prachtvoll herabfallend (Kostüme: Emilio Sosa; Perücke und Special-Make-up-Effekte: J Jared Janas und Rob Greene) – und sie dann einfach mit „diesem“ Klang in Buddy Johnsons „I Wonder Where Our Love Has Gone“ zuschlägt, unmittelbar gefolgt von Hanighen, Jenkins und Mercers „When A Woman Loves A Man“, und bald weiterdrängt zu Harry M Woods’ „What A Little Moonlight Can Do“ –, dann ist Widerstand zwecklos. Sie macht keine Gefangenen.

Audra McDonald. Foto: Marc Brenner

Was folgt, ist eine Meisterklasse darin, wie man eine Bühne beherrscht und ein Publikum in Bann schlägt – und das alles mit scheinbar alkoholgetränkter Nonchalance. Und doch gibt es in diesem Stück keine Sekunde, die unser Verständnis der Figur nicht erweitert, unsere Aufmerksamkeit schärft und uns näher an ihr Leben, ihre Gefühle und Gedanken heranführt. McDonald streift so ziemlich jede emotionale Nuance: da ist Verspieltheit, da ist Gewalt (umso eindringlicher, weil sie kommt, wenn man sie am wenigsten erwartet), da ist Komik (sogar mit einem winzigen Hündchen!), da ist Politik (die Imitation eines südlichen Rassisten ist zugleich brüllend komisch und erschreckend realistisch) – und so, so viel mehr. Da ist Amerika, ganz Amerika, vor uns ausgebreitet. Und da ist auch die Welt von heute – auf eine wirklich ziemlich unerwartete Weise.

Der Realismus des Bühnenbilds – von Christopher Oram – verführt uns dazu, uns heimisch zu fühlen, zumal all die Tische und Stühle sich durch die vorderen Parkettreihen und über die Bühne selbst ausbreiten; wie in einem Themenpark geben wir uns dieser Welt hin und öffnen uns ihr. Und ohne es zu merken, schnappt die Falle zu. Plötzlich erkennen wir: Indem wir das Cabaret geniessen, das McDonald präsentiert, merken wir, dass so gut wie alles, was sie sagt, heute noch gilt – in den USA, und hier ebenso, und anderswo. Wo liegt die Distanz zwischen der schrecklichen Erzählung eines Lynchmords in „Strange Fruit“ und der scheinbar endlosen YouTube-Parade sachlich gefilmter, überwältigend unwidersprochener Polizeimorde an unbewaffneten Afroamerikaner*innen? Wo ist der Unterschied zwischen den Lebens- und Arbeitsbedingungen im Amerika vor den Bürgerrechtsgesetzen und – um ein jüngeres Beispiel herauszugreifen – den drastisch unterschiedlichen Brandschutzvorschriften, die bei Londoner Hochhäusern für Reiche und Weisse gelten, und denen, die man beim Grenfell Tower und seinen zahllosen, brandgefährlichen Verwandten hinnahm?

Audra McDonald. Foto: Marc Brenner

Lanie Robertson, der dieses aussergewöhnlich kraftvolle Stück geschrieben hat, hat ein Monster der Wahrhaftigkeit auf die Bühne losgelassen. Sein Schreiben ist stets gewandt, nie erklärend, und beherrscht den beiläufigen Ton eines charmanten Nachtclub-Acts mit Bravour. Und doch gibt es kein einziges Wort, das nicht mit Subtext auf uns zuspringt – voller Gefahr, Verzweiflung, Freude und Trotz. Lonny Price inszeniert – wie am Broadway – mit unaufdringlicher Brillanz; seine Kontrolle ist so vollkommen, dass wir gar nicht merken, dass wir etwas sehen, das nicht im Moment selbst völlig spontan von den Menschen auf der Bühne erfunden wird. Aber Tempo, Timing, Koordination, das Zusammenspiel aller Elemente wanken nicht eine Sekunde. Der Meister der grossen Spektakel, die zuletzt im Coliseum zu sehen waren, erweist sich hier ebenso als souveräner Genius des Miniaturformats.

Und zusätzlich zu McDonalds fabelhafter Kunst – einer unheimlich präzisen Nachbildung von Holidays Stimme, die zugleich eine durch und durch wahrhaftige Darstellung ist – bekommen wir ein erstklassiges Trio: Shelton Becton (am Klavier und zugleich als Musical Director, mit nicht wenigen Textzeilen, die er ebenfalls zu tragen hat), dazu die ebenso exzellente Arbeit von Frankie Tontoh am Schlagzeug und Neville Malcolm am Bass. Dieses Repertoire könnte sich keine einfühlsameren Interpret*innen wünschen. Jeder einzelne Song wirkt frisch wie am ersten Tag – als wären sie geschrieben worden, mit genau diesen Musiker*innen als Idealbesetzung im Kopf. Und Paul Groothuis’ seidiges Sounddesign trägt das alles mit erhabener Balance und Natürlichkeit in unsere Ohren: Der weite Resonanzraum des Theaters klingt plötzlich wie Ronnie Scott’s.

Also: Hat sich das Warten gelohnt, Miss McDonald? Wir sind so froh – so sehr froh –, dass Sie hier sind, und mit diesem Wunder einer Show. Bitte, bitte, bitte: Bleiben Sie nicht wieder so lange fern?

TICKETS FÜR LADY DAY AT EMERSON'S BAR AND GRILL BUCHEN

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