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KRITIK: Mensch und Übermensch, Lyttelton Theatre ✭✭✭✭✭

Veröffentlicht am

Von

stephencollins

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Ralph Fiennes und Indira Varma in Shaws Man and Superman am National Theatre. Foto: Alastair Muir Man and Superman

Lyttelton Theatre

26. Februar 2015

5 Sterne

Auf eines kann man sich bei einem Stück aus der Feder von George Bernard Shaw verlassen: zumindest auf das Versprechen von Weitschweifigkeit. Der grosse Dramatiker ist nicht gerade für seine Fähigkeit zur knappen Darstellung bekannt. Eine Nachfrage beim Kassenpersonal führte zu dem zurückhaltenden Hinweis, dass die Vorstellung im Lyttelton voraussichtlich „etwa drei Stunden und vierzig Minuten“ dauern werde. „Bei der Premiere waren es vier Stunden, aber sie haben zwanzig Minuten gestrichen.“ Es war also nicht überraschend, dass die erste Hälfte der Produktion knapp zwei Stunden dauerte.

Unerwartet war hingegen, wie sehr diese Zeit von Lachen und Heiterkeit erfüllt war – und wie sehr sie sich eher wie zwanzig Minuten anfühlte. Simon Godwins umwerfende Inszenierung von Man and Superman, derzeit im Lyttelton Theatre zu sehen als Teil von Nicholas Hytners Abschiedsspielzeit am National, lässt Shaws 112 Jahre altes Vierakter-Stück – ein philosophisches Tennismatch aus hin- und hergeschossenen Ideen und Idealen – vor Witz, Einfallsreichtum und schierer Freude sprühen.

Godwins Inszenierung steht in deutlichem Kontrast zu dem anderen „Grosses-Ideen“-Stück, das derzeit am National läuft: Tom Stoppards The Hard Problem. Diese Produktion ist deutlich überlegen, die Besetzung nahezu perfekt und die Textbehandlung lebendiger, fesselnder und durch und durch berauschend. Vor allem aber zeigt Shaw in Man and Superman seine besondere Stärke: Er schafft Figuren, mit denen man mitfühlen kann, die echt sind (einschliesslich Luzifers selbst) und um die wir uns kümmern. Shaw übertrumpft Stoppard ganz einfach mit Stoppard’schen Mitteln. Godwin zeigt, warum.

Shaws Stück besteht aus vier Akten. Der dritte enthält eine Passage, die oft gestrichen und manchmal auch als eigenständiges Stück unter dem Titel Don Juan In Heaven gespielt wird. In der vollständigen vieraktigen Fassung erscheint diese Sequenz als Traum der Hauptfigur Jack Tanner. Sie spielt in der Hölle und umfasst den Teufel sowie drei der Hauptfiguren (sozusagen) aus Mozarts Don Giovanni. Eine der inspiriertesten Entscheidungen Godwins ist, die beiden Teile der Aufführung nicht entlang von Shaws Akten zu trennen. So reicht die erste Hälfte in Shaws dritten Akt hinein und endet kurz nachdem sie in Tanners Traum abbiegt.

Das Ergebnis ist ungemein wirkungsvoll. Der erste und zweite Akt spielen in und um ein grosses englisches Landhaus; der dritte beginnt in der Sierra Nevada – exotisch, aber erhaben –, doch der Traum findet in der Hölle statt. Der Wechsel ist abrupt, unerwartet und nahtlos (dank Christopher Orams köstlichem Bühnenbild). Wir sehen Tanner, wie er Stiefel und Mantel vergangener Zeiten anlegt, wissen aber nicht warum. Er wirkt unglücklich, und seine Umgebung ist nun karg, konturlos: eine cremeweisse Box als Sinnbild endloser Leere. Auch eine alte Frau ist da. Sie fragt den seltsam gekleideten Tanner, wo sie seien. Er antwortet: „In der Hölle“, und der Blackout, der die Pause signalisiert, folgt.

Das ist zugleich ein ausserordentlicher Aufmerksamkeitsmagnet und ausgesprochen clever. Wer mit seiner heutigen Aufmerksamkeitsspanne bereits von der bislang im Theater verbrachten Zeit herausgefordert ist, wird aus jeder Bequemlichkeit gerissen. Zwei Fragen schiessen hervor: Was zur Hölle ist gerade passiert? und Was zur Hölle wird jetzt passieren?

Soweit ich sehen konnte, ging in der Pause niemand. Godwins Strategie war einfach zu verlockend.

Die Produktion ist weniger „in moderner Kleidung“ als vielmehr modernisiert – Orams Kostüme tragen das Flair von Shaws Zeit, wirken aber zugleich zeitgemässer. Das unterstreicht Godwins Punkt: Die Themen, die Shaws Geist und Witz damals beschäftigten, gelten heute genauso. 2015 mag es Smartphones geben, doch die philosophische Debatte ist noch immer erstaunlich relevant, die Klassenunterschiede sind weiterhin tiefgreifend, und die Müßiggänger der Oberschicht sind nach wie vor müssig – und reich. Die Modernisierung betont Witz und Aktualität von Shaws Schreiben auf einfache, direkte und unprätentiöse Weise. Das ist inspiriert.

So wie fast die gesamte Besetzung.

Im Zentrum, mit einem herkulischen Pensum an kompliziertem, dichtem Dialog, steht Ralph Fiennes in absoluter Bestform. Er hat unerschöpfliche Energie, und obwohl er den Text in bemerkenswertem Tempo herunterrattern lässt, verleiht er jedem Wort Gewicht und macht jede Passage klar und unkompliziert verständlich. Er ist phänomenal – wie ein Blitz, der auf die Bühne begrenzt wurde. Gegen Ende des Stücks, wenn die Komödie die philosophische Diskussion überlagert, kanalisiert Fiennes seinen inneren James Stewart mit grosser Wirkung – inklusive Hundeblick und verrenkter Körperlichkeit.

Fiennes hat eine grossartige Stimme und weiss sie optimal einzusetzen, indem er alles, was er tut, unermüdlich mit Energie auflädt. Und er zeichnet ganz klar – brillant – eine andere Figur in der Traumsequenz in der Hölle: absurd komisch und herrlich depressiv, wie alle engagierten Denker. Fiennes ist in dieser Produktion der Superman.

Tim McMullen, in der Vorstellung seines Lebens, ist als philosophischer Brigant Mendoza schlicht grossartig – und legt dann noch einen drauf, um in der Höllensequenz einen eleganten, unverschämten und hinreissend komischen Teufel zu liefern. Sein Auftritt als Teufel, komplett mit exquisit bestücktem Getränketisch, ist einer der schärfsten und komischsten, die ich je auf der Lyttelton-Bühne gesehen habe. McMullen verkörpert als Teufel die Dekadenz; es ist eine Meisterklasse in vokaler Verführung.

Sein Brigant ist ebenso beglückend – und bietet ein frisches, komisches Gegengewicht zu den übrigen Theorien, mit denen Fiennes’ Tanner ringt. Nicholas Le Provost verkörpert als herrlich benannter Roebuck Ramsden die hochmoralische Haltung der englischen Mittelschicht mit treffsicherer Genauigkeit. Sein prustender Empörungsanfall über Tanners fragwürdige Gedankengänge ist köstlich dosiert, und er und Fiennes arbeiten in den von Shaw im ersten Akt gestellten Wortfallen und Spielen wunderbar zusammen.

Le Provost gestaltet in den Höllenszenen zudem eine völlig andere Figur – und vielleicht ist er darin am besten. Er belebt den Kommandanten (von Don Giovanni/Juan erschlagen) mit trockenem, federndem Humor und erweist sich, ganz in weissem Mozart’schen Gehrock (inklusive Himmelsflügel), als unwiderstehlich: der Möchtegern-Spassmacher, der der Langeweile des Himmels überdrüssig wird und sich für ein Leben als Ausreisser in der Hölle entscheidet. Seine Argumente dafür bringt er gewandt an. Eine köstliche, kluge Leistung.

Ferdinand Kingsley hat als Ricky Ticky Tavy die schwierigste Aufgabe: Es ist sehr schwer, jemanden zu spielen, der dauerhaft klatschnass ist. Doch Kingsley meistert das sehr schön, mit einer sanften und ausgesprochen liebenswerten Note. Shaw scheint anzudeuten, dass die Figur heimlich schwul ist, und Kingsley lässt diese Möglichkeit offen. Sehr klug.

Faye Castelow ist hervorragend als die entschlossene, temperamentvolle Violet, und Christine Kavanagh ist ebenso hervorragend als die erschöpfte Mutter von zwei Kindern, die sich wünscht, andere wären ihre Kinder. Corey Johnson ist perfekt – geradezu perfekt – als der laute, unangenehme, hochgespannte reiche Amerikaner, dessen Verachtung für die englische Mittelschicht vulkanisch und monumental ist. Nick Hendrix ist verblüffend gutaussehend, aber etwas eindimensional, als der kernige amerikanische Sohn, der bereit ist, für Violet alles zu verlieren.

Einen wunderbaren Auftritt hat der begabte Elliot Barnes-Worrell als Enry Straker, Tanners Chauffeur und Realitätsabgleich. Das Verhältnis von Sprache, Klasse und Gesellschaft sollte Shaw später im bekannteren Pygmalion noch ausführlicher untersuchen, doch Enry ist eine herrliche Schöpfung, der, wie Tanner sagt:  „mehr Mühe darauf verwendet, seine Hs wegzulassen, als sein Vater je darauf verwendet hat, sie auszusprechen. Für ihn ist das ein Zeichen von Kaste. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so vor Klassenstolz geschwollen ist wie Enry.“

Indira Varma spielt Ann, Tanners Nemesis. Sie ist schön und feurig, eine rundum verlogene Unruhestifterin. Das Spiel funktioniert nur halb: In regelmässigen Abständen ist es unerquicklich schrill und es fehlt jene anziehende, gewinnende Wärme, die jemand, der als Lügnerin und Manipulatorin bekannt ist, besitzen muss, um mit dem Betrug durchzukommen. Varmas beste Arbeit kam in der Höllensequenz, in der ihre Figur über die Haltungen der anderen, denen sie dort begegnet, irritiert ist. Varmas Ann ist keine Katastrophe, aber sie funktioniert nicht so herausragend wie alle anderen Hauptleistungen.

Simon Godwin ist hier etwas geradezu Wunderbares gelungen. Diese Inszenierung von Shaws Man and Superman wird für Jahrzehnte Massstäbe setzen. Sie ist in jeder Hinsicht lebendig, voller Stil, Verstand und Gefühl. Mit Fiennes, McMullen und Le Provost in Topform ist es ein bezaubernder, betörender Theaterabend, der Sie über ernste Dinge nachdenken lässt – mit einem Lächeln im Gesicht.

Man and Superman läuft am National Theatre bis zum 17. Mai 2015

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