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KRITIK: Siegfried & Götterdämmerung, Hackney Empire ✭✭✭✭✭

Veröffentlicht am

Von

timhochstrasser

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Tim Hochstrasser bespricht Arcolas „Siegfried“ & „Götterdämmerung“, Teil von Wagners „Ring“-Zyklus im Hackney Empire.

Arcolas „Siegfried“ & „Götterdämmerung“ im Hackney Empire. Foto: Alex Brenner „Siegfried“ & „Götterdämmerung“

Hackney Empire

6. August 2022

5 Sterne

Das Arcola Theatre begann seinen „Ring“-Zyklus noch vor der Pandemie – und nun ist er zu einem triumphalen Abschluss gekommen: eine Bestätigung nicht nur für das Produktionsteam, sondern auch für die von Graham Vick und Jonathan Dove erarbeitete Kurzfassung von Der Ring. Niemand würde ernsthaft versuchen, die vollständigen Fassungen der letzten beiden Opern an einem einzigen Tag auf die Bühne zu bringen; doch mit einer Spieldauer von nun zwei Stunden beziehungsweise zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten ist das mehr als gut zu bewältigen. Plötzlich lässt sich der grosse Bogen von Siegfrieds Leben in seiner ganzen Weite erfassen. Indem die rückblickenden Zusammenfassungen gestrichen wurden – Passagen, die Wagner in der Annahme eingefügt hatte, das Publikum kenne die übrigen Teile nicht –, werden alle auf der Bühne frei, im Moment zu spielen und zu singen. Der Geschichte kehrt dramatischer Schwung zurück, ohne dass dabei irgendeine Tiefe in der Charakterzeichnung verloren ginge.

Arcolas „Siegfried“ & „Götterdämmerung“ im Hackney Empire. Foto: Alex Brenner Ähnlich erfreulich sind die Ergebnisse auch musikalisch. Mit weniger als zwanzig Musiker*innen im Graben denkt man zunächst: Das kann doch nicht funktionieren. Doch sobald man sich an den Klang gewöhnt, ist das Ergebnis eine Freude. Das Gleichgewicht zwischen Instrumentalist*innen und Sänger*innen wird wiederhergestellt – das ermöglicht echte Momente gelöster Intimität und mindert nebenbei die stimmliche Belastung der Solist*innen. Ja, jener innere Streicher-Schimmer, den Wagner mit all den Bratschenlinien geschaffen hat, fehlt; stattdessen hört man jedoch allerlei instrumentale Soli an die Oberfläche steigen, die sonst im orchestralen Gesamtbild untergehen. Mitunter sind mir die Schnitte zwischen den Szenen zu abrupt – ich hätte mir mehr von den orchestralen Übergängen bewahrt gewünscht, nicht zuletzt, weil die Kunst des Übergangs eine war, in der der Komponist auf geradezu proto-filmische Weise wirklich brillierte. Doch das Wesentliche bleibt erhalten – dank der Qualitäten der Orpheus Sinfonia und ihres feinsinnigen Dirigenten Peter Selwyn.

Arcolas „Siegfried“ & „Götterdämmerung“ im Hackney Empire. Foto: Alex Brenner Der etwas verblasste Prunk und Glitzer des Hackney Empire selbst ist sinnbildlich für die fragwürdige Grandiosität Walhalls – eine wörtliche Bebilderung der Handlung brauchte es daher nicht. Stattdessen – und mit Rückgriff auf das Bühnenbild aus der vorausgehenden Walküre – sehen wir eine Gerüstkonstruktion mit zahlreichen Plattformen auf unterschiedlichen Ebenen. Das hat den Vorteil, lang ausgedehnte Auf- und Abtritte zu ermöglichen, wie sie in Wagner-Opern stets eine Rolle spielen, und zugleich den Figuren verschiedene Standpunkte fürs Singen zu geben. In Siegfried war die Bühne mit dem Gerümpel aus Mimes Höhle übersät, und Pappkartons mussten als Goldhaufen in Fafners Höhle herhalten. Abgenutzte Möbel lieferten ein passend bürgerliches Ambiente für die aufstrebenden Gibichungen. Die Spezialeffekte waren eher ein Treffer-und-Fehlschlag-Spiel: Vertikale Lichtstreifen senkten sich zeitweise aus dem Schnürboden herab, um Orte anzudeuten – Grün für den Wald, Rot für das Zauberfeuer und eine Vielzahl von Farben für das Weltende. Das war sparsam und wirkungsvoll. Ebenso Fafner, der Drache, der hier als zentrale Figur mit einer Reihe von Erscheinungsformen gezeigt wurde. Das Schmieden des Schwerts jedoch – stets schwer überzeugend umzusetzen, selbst mit üppigen Budgets – wirkte eher wie Kastanienrösten über einem Kohlebecken.

Arcolas „Siegfried“ & „Götterdämmerung“ im Hackney Empire. Foto: Alex Brenner Der Ring wird mitunter als eine Symphonie in vier Sätzen beschrieben, wobei Siegfried das Scherzo sei. Dies ist die erste Inszenierung, in der ich diesen Vergleich wirklich plausibel fand. Da ist die Energie und Dynamik der Jugend, die exquisite Beschwörung eines zum Leben erwachenden Waldes, die Bezwingung sowohl des Drachen als auch Wotans und schliesslich die Überwindung des Zauberfeuers und das Erwachen Brünnhildes. All das floss mühelos voran, ohne dramatische Handbremse – ein berauschendes Erlebnis, dabei zu sein. Natürlich funktioniert das alles nur dank der stimmlichen und darstellerischen Qualitäten des Ensembles: In der Titelrolle liess Neal Cooper seine Energie und Unschuld bis zum Schluss lichterloh brennen und fand mehr Schichten, als man in dieser Partie oft hört. Colin Judson sang die Rolle des Mime wirklich – und liess uns seine berechtigten Frustrationen ebenso spüren wie seine niederträchtige Schlauheit. In den zentralen Abschnitten vermittelte die üppige Stimme von Paul Carey Jones die Schwere des Vorhabens des Wanderers, aber auch sein weniger rühmliches Vergnügen daran, die anderen Figuren zu manipulieren und auf ihre Kosten Spass zu haben. Dadurch versteht man umso besser, warum Siegfried ihn ungeduldig beiseiteschiebt – etwas, das in Aufführungen nicht immer klar herauskommt. Freddie Tong, der Alberich in beiden Opern sang, war präzise und bedrohlich, und Elizabeth Karani flatterte souverän durch die heikle melismatische Linienführung des Waldvogels. Simon Wilding fand in Fafners letzten Worten Sensibilität und Reue, und Mae Heydorn – die sich durch Meter um Meter pfirsichfarbener Gaze kämpfte – stellte sich dem Wanderer in ihrer entscheidenden Konfrontation, die den Ausgang des Dramas bestimmt, beredt entgegen. Das war der intensivste, konzentrierteste Moment der Oper – und das zu Recht.

Arcolas „Siegfried“ & „Götterdämmerung“ im Hackney Empire. Foto: Alex Brenner Traurigerweise – aber unvermeidlich – um die Nornen gekürzt, konzentrierte sich Götterdämmerung stark auf Siegfrieds Verrat an Brünnhilde und seine Anbiederung an den Gibichungen-Clan. Wir hatten einen neuen Siegfried – Mark le Brocq –, der – zu Recht – von Beginn an älter und weltgewandter wirkte und, entscheidend, stimmlich frisch für die kommenden Anforderungen war. Lee Bisset als Brünnhilde forcierte ihren Ton in den früheren Szenen zu sehr, entspannte sich jedoch in die Rolle hinein und lieferte eine eindrucksvolle und zugleich intime Gestaltung der abschliessenden Szene der Selbstverbrennung. Simon Wilding kehrte zurück und gab einen grossartigen Hagen: voller subtiler, einschmeichelnder Bedrohlichkeit. Simon Thorpe traf Gunthers begriffsstutziges Poltern sehr wirkungsvoll, und Lucy Anderson machte aus der eher knapp gezeichneten Gutrune mehr als üblich. Vielleicht meine Lieblingsszene – von Anfang bis Ende vollkommen fesselnd – war die Konfrontation zwischen Brünnhilde und Waltraute, in der Angharad Lyddon das Beste aus der letzten Gelegenheit machte, das katastrophale Ende noch abzuwenden: Sämtliche Themen des Ring – von der Praxis der Täuschung bis hin zur Aussicht auf Erlösung – wurden hier durchgespielt.

Regisseurin Julia Burbach und ihr Kreativteam verdienen grosses Lob dafür, dieses komplexe Projekt sicher zu einem gelungenen Abschluss geführt zu haben. Sie haben mit ihrem Budget wirklich über sich hinausgewachsen und diese Aufführungsfassung auf eine Weise gerechtfertigt, die – so hofft man – zu vielen weiteren Produktionen führen dürfte. Das kann der Wertschätzung und dem Verständnis für Wagner nur guttun, was auch immer die Purist*innen sagen mögen.

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