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REZENSION: Die Uhrmacherstochter, Landor Theatre ✭✭✭✭

Veröffentlicht am

Von

stephencollins

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Die Tochter des Uhrmachers

Landor Theatre

3. Juni 2015

4 Sterne

In der fünften Staffel von Buffy – Im Bann der Dämonen bekommt Spike, der bösartige, machiavellistische, aber letztlich heroische (und stets elektrisierende) Vampir, einen Buffy-Roboter geschenkt. Der Roboter erfüllt mehrere Funktionen in der Handlung, wurde aber vor allem aus Spikes Wunsch heraus erschaffen, einen Ersatz für die echte Buffy zu haben – jemanden, den er lieben kann. Soweit die Serie sich mit Fantasy-Wesen wie Vampiren und Werwölfen beschäftigte, war so ein Kniff einerseits völlig genretypisch, andererseits auch originell. Und weil Spike ohnehin schon tot war, hielt sich der Ekel-Faktor in Grenzen.

Ähnlich verhielt es sich in derselben Serie mit Xanders Liebe zu der tausendjährigen Rachedämonin Anya: Sie war nachvollziehbar – eingerahmt von den schrägen und fantastischen Elementen der Handlung rund um Buffy, ihre Scooby-Gang sowie ihre Feinde und Freunde. Buffy war beispielhafte Fantasy – und hatte doch jede Menge über sehr reale, moderne Themen zu sagen: Gruppendruck, Coming-out, erwachende Sexualität, Eifersucht, Besessenheit, Rache, Eigennutz, den Preis der Macht und die Kraft von Liebe und Opferbereitschaft.

Das ist natürlich eine der grossartigen Qualitäten fantastischer Geschichten: Sie können ernsthafte moralische Fragen nahtlos und anregend verhandeln – und dabei für ein breites Publikum unterhaltsam bleiben, weil die oberflächlichen Handlungsstränge ganz für sich Komik und Drama liefern, oft in magischen oder romantisch überhöhten Situationen.

Wenn man ein neues Musical als ernsthafte Untersuchung lüsterner Obsession, der Macht des Rudeldenkens, der Ausgrenzung all jener, die anders sind (aus welchem Grund auch immer: Herkunft, Geschlecht, sexuelle Identität, Armut, fehlende Chancen, gesundheitliche Probleme) und des tief sitzenden Misogynismus der Gesellschaft – besonders gegenüber benachteiligten Frauen – ankündigen würde: Würde dann überhaupt jemand hingehen? Ich bezweifle es, selbst wenn Stephen Sondheim die Musik geschrieben hätte. Nun ja: Er hat dieses Musical gewissermassen geschrieben – das gebrochene Fantasy-Märchen Into the Woods –, aber so wurde es nie beworben. (Doch das ist eine andere Geschichte, lassen wir das …)

Im Landor Theatre läuft derzeit Die Tochter des Uhrmachers, ein neues Musical (genauer: ein originales Musical-Faerytale) mit Buch, Musik und Liedtexten von Michael Webborn und Daniel Finn. Zusammen mit Duncton Wood, das aktuell im Union Theatre zu sehen ist, liefert Die Tochter des Uhrmachers ein starkes Argument dafür, in Grossbritannien endlich ein National Musical Theatre zu schaffen – ordentlich finanziert aus Lotteriemitteln –, dessen einziger Zweck die Entwicklung, das Workshoppen und das Verfeinern neuer Musicals ist. Diese Arbeiten strotzen vor Qualität, insbesondere in ihren Partituren, und verdienen spürbare, substanzielle Unterstützung.

Im Programmheft formulieren Webborn und Finn ihre Absicht:

„Als wir anfingen, Die Tochter des Uhrmachers zu schreiben, war uns eines ganz sicher: Wir wollten ein neues Märchen. Wir wollten all die Zutaten der traditionellen Form: die Magie, das fantastische Gefühl, die übernatürlichen Elemente, den moralischen Kern und die Einfachheit, die mit der Erzählweise des Genres einhergeht. Aber es musste neu sein; es musste anders sein.“

Und damit haben sie voll und ganz Erfolg.

Die Frau des Uhrmachers ist gestorben – kinderlos. Er, Abraham, ein Meisterhandwerker für Zeitmesser, fertigt sich eine Frau aus Uhrwerk als Gefährtin. Doch er erschafft mehr, als er beabsichtigt hatte: Als er seine Kreation aufzieht, indem er einen grossen Schlüssel in ihren Rücken steckt, wird sie lebendig. Er versucht, ihre Existenz geheim zu halten, aber das Wesen, das er geschaffen hat – Constance – ist gierig nach Wissen und Erfahrung. Sie liest viel, lernt und erinnert sich, und wagt sich dann hinaus in die Welt – wo sie Verlust, Freude, Akzeptanz, Liebe, Abscheu, Hass und schliesslich den Tod findet. Es gibt unterwegs viele Kniffe und Überraschungen, doch das ist der Kern der Geschichte: so magisch, fantastisch und moralisch, wie Märchen nur sein können.

Und sie ist zugleich neu, anders. Ja, der Kuchen, den Webborn und Finn hier gebacken haben, könnte aus einem Pfund Frankenstein, einem Pfund Pygmalion, einer Tasse Das Phantom der Oper, gehäuften Esslöffeln Die Schöne und das Biest, einer Prise Pinocchio und einem Hauch Buffy bestehen – aber es ist, wie Jerry Herman vielleicht gesagt hätte, eine ganz eigene Spezialkreation.

Angesiedelt in einem passend rustikalen irischen Dorf, ist das Stück voller vertrauter Figuren: der muffige, tattrige Bürgermeister; der attraktive Sohn des Bürgermeisters; die schöne zukünftige Braut dieses Sohnes; der schmerzerfüllte, einsame, wie ein Einsiedler lebende Meisterhandwerker; die resolute Dorf-Schneiderin (eine Art Kreuzung aus Mrs Potts und Ursula) samt Töchtern und Sohn; und die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner. Fast alle sind arm oder zumindest nicht reich – und wirken doch zufrieden genug.

Dann wird das teure, unersetzliche Brautkleid der Verlobten bei einem Unfall am Dorfbrunnen ruiniert – und Unheil und Elend schleichen durchs Dorf. In diesen Hexenkessel spaziert Constance hinein, unsicher, auf Entdeckungsreise ausserhalb ihrer eigenen Welt. Sie zaubert ein Ersatzkleid – viel besser als das zerstörte Original –, bringt Geschenke und tut Gutes für die Dorfbewohner. Schliesslich enttarnen sie ihre Identität als geheimnisvolle Wohltäterin und feiern sie – ganz zu schweigen davon, dass sie sie auch ausnutzen.

Abraham warnt Constance, dass das Dorf sie verstossen wird, wenn ihre wahre Natur ans Licht kommt. In Wahrheit will er sie für sich behalten. Constance jedoch, die das Leben ausserhalb von Abrahams einsamem Haus gekostet hat, will mehr – und wird, wenig überraschend, im Dorf ertappt, als ihr Zeitmechanismus aussetzt und sie erstarrt, weil sie wieder aufgezogen werden muss. Abraham zieht sie vor den Augen des Dorfes buchstäblich auf – und sie erwacht erneut zum Leben. Doch das Dorf hat sich gewendet …

Mehr zu verraten, würde eine Geschichte mit mehreren echten Überraschungen gegen Ende unverzeihlich spoilern. So viel sei gesagt: Magie und Liebe spielen beide eine zentrale Rolle im Lauf der Ereignisse – wenn auch vielleicht nicht auf die übliche Disney-Art.

Es ist eine grossartige Geschichte – doch der schillerndste Schatz der Produktion ist ihre Musik. Es gibt Folk-Tunes, Liebeslieder, leidenschaftliche Balladen, Comedy-Nummern, Pattersongs, schwebende Melodien, komplexe Harmonien und prächtige Polyphonie – alles mit einem Hauch irischem Jig am Rand. Das ist eine Partitur, die geradezu nach einer souveränen Orchestrierung schreit, mit vielen Streichern sowie Rohrblatt- und Holzbläsern, um die natürlichen Kräfte der Komposition auf packende Weise freizusetzen.

So wie es ist, sorgen unter Webborns musikalischer Leitung die kleine Band und das zwanzigköpfige Ensemble gemeinsam für ein echtes Gefühl von der innewohnenden Wucht und Anziehungskraft der Partitur. Massgeblich unterstützt werden sie dabei durch Jennifer Harding, die mit einer ausserordentlich sicheren Darbietung der schwierigsten – und hinreissendsten – Musik glänzt und in der zentralen Rolle der Constance herausragt.

Harding verfügt über eine reiche, leuchtende Stimme, perfekt gestützt und getragen, mit kräftigem Belt und einer freien, luxuriösen Höhe. Es ist eine Freude, ihr bei den grossen Nummern zuzuhören – diese Verschmelzung ihrer Kunst mit der leidenschaftlichen Partitur. Ihre Diktion ist makellos, und sie besitzt diese seltene Fähigkeit, jeder Note genau das richtige Gewicht zu geben, den Sinn jedes Wortes vollständig zu vermitteln und zugleich das emotionale Panorama und die Dynamik der Musik spürbar zu machen.

Und als Schauspielerin ist Harding ebenfalls in bestechender Form. Es ist schwierig, ein Uhrwerk-Wesen so zu spielen, dass sowohl die Unmenschlichkeit ihrer mechanischen Natur als auch die sich entwickelnde romantische Seele betont werden, die aus der magischen Alchemie ihrer Begegnungen mit den Dorfbewohnern entsteht. Harding gelingt das spektakulär gut.

Mit seiner gewohnten Souveränität führt Robert McWhir das Geschehen mit Können und Klarheit. Tatsächlich ist dies ein grosses, episches Musical-Theater-Stück. Auf einer grossen Bühne, mit überwältigenden Bühnenbildern und Kostümen, mit einem angemessenen Gefühl von Grösse – wie es die Märchenanlage verlangt – käme es wohl am besten zur Geltung. Dass es McWhir gelingt, ein solches Werk im intimen Raum des Landor so gut funktionieren zu lassen, verdient echtes Lob. Es ist ambitioniert – und es zahlt sich aus.

Robbie O'Reilly leistet solide Arbeit in der Choreografie, und David Shields gestaltet ein ebenso verspieltes wie reizvolles Bühnenbild, das verschiedene Orte sehr überzeugend evoziert. Das Gefühl von Zeit und Uhrwerk ist im Bühnenbild ständig präsent, ohne dabei ermüdend oder abgegriffen zu wirken. Leider tut Richard Lamberts Licht weder dem Set noch dem Ensemble allzu viele Gefallen – vielleicht war an dem Abend, an dem ich dort war, ein Spot defekt, denn in dieser Abteilung wirkte vieles sehr merkwürdig.

Das Ensemble arbeitet insgesamt mit enormem Einsatz, mit besonders gelungenen Leistungen von Emily Peach, Ryan Lynch, Kathryn Laura Aiken und Paul Bradshaw. Alyssa Martyn ist als Amelia sehr anrührend – und in der Szene des zweiten Aktes, in der sie das Rudeldenken des Dorfes herausfordert und moralische Fragen wirkungsvoll aufwirft, ist sie wirklich beeindruckend. Sie hat eine leise, aber angenehme Stimme, die einen starken Kontrast zu ihrer Charakterfestigkeit bildet.

Alex Spinney (Henry), Rob McManus (Bürgermeister Glynn), Alan McHale (Will) und Max Abraham (Sam) haben in ihren Rollen alle inspirierte Momente, sehen passend aus und füllen ihre Parts optisch gut – könnten in ihrer Darbietung jedoch insgesamt noch souveräner sein.

Jo Wickhams Ma' Riley ist eine zu groteske Karikatur, um die Melancholie und das Herz zu transportieren, die die Figur eigentlich haben sollte; Natalie Harman als ihre Tochter Rhiannon orientiert sich nachvollziehbarerweise an Wickham – wodurch die Komplexität und das Interesse ihrer Figur etwas verloren gehen. In beiden Fällen gilt: Weniger wäre ganz eindeutig mehr.

Als Abraham, dem titelgebenden Uhrmacher, bringt Lawrence Carmichael nicht das mit, was die Rolle braucht. Die Worte, die er singt, sind schwer zu verstehen, und häufiger gibt es deutliche Intonationsprobleme. Ein grosser Teil der Exposition und des emotionalen Fundaments ruht auf seinen Schultern – und obwohl es unbestreitbar Momente von Einsicht gibt, ist die Last für ihn zu gross.

Teilweise liegt das am Text. Sein erstes Solo ist schwer nachzuvollziehen, weil seine Vorgeschichte vorher nicht klar etabliert wird; sein Interesse an Constance ist an einigen Stellen der Erzählung sehr creepy geschrieben; und obwohl er Constance erschafft und für die beste Überraschung des Abends entscheidend ist, ist die Figur in vieler Hinsicht nicht als freundlich oder sympathisch angelegt – und verlangt daher nach einer delikaten Führung, wie man sie etwa bei Rollen wie dem Biest in Die Schöne und das Biest braucht, nur ohne den dramaturgischen Pay-off, den das Biest in seiner Geschichte erhält. Ausserdem gibt es nie eine musikalische Nummer für Constance und Abraham, in der die Freude an ihrer einzigartigen Beziehung klar wird. All das zusammen macht die Rolle des Abraham zu einer kolossalen Herausforderung – obwohl das Material so reich ist, dass es diese Hürde gar nicht bräuchte.

Dies ist ein fesselndes, packendes, fantastisches Musical, strahlend vor Möglichkeiten und Wahrheit. Es ist stellenweise konfrontativ und an anderer Stelle herzzerreissend. Und es ist voller magischer Momente. Potenziell ein wirklich grosses britisches Musical.

Eines ist sicher: Bei Die Tochter des Uhrmachers werden Sie nicht auf die Uhr schauen.

Die Tochter des Uhrmachers läuft bis zum 4. Juli im Landor Theatre

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