NACHRICHTEN
REZENSION: The Hired Man In Concert, Cadogan Hall ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
julianeaves
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The Hired Man im Konzert
Cadogan Hall
Donnerstag, 22. September 2016
5 Sterne
Seit Jahren erzählen uns Edward Seckerson – und viele andere – dass Howard Goodall ein grossartiger Musicalautor ist und dass sein erstes Werk, „The Hired Man“, (bis heute) sein bestes ist. Seit der Uraufführung 1984 mit einer beachtlichen Laufzeit im inzwischen verschwundenen Astoria Theatre an der Charing Cross Road taucht die Show immer wieder überall im Vereinigten Königreich auf – und geht auch auf Reisen rund um die Welt. Goodall selbst ist inzwischen ein vertrautes Gesicht im Fernsehen und hat sich zudem eine Karriere in der Chormusik aufgebaut, während er weiterhin spannendes, ungewöhnliches, kluges Musiktheater schreibt – zuletzt das mitreissende „Bend It Like Beckham“. Und derweil erinnern uns die Seckersons dieser Welt unermüdlich an die Grösse dieses Debüts.
Nun brachte Cadogan Hall am vergangenen Donnerstag – „By arrangement with the Really Useful Group Ltd.“ (deren Andrew Lloyd Webber seinerzeit die ursprüngliche West-End-Laufzeit des Stücks tatkräftig unterstützte) – eine opulente Konzertfassung des Werks auf die Bühne. Und wieder einmal sahen und hörten wir, warum dieses Stück zu den ganz grossen Leistungen des Musicaltheaters zählt. Es ist schlicht atemberaubend. Ja: Befreit von Bühnenbild und Kostüm, Lichtregie und Choreografie – und von all dem theatralen Prunk – treten seine Qualitäten unter der fast schon sezierenden Genauigkeit des Konzertpodiums noch deutlicher hervor.
Und was für Qualitäten! Melvyn Bragg schrieb den Roman, auf dem Goodall dieses Werk aufbaute, und liess sich dann vom 24-jährigen Komponisten und Texter überreden, auch das Buch des Musicals zu verfassen. Bei dieser Aufführung war es ein besonderer Genuss, ihn auf der Bühne als Erzähler zu erleben – mit seiner gewohnten Herzlichkeit und Klarheit. Am Pult stand der junge Andrew Linnie, der in der Musicalszene regelrecht eingeschlagen hat und bereits eine Reihe gewichtiger Credits vorweisen kann: Hier trieb er Band und Solist:innen in einem knackigen Tempo voran und durchströmte Goodalls transparente Klanggewebe mit einer belebenden Energie – selbst in den zartesten Momenten. Goodalls ursprüngliche Instrumentation blieb erhalten, mit Klavier, Cembalo, Harfe und Trompete, allerdings mit einer verstärkten Streichergruppe.
Seine Meisterschaft in der musikalischen Dramaturgie zeigte sich in jeder Nummer: Stimm- und Instrumentengruppen wurden wunderbar moduliert, um das epische Drama der Familie Tallentire im Cumberland um die Wende zum 20. Jahrhundert zu erzählen. Neun hervorragende Prinzipalrollen, dazu ein stattliches Ensemble von dreiundzwanzig, übernahmen die Gesangspartien. Angeführt wurde das Cast von John Owen-Jones in der Titelrolle, der die ganze majestätische Kraft jener grossen Musical-Hauptrollen ausspielte, die er im Laufe seiner Karriere verkörpert hat; an seiner Seite brachte Jenna Russell als seine Frau Emily jedem Moment verblüffenden Realismus und Komplexität. Sean Kearns war Tallentires stählerner, aber fairer Arbeitgeber, Nigel Richards der lebensfrohe Bruder der Hauptfigur. Schon beeindruckt genug? Es wird noch besser. Die weiteren Tallentires wurden von Stewart Clarke, Evelyn Hoskins und James Moore gespielt, Jessica-Louise Parkinson gab Emilys Freundin Sally. Inszeniert wurde das Ensemble mit feiner, berührender Präzision von Samuel Hopkins, die Sprechakzente wurden von Conor Neaves einstudiert. Und Barret Hodgsons Projektionen sowie Sarah Readmans Lichtgestaltung vollendeten den Zauber.
Eine Besetzung wie diese ist ein Traum – und sie klang entsprechend: grossartig. Beflügelt davon vereinten sich ein erstklassiges, erfahrenes Ensemble (dazu zählte etwa die grossartige Stimme von Stephen Barry, zuletzt als Adam/Noah in „Children of Eden“ zu hören) und die jüngeren Stimmen der Laine Theatre Arts zu einem rundum überwältigenden Klangbild – das in Seeta Mistrys Sounddesign mit bewundernswerter Klarheit und Balance zur Geltung kam. So wurde das ganze Erlebnis aus der Alltagswelt des Theaters herausgehoben und – vielleicht auch begünstigt durch den einst sakralen Raum – in die berauschenden Höhen eines Oratoriums katapultiert.
Der Vergleich ist aufschlussreich. Die Verdichtung der Familiengeschichte des Romans, die in drei Stunden auf die Bühne gebracht werden muss, bedeutet, dass die Chronologie häufig beschleunigt werden muss. Zwischen den Akten liegt ein Sprung von 16 Jahren (das erinnert an „Ein Wintermärchen“, eine weitere Geschichte, in der jugendliche Leidenschaft – belastet von Missverständnissen und Verfehlungen – in die Weisheit und Gelassenheit übergeht, die das Alter schenkt). Und mitten in der zweiten Hälfte rauscht der Erste Weltkrieg vorbei, fast ohne Echo. Problematisch ist das nie, weil Goodalls Musik ihr eigenes Zeitmass hält und ihre eigene Geschichte erzählt: Sie nutzt und wiederverwendet – und wieder und wieder – motivische Informationen und Ideen, instrumentale Farbgebung und vokale Charaktere, um die disparaten, weit ausschwingenden Elemente der Handlung in der harmonischen Architektur dieses Opus zu einer Einheit zu fügen.
Goodall kann fröhlich dasselbe musikalisch fünf- oder sechsmal hintereinander sagen, wodurch ein Gefühl von Vertrautheit und Wiedererkennbarkeit entsteht – und dennoch belebt er jede Wiederholung mit subtilen oder auch markanten Variationen, während er zugleich den erzählerischen Fortschritt konsequent vorantreibt. So haben wir stets das Gefühl, mit dem, was er sagt, „zu Hause“ zu sein – und können jedes Detail der Geschichte aufnehmen und verstehen. Die entzückende Präzision seiner Texte vollendet diesen Prozess: Worte sind in seine musikalischen Texturen eingewoben wie Noten selbst; er ist hellwach für die Musik der Sprache, ihre Klangfarben, ihre perkussiven und melodischen Effekte – und in den Händen dieses Meisters wird Englisch zu einem weiteren Instrument seiner sinfonischen Vision. Nur sehr wenige Künstler:innen, denke ich, können auf diesem aussergewöhnlich hohen Niveau arbeiten. Wagner konnte es. Aber wie viele andere Komponisten vereinen musikalische und literarische Fähigkeiten von so erhabener Schönheit?
Vielleicht muss Edward Seckerson diese Botschaft also nicht weniger, sondern noch lauter hinausposaunen. Als Nächstes ist die Show im November bei der Maidenhead Operatic Society zu sehen. Wer will da warten?
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