NACHRICHTEN
REZENSION: Die jüdischen Legenden, Gatehouse Upstairs ✭✭✭
Veröffentlicht am
3. September 2015
Von
danielcolemancooke
Share
The Jewish Legends
Upstairs at the Gatehouse
2. September
3 Sterne
Eine der grössten Herausforderungen, vor denen Kritikerinnen und Kritiker stehen, ist die Frage, wie man wirkungsvolle Vergleiche und Bewertungen zwischen Produktionen anstellt. Wie kann man zum Beispiel glaubhaft ein West-End-Spektakel mit einem kleinen Community-Stück vergleichen?
Nun, diese Woche wurde mir die Aufgabe ein wenig leichter gemacht: Frisch nach dem grandiosen Revue-Abend You Can’t Succeed On Broadway Without Any Jews in der letzten Woche ging es nun zu The Jewish Legends, einer weiteren Hommage an einige der besten jüdischen Musikerinnen und Musiker.
Trotz der thematisch recht ähnlichen Ausrichtung war die Songliste fast vollständig anders als in der Show, die ich letzte Woche gesehen habe; die einzige Überschneidung waren ein paar Nummern aus Fiddler on the Roof. The Jewish Legends konzentrierte sich eher auf jüdische Sängerinnen und Sänger als auf Songwriter und bewegte sich stärker in Richtung Chartmusik als in Richtung Bühnenmusical.
So führte der Abend durch mehrere jüdische Gesangsstars, allen voran Al Jolson, Bette Midler und Burt Bacharach. Die Künstlerinnen und Künstler, die sich über fast ein Jahrhundert erstrecken, wurden ausgewählt, weil sie sich alle gegenseitig beeinflusst haben – dadurch zog sich ein schöner erzählerischer Faden durch den Abend. So eine Liste zusammenzustellen ist nie leicht, aber würden nicht ein Dylan oder Manilow beim musikalischen Talent höher rangieren als der (zugegeben grossartige) Groucho Marx? Nun ja, de gustibus non est disputandum…
The Jewish Legends ist ein seltsames Wesen: Einige hervorragende musikalische Momente setzen sich durch – trotz eines Textbuchs, das dringend eine kluge, straffe Überarbeitung braucht. Zuerst das Positive: Die vierköpfige Besetzung ist brillant und praktisch unangreifbar. Martin Milnes stach besonders heraus – ein Mann mit einer wirklich bemerkenswerten Singstimme, einer Art stark nasalem Sopran. Er hatte eine fantastische Bühnenpräsenz, wirkte am natürlichsten im Ensemble und lieferte mit einer erstklassigen Interpretation von Alfie die Leistung des Abends.
Auch Joanna Lee war grossartig, mit gefühlvollen Versionen von Don’t Rain on My Parade und Where Is It Written?, beide von Barbra Streisand. Ihre gesprochenen Passagen wirkten allerdings etwas kantig; ihr häufiges Gestikulieren und die sehr deutlich artikulierte Vortragsweise erinnerten mich ein wenig an eine Moderatorin aus dem Kinderfernsehen. Martin Neely und die hochschwangere Molly Marie Walsh rundeten das Quartett mit soliden Auftritten ab.
Während das Skript von Never Succeed pointiert, witzig und knapp war, schleppt The Jewish Legends einen überlangen Text mit sich herum, der der musikalischen Aktion im Weg zu stehen scheint. Ein wenig biografischer Hintergrund ist nötig, doch hier gab es viel Ballast: In den ersten zehn Minuten wurde mehr gesprochen als gesungen. Ein guter Anfang wäre, die zahllosen Sprüche und komischen Einschübe zu streichen, die das Stück übersäen (teils Zitate der porträtierten Musikerinnen und Musiker, teils Originalgags). Sie zündeten nur sehr selten wie beabsichtigt, und das Ganze wäre deutlich stärker (und flotter) gewesen, wenn man sie konsequent entsorgt hätte.
Die zweite Hälfte war eindeutig der stärkste Teil der Show – mit einer Reihe echter Kracher, darunter The Rose, Matchmaker und Don’t Rain On My Parade. Insgesamt war es viel statischer als das hektische, hyperaktive Never Succeed, und es gab kaum ernstzunehmende Choreografie. Das Publikum war eher verhalten (ich war in meiner Reihe locker vierzig Jahre jünger als alle anderen), doch das Quartett hatte sichtbar Spass auf der Bühne und schien am Ende alle auf seine Seite zu ziehen.
Im direkten Duell der beiden jüdischen Musical-Revueabende würde ich Never Succeed nach Punkten vorn sehen – dank der einfallsreicheren Inszenierung und der abwechslungsreicheren Songliste. The Jewish Legends ist ein grossartiges Fahrzeug für vier sehr talentierte Sängerinnen und Sänger. Allerdings sind Konzept und Textbuch wirr und aufgebläht – wie ein berühmter Nichtjude einst sang: ein bisschen weniger Gerede, ein bisschen mehr Action!
Erhalten Sie das Beste des britischen Theaters direkt in Ihr Postfach
Seien Sie die Ersten, die sich die besten Tickets, exklusive Angebote und die neuesten Nachrichten aus dem West End sichern.
Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutzrichtlinie