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REZENSION: The Medium und The Wanton Sublime, Arcola Theatre ✭✭✭✭

Veröffentlicht am

Von

timhochstrasser

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Hai Ting Chinn in The Wanton Sublime. Foto: Robert Workman The Medium und The Wanton Sublime

Arcola Studio 2

26/08/15

4 Sterne

Und damit zum Höhepunkt des zeitgenössischen Opernteils des Grimeborn Festival: ein Doppelabend mit Peter Maxwell Davies’ The Medium und The Wanton Sublime, einem neuen Werk von Tarik O’Regan nach einem Libretto von Anna Rabinowitz. Robert Shaw führte bei beiden Opern Regie, und die Orpheus Sinfonia unter der Leitung von Andrew Griffiths begleitete die zweite Hälfte. Das Haus war ausverkauft – in Erwartung eines Abends mit Musikmachen auf hohem Niveau; eine Erwartung, die weitgehend erfüllt wurde.

Maxwell Davies schrieb 1981 sowohl Text als auch Musik für diesen unbegleiteten fünfzigminütigen Monolog, der zu seinen dauerhaftesten Bühnenwerken zählt. Er wird nicht sehr häufig gespielt – vermutlich wegen der enormen Anforderungen an Sängerin und Darstellerin –, doch es ist schwer vorstellbar, dass er eine bessere Interpretation bekommen könnte als die, die hier Mezzosopranistin Hai-Ting Chinn bot.

Als wir Studio 2 betraten, ist die Sängerin bereits an ihrem Platz und in der Rolle: kerzengerade sitzend, in einem ordentlichen Spitzenmieder und in einen Schal gehüllt – ein etwas altmodischer, „Zigeuner“-viktorianischer Kostümstil, wie ihn Wahrsagerinnen und Handleserinnen gern tragen. Ein Bühnenbild gibt es nicht, abgesehen von einem erhöhten weissen Steg, der diagonal durch den Aufführungsraum gelegt ist. Wir nehmen an, wir befänden uns in einem Jahrmarktszelt, während das Medium auf Kundschaft wartet.

Genau so beginnt die Vorstellung auch: Die Sängerin nimmt drei Mitglieder des Publikums ins Visier, um ihnen aus der Hand zu lesen. Doch schnell wird klar, dass sie kein gewöhnliches Medium ist. Neben den üblichen Banalitäten ihres Gewerbes gibt es sehr wenig schmeichelhafte Zurufe über die Kundschaft .. sind wir überhaupt auf einem Jahrmarkt? Oder befinden wir uns eher in einer Welt ihrer eigenen Einbildungen? Nach und nach greift das Medium zurück in eine offensichtlich sehr verstörte Vergangenheit und liefert lange Passagen melismatischen Gesangs, in denen sie sowohl religiöse als auch sexuelle Ekstase beschreibt. Sie scheint die Stimmen ihrer „somnambulistischen Einbildungskraft“ zu kanalisieren. An verschiedenen Stellen gehörten dazu ein Wechselbalg, ein Hund, ein Dienstmädchen, ein Vergewaltigungsopfer und eine Novizin sowie weitere Figuren. Die Stimme muss einen enormen Tonumfang abdecken – und ebenso eine grosse Bandbreite an Stilen, vom „normalen“ Singen bis hin zum Sprechgesang. Diese Abschnitte sind stimmlich wie körperlich ausserordentlich fordernd. Stellenweise wälzte sich Chinn nur wenige Zentimeter von meinen Schuhen entfernt auf dem Boden und erzeugte dabei dennoch einen absolut präzise intonierten Ton. Das war ungeheuer beeindruckend, zugleich aber auch unangenehm und verstörend – ganz sicher mit Absicht.

Themen wie Wahnsinn und Verdammnis, Überschreitung und die Wege dazwischen sind zentral für diesen Komponisten, und dieses Werk lässt sich vielleicht am besten neben Eight Songs for a Mad King (1969) sehen, seiner Studie über den Zerfall von Georgs III. Geisteszustand. Es ist kein Stück, das man oft hören möchte, aber es hinterliess beim Publikum einen tiefen Eindruck, und angesichts der sichtbaren Anspannung der Aufführung war es keine Überraschung, dass die Sängerin im letzten Blackout abging, ohne sich zu verbeugen, um sich auf ihre nächste Solorolle nach der Pause vorzubereiten. Nach jedem Massstab war das eine grossartige Fünf-Sterne-Leistung – mit kristallklarer Diktion, komischem Esprit und tragischem Pathos.

Hai Ting Chinn in The Medium. Foto: Robert Workman Wenn im zweiten Stück manches weniger zufriedenstellend war, lag das keineswegs an Chinn, die uns erneut eine makellose Leistung bot. The Wanton Sublime verlangt ein recht grosses Kammerensemble aus Streichern, Flöte, Gitarren und Schlagwerk, und leider war – da ich hinter den verstärkten Gitarren sass – in dem beengten Studio Two kaum etwas vom komplexen Text zu verstehen. O’Regan ist vielleicht am bekanntesten für seine Oper nach Conrads Heart of Darkness. Die Kennzeichen seines Stils waren in diesem neuen Werk, das hier seine Europa-Premiere erlebte, deutlich zu erkennen. Sein Schreiben ist stark von der Polyphonie der Renaissance beeinflusst, und die Gesangslinie lässt sich am besten als eine Linie unter vielen verstehen, die im Ensemble zu einem Gewebe mit zunehmender rhythmischer Komplexität verwoben werden. Da ich die Worte nicht hören konnte, musste ich es tatsächlich so betrachten. Rein als Hörerlebnis bot es Momente grosser, sich aufschichtender tonaler Schönheit – gewissermassen ein Gegenmittel zur kompromisslosen Natur der ersten Hälfte. Im Verlauf des Stücks protestiert Chinn, die die Jungfrau Maria spielt, gegen die Rollen, die Gott ihr zuweist. Ihre Gesangslinie wird mit ihrer eigenen aufgenommenen Stimme verschränkt, die eine Reihe sakraler Texte singt. Sie schreitet den weissen Steg entlang und entkleidet sich von einem schicken Büroanzug bis auf die Unterwäsche, um dann nach und nach wieder ein blaues Cocktailkleid und Schmuck anzulegen .. das traditionelle Farbschema für die Jungfrau Maria, jedoch ohne auf eine demütige Unterwerfung als Magd des Herrn hinzuweisen. Schade, dass wir keinen Handzettel mit dem Text hatten (wie zuvor im Festival bei Pierrot Lunaire); dann wäre es möglich, mehr über das Libretto und seine Beziehung zur Musik zu sagen.

Zwischen diesen beiden Stücken gab es etliche thematische Ähnlichkeiten, die eine Paarung auf den ersten Blick durchaus sinnvoll erscheinen liessen; doch wurden sie durch die praktischen Schwierigkeiten zunichtegemacht, die damit einhergehen, ein derart gross angelegtes Werk in einem winzigen Raum unterzubringen. Passende Doppelabende zusammenzustellen ist bei Schauspiel wie Oper notorisch schwierig, und in diesem Fall wäre es sicher besser gewesen, diese Produktion an den Abenden, an denen die Hauptproduktion nicht lief, in den grösseren Arcola-Saal zu verlegen.

Ein wenig Platz bleibt mir für Bemerkungen zu den übergeordneten Themen der zeitgenössischen Beiträge bei Grimeborn in diesem Jahr. Sie haben gezeigt, dass die Schärfe oder scheinbare Unzugänglichkeit mancher Musik kein Hindernis für einen gelungenen Opernabend ist, wenn andere kreative Werte voll zur Geltung kommen und auch an die umfassenderen Bedürfnisse des Publikums gedacht wurde. Wenn Drama und Charakterzeichnung klar sind, werden höhere Hürden an anderer Stelle akzeptiert. Das zeigte sich besonders vorteilhaft im eröffnenden Doppelabend Clown of Clowns, der eine wirklich tiefgehende Meditation über die tragischen und komischen Möglichkeiten der Pierrot-, Clown- und Zirkustraditionen bot – im besten Sinne anspruchsvoll und obendrein ein grosser Spass.

Sehr zu hoffen ist, dass im Festival im nächsten Jahr viele neue Opern zu sehen sein werden. Das Publikum ist für diese Arbeiten in grosser Zahl gekommen – das ist wirklich ermutigend –, ebenso wie die Möglichkeit zu Feedback und Austausch im Anschluss, die hoffentlich fortgesetzt wird.

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