Seit 1999

Vertraute Nachrichten & Rezensionen

26

Jahre

Das Beste des britischen Theaters

Offizielle Eintrittskarten

Wählen Sie Ihre Plätze

Seit 1999

Vertraute Nachrichten & Rezensionen

26

Jahre

Das Beste des britischen Theaters

Offizielle Eintrittskarten

Wählen Sie Ihre Plätze

  • Seit 1999

    Vertrauenswürdige Nachrichten & Rezensionen

  • 26

    Jahre

    Das Beste des britischen Theaters

  • Offizielle Eintrittskarten

  • Wählen Sie Ihre Plätze

KRITIK: Die Zwicks, Royal Court Theatre ✭✭

Veröffentlicht am

Von

timhochstrasser

Share

Die Twits

Royal Court, Jerwood Theatre Below

28. April 2015

2 Sterne

Wenn Sie in diesem Monat rund um die Vorstellungszeiten irgendwo in der Tube in der Nähe von Sloane Square unterwegs sind, geraten Sie womöglich inmitten grosser Scharen jüngerer Theatergängerinnen und -gänger, die ein schmales, grünes Taschenbuch schwenken. Dabei handelt es sich um The Twits, Roald Dahls Original von 1980, das nun am Royal Court in Enda Walshs neuer Bearbeitung zu sehen ist – inszeniert von John Tiffany. Während Charlie and the Chocolate Factory und Matilda andernorts weiterhin mit grossem Erfolg laufen, ist dies der jüngste Versuch, Dahls einzigartige Alchemie aus moralisierendem, aufmunterndem und zugleich verstörendem, verschrobenem Kindheitsabenteuer auf die Londoner Bühne zu bringen. Leider kann diese aktuelle Fassung neben jenen beiden vielschichtigen und zugleich geschmeidigen Meisterwerken nicht wirklich bestehen. Ein Teil des Problems liegt schon in der schmalen Vorlage, die sich nur bedingt für eine theatrale Form eignet. Es ist ein kurzes Buch, stark in der Grundcharakterisierung, schwächer im Handlungsaufbau. Dahls Ausgangspunkt war offenbar seine Abneigung gegen Bärte (was würde er wohl vom heutigen London halten?) und sein Wunsch, ein Paar mit besonders scheusslichen körperlichen Merkmalen und einer entsprechend widerwärtigen Art zu zeichnen. Die literarische Energie steckt folglich eher in der Schilderung als in der Erzählung. Mr Twits verseuchter Bart, Mrs Twits Glasauge ziehen Aufmerksamkeit auf sich; und ihr gegenseitiges Aushecken von konkurrenzierenden, einfallsreichen Streichen – ebenso wie jene gegen die Affenfamilie, die sie in Knechtschaft hält – erzeugt eine Abfolge repetitiver Grausamkeiten, denen es an emotionaler Bandbreite fehlt und die am Ende ermüden. Als wäre man sich dieses Problems bewusst, hat der selbsternannt „schelmische“ Bearbeiter der Handlung ein Nebenstrang aufgepfropft, um den Abend zu tragen. Nachdem die wesentlichen Eigenschaften der beiden Twits etabliert sind und wir alle bei den Affen, die zum Kopfstand gezwungen werden, den Würmern statt Spaghetti, den Leimfallen für Vögel und den unbenannten Schrecken der „Shrinks“ gezuckt und das Gesicht verzogen haben, treten drei Mitglieder einer reisenden Zirkustruppe auf, die in dieses Horrorkabinett gelockt werden – in der Hoffnung, ihren Zirkus zurückzuerhalten, den die Twits ihnen irgendwann zuvor gestohlen haben. Jede und jeder von ihnen – Yorkshire-Terrier-Mann, tätowierte Wahrsagerin und hübscher Walzerjunge – wird dann ritualisiert gedemütigt, indem die Muggle-Wumps (Affen) nachstellen, wie sie von den Twits hereingelegt wurden. Das geschieht mit grosser Energie von allen Beteiligten und nimmt einen grossen Teil der ersten Hälfte ein. Leider ist das Resultat zugleich unerquicklich und geschmacklos – ohne jene Vielfalt, Ambivalenz und tonale Nuance, die Dahl anderswo findet. Tatsächlich reagierten an dem Abend, an dem ich dort war, selbst die jüngeren Zuschauerinnen und Zuschauer auffallend verhalten auf diese Folge kleinlicher, unerbittlicher Grausamkeiten und Demütigungen. Vielleicht ist es etwas schweres Geschütz, an dieser Stelle Hannah Arendts Satz von der „Banalität des Bösen“ zu bemühen; dennoch findet sich in einer endlosen Parade derart verstörender Handlungen nur wenig dramatisches Leben. Die Twits sind – anders als etwa Miss Trunchbull – schlicht zu zweidimensional, um dauerhaft zu fesseln. Ihre Motive sind trivial und folgenlos, und am Ende sind es auch ihre Spässe. Wenn der moralische Kompass am Schluss der Geschichte endlich ausschlägt, kommt das zu spät und wirkt zu beliebig, um im Nachhinein Sinn in das Vorangegangene zu bringen. Natürlich wird – wie in allen Werken dieser Art – die moralische Ordnung wiederhergestellt: Die Twits ereilt ihr verdientes Schicksal, und die Muggle-Wumps erhalten parallel dazu Gerechtigkeit und Freiheit. Doch Erlösung überzeugt nur im Nachhall von Komplexität, Reibung und Herausforderung – für die Figuren wie für das Publikum. Wenn die Vorarbeit nicht geleistet ist und die Sympathien des Publikums unberührt bleiben, ist es letztlich zu spät. Hier setzt die Ermattung zu früh ein, als dass das Ende noch etwas ändern oder bereits verfestigte Eindrücke und Reaktionen verschieben könnte. In Dahls besten Arbeiten spaltet sich das Material auf wunderbare Weise und spricht getrennt, aber zugleich, Kinder und Erwachsene an; und obwohl hier versucht wird, das ebenfalls zu leisten, bleibt die Aussage nicht klar genug. Sowohl die Geschichte als auch die Bühnenfassung betonen den Kontrast zwischen der Sterilität und Negativität der Twits und der beschwingten Familiengemeinschaft der Muggle-Wumps – und, indirekter, der Zirkus-„Familie“; doch wird dies weder bedeutend vertieft noch fein abgestuft. Die Twits sind als geschniegelt-klingend, mittelalt, verschlagen und rüpelhaft gezeichnet – mit einem Wertekatalog, der sie in die UKIP-Ecke rücken könnte: Morris Dance zu Elgars Pomp & Circumstance und herablassende Bemerkungen über alle Aussenstehenden und Ausländer. Doch das bleibt ein Sammelsurium von Gesten statt einer klaren Identitätsaussage. Ich dachte an einem Punkt, als ein Wohnwagen zum Fokus des Geschehens wurde, man würde uns eine Spiegelung der Werte von Jerusalem präsentieren: eine spassbremsende, snobistische, bürgerliche Widerlegung jenes lebensbejahenden Geists eines archaischen, arthurischen Karnevals, der das Royal-Court-Publikum vor gar nicht allzu langer Zeit so hingerissen hat. Das wäre witzig, plausibel und passend gewesen; doch, falls das die Absicht der Regie war, wurde es nie wirklich verankert oder durchgehalten.

Aus einer Grosszügigkeit heraus, die dem Ton vieler Teile dieser Produktion eher fehlt, ist es nur richtig, die harte Arbeit des Ensembles und die Professionalität des technischen Teams anzuerkennen. Alle Darstellerinnen und Darsteller, besonders aber Jason Watkins (Mr Twit) und Monica Dolan (Mrs Twit), genossen ihre Gelegenheiten zu gotischer Groteske in vielerlei Spielarten und packten sie beherzt; und Bühnenbildnerin Chloe Lamford sowie Steven Hoggett (Bewegung) leisten hervorragende Arbeit, indem sie die Spielerinnen und Spieler auf engem Raum in Bewegung halten und mit einem Bullauge beziehungsweise einer kreisförmigen Trommel die zentrale, strukturierende Set-Konstruktion entwickeln. Dieses Element wurde im Verlauf sehr wirkungsvoll eingesetzt und war der eindrucksvollste Bestandteil des finalen Showdowns. Diese starken, unterstützenden Beiträge können jedoch die Leere dieses Unterfangens nicht ausgleichen, das sich nur schwer mit den vorbildlich radikalen Traditionen des Royal Court vereinbaren lässt.

Diesen Artikel teilen:

Diesen Artikel teilen:

Erhalten Sie das Beste des britischen Theaters direkt in Ihr Postfach

Seien Sie die Ersten, die sich die besten Tickets, exklusive Angebote und die neuesten Nachrichten aus dem West End sichern.

Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutzrichtlinie

FOLGEN SIE UNS