NACHRICHTEN
KRITIK: Titus Andronicus, New Wimbledon Theatre ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
26. Oktober 2015
Von
matthewlunn
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Elizabeth Appleby (Tamora) und Matthew Ward (Titus) Titus Andronicus
New Wimbledon Theatre
24. Oktober 2015
4 Sterne
„… wurde geschmäht, ignoriert, für billige Effekthascherei und Schockmomente missbraucht – und doch eilt ihm sein Ruf der Gewalt voraus, mitsamt Geschichten von ohnmächtigen Zuschauern und fontänenartig verspritztem Kunstblut. Was ist es an Titus, das Gelehrten so bitter aufstösst, dass sie jahrzehntelang versucht haben, die Urheberschaft zu diskreditieren – als wären die Darstellungen von Vergewaltigung, Verstümmelung, Mord und erzwungenem Kannibalismus eines Werks des grossen Barden unwürdig?“
Ross McGregor, Company Director, Oktober 2015.
Titus Andronicus ist ein unerbittlich düsteres Stück, von der Arrow and Traps Theatre Company treffend als „schmuddeliges, gnadenloses Game of Thrones“ beschrieben. Im Grunde sterben am Ende alle – und zwar mit maximalem Getöse. Das philomelische Schicksal, das einer Figur grausam zugeteilt wird, und die vielschichtige Rache, die ihre Peiniger trifft, sind nur die bekanntesten Beispiele jener grauenvollen Taten, die die Handlung antreiben.
Rom wird von politischen Grabenkämpfen zerrissen, als Prinz Bassanius (Michael Bagwell) und Prinz Saturninus (Gareth Kearns) um die Nachfolge ihres verstorbenen Vaters als Kaiser ringen. Doch die Volkstribunin Marcia Andronicus (Cornelia Baumann) entdeckt, dass der Favorit des Volkes ihr Bruder Titus (Matthew Ward) ist: ein berühmter, kriegsmüder Feldherr, der gerade von einem erfolgreichen zehnjährigen Feldzug gegen die Goten zurückkehrt. Nur vier seiner Söhne haben den Konflikt überlebt; um die Toten zu rächen, lässt er den ältesten Sohn der gefangenen Goten-Königin Tamora (Elizabeth Appleby) hinrichten. Tamoras Aussichten wirken damit kaum rosig – doch als Titus den Thron ausschlägt und Saturninus’ Anspruch unterstützt, wird sie zur Braut des neuen Herrschers. Sie und ihre Söhne Demetrius (Alex Stevens) und Chiron (Will Mytum) sowie ihr heimlicher Liebhaber Aaron (Spencer Lee Osborne) schwören Rache an dem Haus Andronicus. Dazu gehört auch Lavinia (Remy Moynes), Titus’ unglückselige Tochter und Bassanius’ Ehefrau.
Die Inszenierung von Arrow and Traps beleuchtet die „Berüchtigung für Gewalt“ als Spiegel unserer gesellschaftlichen Empathielosigkeit. Die Figuren tragen nicht nur überwiegend moderne Kleidung; Szenen gehen auch immer wieder in Momente 21.-Jahrhundert-typischer Exzesse über. Saturninus feiert seinen politischen Triumph in einem Stripclub – mit seiner Frau und den neuen Stiefsöhnen, die wir später Shots kippen und Kokain ziehen sehen, während Aaron ungerührt aufs Handy starrt und tippt. Am einprägsamsten aber: Titus stachelt seinen Enkel, den jungen Lucius (Pippa Caddick), an, Saturninus’ Unfähigkeit als Herrscher per Twitter publik zu machen – und wir verfolgen die Konversationen auf einer grossen Leinwand am Bühnenrand. Bald gesellen sich ein Dutzend Männer und Frauen mit Schweinemasken dazu, nur erleuchtet vom Schein ihrer Smartphones, ebenso Saturninus, der sichtlich leidet unter dem kakophonischen Klackern ihrer Tastaturen. Eine herrlich selbstbewusste Szene – mit mehr als einem Hauch Black Mirror.
Matthew Ward (Titus) und Ensemble von Titus Andronicus. Foto: Zoltan Almasi
Die Stärke dieser Produktion liegt allerdings nicht in ihren modernen Einsprengseln; es sind vielmehr die präzise beobachteten, oft sehr körperlichen Darstellungen – gepaart mit der hervorragenden Choreografie –, die Shakespeares etwas ungleichmässigen Text auf ein höheres Niveau heben. Das minimalistische Bühnenbild – eine Plattform mit Balken und die erwähnte Leinwand – wird wirkungsvoll genutzt; die Plattform informiert auf faszinierende Weise die wechselnden Machtverhältnisse der Handlung. Sie dient unter anderem als römischer Hof, an dem Tamora Saturninus überzeugt, das Leben des Hauses Andronicus zu verschonen – damit sie ihre eigene Rache vollstrecken kann –, als Grube, in der Quintus (Cliff Chapman) und Martius (David Lenik) Andronicus über Bassanius’ Leiche stolpern und damit ihr Schicksal besiegeln, und als Arena, in der Lucius Andronicus (Samuel Morgan-Grahame) sein gotisches Heer sammelt. Die Schlussbilder, in denen die Andronici Tamoras und Saturninus’ grausiges Festmahl vorbereiten, sind die einzigen, die zusätzliches Mobiliar benötigen – und sie sind wunderschön umgesetzt: Tische und Leichen werden mit beinahe tänzerischer Präzision über die Bühne manövriert.
Auch der Einsatz leerer Räume beeindruckt. In diesem Zusammenhang stechen Mytum und Stevens als die psychopathischen Brüder Chiron und Demetrius hervor – und Osborne als ihr Lehrmeister des Bösen, Aaron. Mit der zuckenden Energie von Mad Max’ War Boys, aber mit brodelnden Abgründen an Dunkelheit im Kern, vergiften die Brüder jede Sekunde, die sie auf der Bühne verbringen: Vorboten zielloser Brutalität. Ihre Familienkonstellation wirkt eindringlich animalisch. Die Erlaubnis zum Angriff erteilen stets die körperlich imposantere Tamora oder Aaron; dann umkreisen sie ihre Beute – Bassanius, Lavinia und später Annie McKenzies einfältigen Clown – mit erschreckender Präzision. Das sind keine subtilen Zeichnungen – jede Schwertbewegung ist demonstrativ phallisch –, aber sie bringen das sinnlose Chaos, das die Handlung trägt, sehr treffend auf den Punkt.
Samuel Morgan Graham, Matthew Ward und Remy Moynes in Titus Andronicus. Foto: Zoltan Almasi
Osbornes Aaron hingegen ist ein charmanter, berechnender Politiker – jemand, der irgendwie die ganze Zeit lächelt und trotz bisweilen absurd anmutender Zeilen ein fesselnder Schurke bleibt (etwa: „Let fools do good, and fair men call for grace. Aaron will have his soul black like his face“ (Akt 3, Szene 1)). Er erhält deutlich mehr Gelegenheiten, die Bühne zu dominieren, als Kearns’ Saturninus – der, ohne nennenswerte Entwicklung, immerhin als archetypisch selbstgefälliger Kaiser ein unterhaltsames Porträt liefert – oder Bagwells sympathischer Bassanius, dessen Rolle im Tod interessanter wird. Tatsächlich ist Osborne in einer der wenigen emotional komplexen Szenen des Stücks grandios aufgedreht: Er stürmt mit seinem Bastardsohn in der einen und einem Schwert in der anderen Hand über die Bühne und wehrt die Kinder seiner Geliebten ab.
Es fällt oft schwer, grosses Mitgefühl für Titus zu entwickeln – schliesslich tötet er allein in der ersten Szene zwei junge Männer (darunter seinen Sohn Mutius, weil der sagt: „My lord, you pass not here“). Doch Ward gelingt es, seine seelischen Kriegsspuren sichtbar zu machen. Der Rachekreislauf, in den er und Applebys herrlich herzlose Tamora geraten, gewinnt nicht nur durch die starke Chemie der beiden; er wird auch getragen von der glaubhaft zärtlichen Beziehung zu seiner Tochter Lavinia – eine Rolle, die Moynes mit herzzerreissender Intensität spielt. Titus’ Abstieg in den Wahnsinn und sein späteres Wiederauftauchen gerieten zwar etwas unklar; ansonsten ist Ward stählern, entschlossen und als Anführer von Männern durch und durch überzeugend.
Die Stärke des Familiengefüges der Andronici nach Lavinias Qualen erhält durch Baumanns rationale Marcia Bodenhaftung – eine geschlechterverkehrte Variante des Marcus Andronicus. Ausgebremst von prosaischen Passagen – nicht zuletzt, wenn sie Titus von Lavinias Misshandlung berichtet („Titus, prepare thy aged eyes to weep; Or, if not so, thy noble heart to break: I bring consuming sorrow to thine age.“ (Akt 3, Szene 1)) –, gleicht Baumann das beeindruckend aus und trägt das Gewicht innerer Zerrissenheit mit voller Überzeugung. Morgan-Grahames Lucius und Pippa Caddicks junger Lucius lassen wiederum das glückliche Leben aufscheinen, das Titus einst kannte – und machen die Rache, die beide in Akt 5 vollstrecken, umso verstörender.
Titus Andronicus gehört nicht zu Shakespeares besten Stücken, doch die Arrow and Traps Theatre Company gelingt eine brillante, adrenalinstarke und oft alptraumhafte Interpretation. Die hervorragende Choreografie, durchweg starke Leistungen und klug beobachtete moderne Details sorgen dafür, dass diese Produktion – wenn man die Prämisse erträgt – nicht verpasst werden sollte. Titus Andronicus läuft im New Wimbledon Theatre Studio bis zum 14. November. Jetzt buchen!
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