NACHRICHTEN
KRITIK: Könige des Broadway, Palace Theatre ✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
douglasmayo
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Kings Of Broadway
Palace Theatre
29/11/15
3 Sterne
„Mir wurde klar, dass das, was Licht für die visuellen Aspekte des Theaters leistet, die Orchestrierung für die klanglichen Aspekte leisten kann.“ Jonathan Tunick
Für nur zwei Vorstellungen präsentierten eine starke Besetzung von Sängerinnen und Sängern sowie ein dreißigköpfiges Orchester unter der (mit Verve) von Alex Parker geleiteten Stabführung eine köstliche Auswahl an Nummern aus den umfangreichen Repertoires von Jule Styne, Stephen Sondheim und Jerry Herman – allesamt „Kings of Broadway“.
Es war ein lohnender Abend, wenn auch nicht immer auf die erwartete oder naheliegende Weise. Bei all den vielen gelungenen Momenten individueller Gesangs- und Instrumentalkunst waren die eigentlichen Helden des Abends drei Personen, die an diesem Abend unsichtbar blieben und deren Namen in einem abgelegenen Unterabschnitt des Programmhefts versteckt waren – Jonathan Tunick, Jason Carr und Martin Higgins: die Urheber der meisterhaften Orchestrierungen, zugleich üppig und fein ziseliert, die die größten Freuden und Überraschungen bereiteten.
Orchestratorinnen und Orchestratoren bekommen selten viel Aufmerksamkeit. Viele von uns gehen davon aus, dass Broadway-Komponisten ihre Arrangements selbst machen – und immer selbst gemacht haben –, doch das war und ist so gut wie nie der Fall. Außerdem hängt sehr viel von der Arbeit der Orchestrierung ab: Sie ist mehr als Glitzer und geraspelte Schokolade, die man oben auf den Kuchen streut. Es ist die kreative Palette des Orchestrators, die der Absicht des Komponisten die letzte dramatische Wendung verleiht. Er (und es scheint tatsächlich meist er und nicht sie zu sein?) setzt die letzten Farbflächen und Firnisschichten, die unsere Reaktionen prägen. Dennoch bekommen wir ihre Arbeit nur sehr selten zu hören, weil aus Kostengründen die übliche Begleitung eben eine Grabenband – oder weniger – ist.
Umso größer war die besondere Freude, ein dreißigköpfiges Orchester auf der Bühne zu erleben, mit Eleganz und Schwung dirigiert von Alex Parker. Als die Streicher in der Ouvertüre zu „Gypsy“ einsetzten, ging ein sichtbares Raunen durchs Publikum – als hätten wir alle in diesem Moment begriffen, was uns gefehlt hatte. Ich ertappte mich dabei, Notizen zu Harfenglissandi, kecker Percussion, Plaudern der Holzbläser und subtiler Streicheruntermalung zu machen, die vertraute Songs auf eine Weise bereicherten, die ich zuvor schlicht nicht bemerkt oder gewürdigt hatte. In der ersten Hälfte gab es einige Balanceprobleme, doch nach der Pause entstand ein fruchtbares, entspannteres Zusammenspiel zwischen den Musikerinnen und Musikern und den Sängerinnen und Sängern, die vorne auf dem Vorbühnenbereich agierten.
Dieser Abend war nicht darauf aus, tiefgehende thematische Verbindungen zwischen Styne, Sondheim und Herman zu finden: Er war schlicht eine Feier ihres enormen Beitrags zur Broadway-Geschichte, die klug viele der berühmtesten Einzelsongs mit weniger bekanntem Material mischte. Gerade einige dieser unbesungenen Kleinode haben meine Aufmerksamkeit am stärksten gefesselt. Im Fall von Herman war es eine Erinnerung daran, wie viele großartige Nummern es in „Mack and Mabel“ gibt, die wir längst besser kennen sollten; bei Styne daran, dass es so viele hervorragende, für sich stehende Charakternummern gibt, die nicht so weit „gereist“ sind, wie sie es verdient hätten, weil die Shows, in denen sie entstanden, kein langes Leben hatten; und schließlich eine erneute Verneigung vor dem Wunder, das Sondheims geniale Fähigkeit ist, aus der Neukombination von ursprünglich nur winzigen Melodieflöckchen und Harmoniesplittern solche Gefühlstiefen heraufzubeschwören.
Die zweiundzwanzig Sängerinnen und Sänger umspannten mehrere Generationen und Erfahrungsstufen, und die meisten nutzten ihre Chancen gut – ganz besonders jene, die das Handmikrofon zu ihrem Freund machten statt zu ihrem Feind. Es gab zahlreiche herausragende Soli, spritzige Duette und Ensemblenummern, doch am besten spielte dieses Format seine Stärken in den mehreren Medleys aus, die entweder aus einer einzelnen Show stammten oder ein bestimmtes Song-Genre illustrieren sollten (z. B. – und am aufschlussreichsten – „Parades“). Außerhalb von Gala- und Jubiläumsabenden hört man Songs kaum je in solchen Gruppierungen, und dadurch ergeben sich viele aufschlussreiche Vergleichsmöglichkeiten.
Bei dieser Materialvielfalt ist jede Auswahl von Höhepunkten in einer Kritik noch subjektiver als sonst. Dennoch haben mich Caroline O’Connors Versionen von „Broadway Baby“ und „Time Heals Everything“ besonders beeindruckt – sie entwickelten die Figur ebenso sehr wie die melodische Linie. Unter den weniger bekannten Darstellerinnen und Darstellern machte Richard Fleeshman mit „Buddy’s Blues“ einen großartigen Job – einer jener Songs, die ohne den Szenenkontext (aus „Follies“) schwer zum Gelingen zu bringen sind – und Bradley Jaden bot eine spannende, originelle Lesart von „Maria“ aus „West Side Story“. Anna O’Byrne und Jack North lieferten eine entzückende Version von „Let’s See What Happens“ aus dem wenig bekannten „Darling of the Day“, und North führte erneut in einem großartig geschniegelt-distinguierten „Put on your Sunday Clothes“ den Weg – zugleich das Finale des ganzen Abends.
Vielleicht lag das emotionale Zentrum der Show in einer Folge von Charakternummern für Leading Ladies, die alle drei Komponisten in ihrer unerreichten Bestform zeigten. Caroline O’Connor habe ich bereits erwähnt, doch auch Caroline Sheen, Anne Reid, Laura Pitt-Pulford und Janie Dee gingen in diesen Songs in die Tiefe – Nummern, die in den Händen verschiedener Generationen von Interpretinnen offenbar endlos neu erfunden werden können. Vielleicht ist das das beste Zeichen für die zeitlose Qualität dieser Komponisten – und der überzeugendste Beleg für ihre anhaltende dramaturgische Relevanz und emotionale Schlagkraft heute.
Doch um noch einmal kurz zu meinem Eingangsgedanken zurückzukehren: Wehe der Sängerin oder dem Sänger, der nicht auf orchestrale Details achtet! Ich will daraus keine große Sache machen, aber es war ein Fehler, dass Janie Dee in einer ansonsten gelungenen Interpretation von „The Ladies who Lunch“ vom Text abwich und ein zweites Mal auf Pinter statt auf Mahler anstieß – denn genau an dieser Stelle ist ein witziges Holzbläser-Girren als Zitat aus der „Vierten Symphonie“ des Letzteren sauber in die Partitur eingefügt.
Das war ein entzückender Abend, an allen Ecken und Enden berstend vor Talent und durchweg sehr vergnüglich. Es tut gut, gelegentlich einen Schritt zurückzutreten und sich an den detaillierten musikalischen Freuden dieser Komponisten zu erfreuen – ganz ohne Bühnenapparat. Doch selbst wenn man die knappe Probenzeit berücksichtigt, gab es lose Enden und unaufgeräumte Aspekte der Produktion, die man hätte – und sollte – rechtzeitig in den Griff bekommen. Einige Sängerinnen und Sänger moderierten ihre Nummern an, andere nicht; und wenn wir schon nicht immer eine Moderatorin oder einen Moderator mit den Qualitäten des makellosen, inzwischen verstorbenen Ned Sherrin in „Side by Side by Sondheim“ haben können, dann war dies ein Abend, der geradezu nach einer solchen Figur rief, um das Geschehen zu leiten und zusammenzuhalten. Das Palace und das Palladium sind glitzernde große Vitrinen für Schauveranstaltungen dieser Art, doch wie große Schiffe brauchen sie eine sorgfältige Hand und dürfen nicht als selbstverständlich genommen werden. Licht, Choreografie, Dramaturgie/Übergänge und Sounddesign hätten in diesen Räumen mehr Arbeit gebraucht – hoffen wir, dass es beim nächsten Mal sitzt. Wenn ja, dann wird von mir ganz sicher noch ein weiterer Stern an die Schlagzeile geheftet.
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