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KRITIK: Follies, National Theatre ✭✭✭✭✭

Veröffentlicht am

Von

julianeaves

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Die Besetzung von Follies

National Theatre,

8. September 2017

5 Sterne

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„Folly“ ist ein faszinierendes Konzept: Es beschäftigt den westlichen Geist seit Erasmus von Rotterdams philosophischen Betrachtungen, über die künstlichen Landschaftsbauten, die die Anwesen von Stowe und Stourhead, Ermenonville und Versailles schmücken, bis hin zu den Varieté-Unterhaltungen im Paris des späten 19. Jahrhunderts – und weiter in jenes Feld, das dieses epische Musical-Divertissement, das auf dieser Idee basiert, vor allem interessiert: die teuren und spektakulären Broadway-Revue-Shows des frühen 20. Jahrhunderts von Florenz Ziegfeld.

Josephine Barstow (Heidi), Gemma Page (Sandra), Janie Dee (Phyllis), Geraldine Fitzgerald (Solange), Tracie Bennett (Carlotta) in Follies

Seltsamerweise scheint viel Zeit darauf verwendet worden zu sein, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, ob diese Show – mit Musik und Liedtexten von Stephen Sondheim und einem Buch (oder zumindest „Szenen“) von James Goldman – „wirklich“ ein Musical ist oder doch nur eine Art erstaunliches hybrides Scheitern: Der ursprüngliche Produzent Harold Prince nannte sie einen „Long-Running Flop“.  So berechtigt diese praktischen Fragen auch sind, lenken sie doch von der eigentlichen Debatte ab, die das Werk um den fiktiven Impresario Dimitri Weismann aufwirft.  Er darf – anders als der grosse Ziggi, der in den Dreissigern starb – bis in die frühen 1970er weiterleben, gerade lange genug, um das verrottete Wrack seines einstigen Spielplatzes ein letztes Mal zu sehen, bevor es dem Erdboden gleichgemacht wird, um etwas Zeitgemässerem Platz zu machen.  Um sich versammelt er unter dem einstürzenden Dach ein Wiedersehen ehemaliger Grössen seiner Truppe zu einer Abschiedsparty – eine vielleicht leicht makabre Geste, und nicht unbedingt typisch für glamouröse Theaterleute.  Aber sei’s drum.  Niemand hier wird sich beeilen, die Realität eindringen zu lassen und unseren Genuss an dieser bizarren Konfektion zu verderben.

Imelda Staunton als Sally und Jannie Dee als Phyllis in Follies

Eine grossartige Riege an Talenten wurde versammelt, um die vielen benötigten Rollen zu übernehmen.  Janie Dee ist verblüffend überzeugend als Showgirl Phyllis, die gesellschaftlich in luftige Höhen aufgestiegen ist – und dabei nie vergessen hat, dass jeder Moment ihres Lebens eine Darbietung ist, sein muss.  In der hervorragenden Choreografie von Bill Deamer, der die Bühne mit stets passenden und immer wieder überraschenden Formen und Bewegungen belebt, ist ihre grosse 11‑Uhr‑Nummer „The Story of Lucy and Jessie“ ganz nah daran, die Show zu stehlen.  Diesem Triumph steht das eher unspektakuläre Schicksal der armen Sally gegenüber, der Imelda Staunton ein gutmütiges, aber fiebrig flackerndes Leben einhaucht – eine Frau, die den Zauber des Theaters auf andere, deutlich alltagsnähere Weise verloren hat.  Staunton singt die bekannteste Nummer der Show, „Losing My Mind“, mit einem komplexen Geflecht an Emotionen und erlaubt ihrer Stimme, in rauen Zorn abzurutschen – während Nigel Lilleys hervorragende Band in Jonathan Tunicks üppigen Orchestrierungen (von Josh Clayton etwas reduziert) mit schwelgerischer Leidenschaft schmeichelt und sich sehnsüchtig nach der für immer verlorenen Vergangenheit verzehrt.

Philip Quast als Ben Stone in Follies

Die Idee paralleler Leben, Spiegelbilder, Kontraste und Umkehrungen zieht sich kühn durch das grosse Figurenensemble.  So finden diese Frauen ihre Gegenstücke in einer Reihe von Männern: Phyllis hat den erfolgreichen Politiker-Ehemann Ben, der von Philip Quast zugleich attraktiv und faszinierend, aber auch bewusst brüsk angelegt wird – und dazu so viele Liebhaber, wie sie es für angemessen hält.  Sally ist ihrem Mann Buddy zugetan, von Peter Forbes harmlos-lebendig gezeichnet, doch sie wird in deutlich gefährlicheres Terrain getrieben – nicht zuletzt in Gestalt ihres früheren Kollegen: Phyllis’ Ehemann.  Das mag nach einem unklugen Schritt aussehen: Tatsächlich ist es reine Torheit.

Di Botcher als Hattie Walker in Follies

Den übrigen Figuren ergeht es kaum besser.  Di Botchers geschäftstüchtige – und offenkundig wesentlich erfolgreichere – Hattie besingt in „Broadway Baby“ den unbezwingbaren Optimismus des einsamen und verarmten Chormädchens, während Tracie Bennetts Filmstar Carlotta Campion uns in „I’m Still Here“ mit einer angeheiterten Aufzählung ihrer vielen Kämpfe unterhält.  Jede Nummer – und es sind über 20 – ist weitgehend ein eigenständiger Moment, in dem eine Figur, mit oder ohne Unterstützung durch Duettpartner, Gruppe oder Ensemble, einen aufschlussreichen Aspekt ihres Lebens ausbreitet: in der Gegenwart oder in der Vergangenheit.  Doch nicht nur zwei Epochen leisten einander hier Gesellschaft; die Zeitebenen bringen ihre eigenen Menschen hervor.  So füllt sich die Bühne mit den defilierenden, prächtig gekleideten „Geistern“ der früheren Ichs der Figuren: ein kniffliges „Konzept“, das es umzusetzen gilt, und da sie singen, tanzen und sogar – gewissermassen – mit den „Lebenden“ interagieren müssen, wird die Show in Richtung einer Erkundung von Selbst, Sterblichkeit, Erinnerung, Illusion und vielem mehr gezogen.  Ohne klaren Mittelpunkt hat Goldman es schwer, das Spiel am Laufen zu halten, doch er drängt stets in neues Gelände vor – auch wenn es ihm nicht immer gelingt, die vorherigen Szenen folgsam hinter sich herzuziehen.

Zizi Strallen als junge Phyllis, Alex Young als junge Sally, Fred Haid als junger Buddy und Adam Rhys-Charles als junger Ben in Follies

Der Chor ist allerdings bei weitem nicht allgegenwärtig.  Mal ist er da, mal nicht.  Und mir ist nicht sonderlich klar, warum.  Das ist nicht wirklich schlimm, bleibt aber eines der grossen Rätsel dieses Werks: Wer sind diese Figuren – wirklich – und was um alles in der Welt tun sie in diesem Gebäude?  Man muss versuchen, diese Fragen selbst zu beantworten, oder sie aus dem Kopf verbannen.  Beides funktioniert.  Aber als Zuschauer*in muss man sich auf die Show einlassen; man kann nicht einfach dasitzen und sie über sich hinwegspülen lassen wie eine Dusche aus Gin und Lavendelwasser.  Gelegentlich – etwa wenn die grossartige Josephine Barstow, eine brillante Besetzung als Heidi Schiller, den faux-romberg’schen grossen Walzer „One More Kiss“ singt und mit ihrem Alter Ego, der üppig timbrierten Alison Langer, duettieren darf – fügen sich alle Fäden der Handlung zusammen, und für ein paar Augenblicke haben wir das Gefühl, wir „verstehen“ vollkommen, worum es in der Show geht.  Dann, wie immer, verfliegt der Moment, der Zauber bricht – doch es bleibt das eindringliche Gefühl, dass wir, wenn auch nur flüchtig, tatsächlich etwas Wichtiges erfasst haben.  Und das könnte sehr wohl der Schlüssel zum Verständnis dieses Stücks sein.

Emily Langham als junge Carlotta in Follies

Wie so viele von Sondheims Meisterwerken ist diese Show im Laufe der Zeit immer wieder auf Bühnen hierzulande und in den USA gekommen und gegangen – und so sehr ihre einzelnen Bestandteile das Publikum begeistert haben, als Ganzes hat sie jene immer wieder herausgefordert, die daraus eine „runde“ Musical-Theater-Unterhaltung machen wollten.  Nun, in Dominic Cookes grosszügiger Inszenierung im Olivier Theatre, bekommt das Werk die richtige Chance, uns zu deutlich tieferen, suchenderen Fragen zu führen; es darf ein Stück sein „in der Form eines Broadway-Musical-Pastiche“.  Und so nimmt es uns mit auf seine bemerkenswerte Reise.  Mit gigantischen Bühnenbildern und opulenten Kostümen von Vicki Mortimer ist die Bühne erfüllt von Visionen vergangener Glanzzeiten – ermahnt von schlanken Hinweisen auf die moderne Welt, die gleich hereinbrechen und alles verschlingen wird: TV-Kameras, Mikrofone, Klemmbretter.  (Ja, die Drehbühne dreht sich vermutlich ein paar Mal zu oft, aber das lässt sich feinjustieren.)

Tracie Bennett als Carlotta Campion in Follies

In Paul Groothuis’ Sound hören wir alles glorios klar, und sehen es in der wunderbaren Mischung aus Licht und Schatten, die Paule Constable heraufbeschwört.  Das ist eine kluge Sache – und äusserst souverän umgesetzt.  Während wir in eine ungewisse Zukunft taumeln und das Gerüst einreissen, das diesem Land den grössten Wohlstand gebracht hat, den es je kannte, sollten wir uns fragen: Werden wir, wenn wir einmal auf unsere Karrieren zurückblicken, das mit auch nur annähernd so viel Aplomb und Panache tun können wie diese Held*innen der Follies?  Oder werden wir andere Lieder zu singen haben?

Werfen Sie einen Blick auf die FolliesProduktionsbilder am National Theatre.

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