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REZENSION: Of Thee I Sing, Royal Festival Hall ✭✭

Veröffentlicht am

Von

stephencollins

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Of Thee I Sing

Royal Festival Hall

30. Juli 2015

2 Sterne

Balance.

Der Schlüssel zu jeder gelungenen Inszenierung eines Musicals ist die Balance. Die Balance zwischen Text und Musik, zwischen Stimme und Orchester, zwischen Figur und Gesangslinie, zwischen Dialog und Partitur, zwischen Choreografie und Musik, zwischen Ensemble und Solist:innen. Das Bedürfnis nach der richtigen Balance – die absolut grundlegende Notwendigkeit dafür – steigt nur noch, geradezu exponentiell, wenn das Musical vergleichsweise unbekannt ist und die Aufführung nicht vollständig szenisch, sondern als Konzertpräsentation daherkommt.

Ohne Balance kann das Erlebnis unerquicklich sein. Für alle. Für die Mitwirkenden und das Publikum. In besonders krassen Fällen können sich Zuschauer:innen fühlen, als wären sie körperlich vom Klang attackiert worden – als könnten ihre Trommelfelle zerspringen, wenn die Flut ermüdend lauter Lautstärke weiter anhält.

Leider war es genau so bei der Konzertpräsentation von Of Thee I Sing, einer Zusammenarbeit von Ira und George Gershwin, George S. Kaufman und Morrie Ryskind. 1931 war das Stück ein Hit und gewann im folgenden Jahr als erstes Musical überhaupt einen Pulitzer-Preis.

Man versteht, warum. Das Buch ist eine gnadenlose Verspottung grosser amerikanischer Institutionen – des Präsidentenamts, der Vizepräsidentschaft, des Zwei-Parteien-Systems, des Obersten Gerichtshofs der USA und der amerikanischen Aussenpolitik. Für die damalige Zeit muss das ziemlich schockierend gewesen sein. Und tatsächlich stecken auch heute noch etliche Gedanken darin, die für die moderne Politik relevant sind.

Im Mittelpunkt steht ein junger Karrierist, der sich selbst zum Präsidentschaftskandidaten seiner Partei nominiert. Der Parteiapparat ist inkompetent, selbstherrlich und völlig ahnungslos. Man beschliesst, der sicherste Weg zum Wahlsieg sei ein Wettbewerb, um eine Braut für den Kandidaten zu finden – schliesslich wählt Amerika die Liebe.

Das Problem: Der Kandidat entscheidet, er wolle eine Mitarbeiterin heiraten, die Mais-Muffins backen kann. Er weigert sich, das Mädchen zu heiraten, das den Wettbewerb gewinnt, heiratet stattdessen die Assistentin – und wird gewählt. Die verschmähte Gewinnerin, ein Südstaatenmädel mit in Grossbuchstaben geschriebener Entschlossenheit, mobilisiert das Land gegen den Vertragsbruch des Präsidenten und fordert, dass er seine Verpflichtung ihr gegenüber erfüllt.

Es folgt ein Amtsenthebungsverfahren – und ein kopfstehendes Chaos, das alles durcheinanderwirbelt.

Das Ganze wirkt wie ein amerikanischer Cousin einer der späteren Operetten von Gilbert und Sullivan (Utopia Limited oder The Grand Duke) – nur mit Broadway-Prickeln. Tatsächlich ist die Form höchst launisch. Es ist eindeutig satirisch, doch die Satire kommt auf eigenartige Weise daher: lange Dialogpassagen, lange Strecken durchkomponierter Musik, grosse Nummern. Es fühlt sich teils wie Revue, teils wie Book Musical an – letztlich aber ist es eine Show, die einfach alles aufs Korn nimmt, was ihr einfällt, einschliesslich der Musicalformen, die ihre Vorläufer waren.

Der Zahn der Zeit hat die Schärfe der Satire abgestumpft, aber die Grundthemen sind noch immer aktuell – besonders dort, wo es um ein weisses Patriarchat geht, das politische und juristische Systeme missbraucht und Frauen entsetzlich behandelt. Die Figuren sind masslos überdreht: nicht einfach nur Typen, sondern exzentrische Charaktere in Übergrösse. In den besten Momenten bietet Of Thee I Sing daher die perfekte Mischung aus überzeichneter Figur, idiotischer Situation, spitzer Beobachtung und schwelgender Melodie. Richtig gespielt – frech, mutig, mit kräftigen Pinselstrichen – sollte es altmodisch und herrlich vergnüglich sein. 1931 mag das ein Riesenspass gewesen sein; heute ist eher angenehme Unterhaltung das Ziel.

Gerade weil es relativ unbekannt ist, braucht jede Produktion von Of Thee I Sing vor allem eines: Balance – es muss möglich sein, sowohl Orchester als auch Sänger:innen zu hören, Musik wie Text, damit klar wird, was die Gershwins mit der Partitur machen, und damit man es in seinem vollen Wert geniessen kann. Artikulation ist wichtig – aber noch wichtiger ist die Balance.

Leider gab es hier keine Balance.

Es begann noch ganz ordentlich mit der Ouvertüre. Zwar nicht sofort ansteckend, waren die Melodien klar, und die Nummern, die einst Standards waren, stachen auf diese Weise hervor: „Ach, ich wusste gar nicht, dass dieses Lied aus diesem Musical stammt.“ Das Spiel war solide und detailreich und versprach viel für das, was folgen sollte. Musical Director Michael England und das Royal Philharmonic Concert Orchestra konnten ganz offensichtlich liefern.

Doch sobald der Gesang hinzukam, ging alles schief. Das lag nicht am Singen – das war grösstenteils tadellos –, sondern an der Balance zwischen Orchester, Sänger:innen und Beschallungsanlage. Der Mix in den Saal war völlig falsch: Die Stimmen waren viel zu hart verstärkt, fast bis zur vulkanischen Verzerrung, und die Arbeit des Orchesters wurde nahezu zur Bedeutungslosigkeit degradiert. Es gehört einiges dazu, ein 26-köpfiges Orchester auf einer Konzertbühne komplett in den Hintergrund zu mischen – aber genau das ist hier gelungen.

Die Verantwortung dafür liegt eindeutig beim Haus und bei den Veranstalter:innen dieses Abends, Senbla in Zusammenarbeit mit Eliot Davis. Zu wenig Probenzeit führt zwangsläufig zu genau solchen Problemen. Dafür gibt es keine Entschuldigung, und es schmälert alles – das Werk, die Mitwirkenden, das Orchester und das Sound-Team. Ganz zu schweigen von der Fähigkeit des Publikums, die Aufführung zu geniessen. Spielstätten – erst recht Marken wie die Royal Festival Hall – müssen sicherstellen, dass Veranstalter:innen auch wirklich liefern, wofür das Publikum oft, wenn nicht sogar meistens, wegen des Namens bezahlt.

Für die Royal Festival Hall ist das unverzeihlich.

Zum Glück gab es die pure Professionalität der Hauptbesetzung.

Hadley Fraser war als Präsident John P. Wintergreen in hervorragender Form: locker, entspannt und angenehm schmierig. Seine Stimme passte perfekt zur Partitur, und mühelos gelang ihm sowohl das Croonen als auch das Aufblühen, wenn es nötig war. Irgendwie schaffte er eine Mischung aus David Cameron und John Kennedy – unwiderstehlich charmant, liebenswert komisch und mit aufblühenden Spitzentönen eine Freude fürs Ohr.

Als die beiden Frauen in seinem Leben – die Mais-Muffins backende Mary Turner und die Südstaaten-Schönheit mit Blick aufs Weisse Haus, Diana Devereaux – waren Louise Dearman und Hannah Waddingham so verlässlich wie immer. Waddingham bekam kostümlich das bessere Los, aber beide waren stimmlich ausgezeichnet. Dearman machte das Beste aus einer Figur, die keinen Sinn ergibt (und in Sachen heutiger Geschlechterpolitik ziemlich anstössig ist), und verlieh allem, was sie tat, echten Charme. Ihre Stimme war strahlend und wunderschön kontrolliert, besonders in der Höhe. Ihr Duettieren mit Fraser war hervorragend.

Waddingham machte Devereaux unvergesslich: Mit einem rauen Südstaaten-Twang, der seine Übertreibung genüsslich auskostete, zeichnete sie makellos die betrogene Frau, um die sich in der fiktiven Welt offenbar niemand schert – vielleicht, weil sie aus dem Süden kommt. Soweit es überhaupt möglich war, mit der Figur mitzufühlen, sorgte Waddingham dafür, dass das Publikum es tat – mit kluger, klarer, ständig einfallsreicher Charakterzeichnung. Sie sang zudem mit voller Kraft und liess jede Note zählen.

Auch Nicolas Colicos und James Barron leisteten hervorragende Arbeit – beide mit grossen, beeindruckend dunkel gefärbten Baritonstimmen, wie man sie heutzutage (leider) nur noch selten auf West-End-Bühnen hört. Gavin Alex und Daisy Maywood brachten herrlich altmodische Song-and-Dance-Chuzpe ins Geschehen.

Die komische Leistung des Abends – und die verlässlichste Quelle des Vergnügens – kam jedoch vom sehr talentierten Tom Edden, der aus der Darstellung des widerwilligen Vizepräsidenten Alexander Throttlebottom (gibt es in einem Broadway-Musical einen besseren Namen?) eine Schauspiel-Masterclass machte. Ganz im Geist dieses Namens präsentierte Edden eine neurotische, chaotische, gehetzte, aber ehrgeizige Figur: Er stahl jede Szene, in der er war – und sogar einige, in denen er nicht war. Grossartig.

Of Thee I Sing wird nirgendwo mehr für eine lange Spielzeit wiederaufgenommen werden; seine Zeit ist vorbei. Aber es ist immer noch ein interessantes Stück, mit einer sympathischen Partitur und einigen wirklich komischen Passagen. Der Pastich-Charakter mancher Melodien sorgt für anhaltenden Reiz, und wer Gilbert und Sullivan mag, findet hier genug Ähnliches, um dranzubleiben. Richtig besetzt – und wenn alle dem bewusst überdrehten Stil folgen, den Edden, Waddingham und Colicos hier vorgeben – kann es alberne, mitreissende Freude sein. (Shaun Kerrisons Regie hätte das stärker betonen können.)

Aber es braucht Balance. Und die gab es – leider – in der Royal Festival Hall nicht. Und nicht einmal eine so begabte Besetzung konnte das ausgleichen.

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