NACHRICHTEN
REZENSION: Rocky, Wintergarden Theater ✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
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Foto: Sara Krulwich Rocky
Winter Garden Theatre
9. April 2014
3 Sterne
Der Glaube, dass sich nahezu jedes Thema als Grundlage für ein gutes Musical eignet, kann – wie ein feiner Cocktail – je nachdem, was einem serviert wird, geschüttelt oder gerührt werden.
Aktuell läuft am Broadway im Winter Garden Theatre Rocky, eine Musical-Adaption des berühmten Sylvester-Stallone-Films. Das Buch stammt von Thomas Meehan und Stallone, die Musik von Stephen Flaherty und die Liedtexte von Lynn Ahrens – und Rocky ist tatsächlich etwas Besonderes. So etwas habe ich ganz sicher noch nie zuvor gesehen.
Regie führt Alex Timbers – und, ganz offen gesagt, er liefert eine verblüffend gute Arbeit ab. Hier treffen viele sehr unterschiedliche Elemente aufeinander, doch Timbers schafft es, daraus ein stimmiges Ganzes zu formen. Es gibt reichlich glitzernde Multimedia-Effekte, und im zweiten Akt wird ein Teil des Zuschauerraums umgebaut: Die Zuschauerinnen und Zuschauer werden umgesetzt, und der Ring wird mitten in den Saal gefahren. Das ist bis ins Detail durchchoreografiert – und heute Abend jedenfalls absolut makellos gelungen.
Generell haben die Szenenwechsel eine filmische Flüssigkeit, die sowohl Fans des Films zufriedenstellt als auch das Tempo für alle hochhält, die im Theater mehr erwarten als nur einen grob hingetupften Handlungsfaden.
Das Tempo lässt nie nach. Timbers hält die Spannung oben, und der finale Boxkampf ist wirklich atemberaubend – brillant choreografiert (Steven Hoggett und Kelly Devine zeichnen für die Choreografie verantwortlich) und ebenso brillant gespielt.
Ich erinnere mich nicht gut genug an den Film, um es sicher zu sagen, aber Kommentare aus dem Publikum deuten darauf hin, dass die Handlung hier dem Film teils treu bleibt und teils von ihm abweicht. Jedenfalls gab es Schlüsselmomente, die begeisterten Beifall auslösten – vermutlich, weil sie ikonische Filmszenen spiegeln. Einer davon: als Andy Karls Rocky drei rohe Eier in einem Zug hinunterkippt. Der Saal tobte – ganz ähnlich, wie er es gewöhnlich tut, wenn Mama Rose in Gypsy „I had a dream“ anstimmt.
Karl liefert als Rocky eine außergewöhnliche Leistung. Als der etwas begriffsstutzige „Italian Stallion“, der seine Schlagtechnik an baumelnden Rinderhälften trainiert, ist er vollkommen glaubwürdig; sein Einsatz für die physischen Anforderungen der Rolle wäre für sich genommen schon einen Tony Award wert.
Doch Karl kann auch singen und spielen – und zwar sehr gut. Durchgehend bleibt er sympathisch, ein einfacher Träumer, ein liebenswerter Tollpatsch. Und seine Zuneigung zur schüchternen Adrian (Margot Seibert) wird wunderschön ausgespielt. In jeder Hinsicht ist er hier ein Gewinner.
Seibert ist ebenso beeindruckend. Ihre Verwandlung vom unscheinbaren Mauerblümchen zur „Frau in Rot“ wird behutsam und sensibel nachgezeichnet, und sie ist durchweg bezaubernd. Es gibt hier eigentlich nichts, was man nicht mögen könnte.
Dakin Matthews ist eine hervorragende Stütze als brummiger Fitnessstudio-Besitzer Mickey, der Probleme mit Rocky hat, ihm am Ende aber doch helfen will. Terence Archie ist perfekt als Apollo Creed, der amtierende Champion, dem Rocky aus unerfindlichen Gründen die Chance erhält, gegen ihn anzutreten.
Danny Mastrogiorgio ist das schwächste Glied; sein betrunkener, grobschlächtiger Bruder von Adrian ist so vergessenswert und unglaubwürdig, wie es Broadway-Darstellungen nur sein können.
Die eigentlichen Probleme liegen jedoch im Buch, das für eine Bühnenfassung viel zu fragmentiert ist, und in der Partitur, die zwar meist angenehm und harmlos daherkommt, aber nicht wirklich geschlossen wirkt und zudem kaum mitreißende Showstopper-Balladen, Hymnen oder Duette zu bieten hat. Es gibt deutlich schlechtere Musical-Partituren, doch für eine Produktion der ersten Liga liefern Flaherty und Ahrens eine Musik, die so bieder ist, wie man sie sich nur vorstellen kann.
Teilweise, so nimmt man an, liegt die Schwierigkeit darin, eine Partitur um das populäre Titellied aus dem Film herum zu bauen – das, wenn es auftaucht, genauso glänzend, frisch und aufregend ist wie eh und je. Nichts von dem, was Ahrens und Flaherty hier beisteuern, kommt da auch nur annähernd heran. Es gibt gute Nummern – „Fight from the Heart“, „Happiness“, „I'm Done“ und „Adrian“ – doch nichts, woran man sich fünf Minuten nach dem Hören noch erinnert.
Das ist eher Spektakel als Musicaltheater; eher ein Schauspiel mit Musik als ein Musical; eher ein auf die Bühne gebrachtes Filmerlebnis als Musicaltheater. Aber es hat viel Herz und einige sehr überzeugende Leistungen.
Wichtig – und das sollte man nicht kleinreden – ist, dass diese Produktion neue Menschen ins Theater bringen wird. Ganz sicher hatte niemand, der in meiner Nähe saß, jemals zuvor ein Theater besucht – und alle waren begeistert. Wenn sonst nichts: Sie findet ein neues Publikum für Live-Aufführungen.
Es lässt einen weder geschüttelt noch gerührt zurück – aber es saugt einem auch nicht das Leben aus.
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