NACHRICHTEN
REZENSION: Songs For A New World, St James Theatre ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
Share
Cynthia Erivo, Damian Humbley, Jenna Russell und Dean John-Wilson in Songs For A New World. Foto: Darren Bell Songs For A New World
St James Theatre
23. Juli 2015
4 Sterne
Für Menschen eines gewissen Alters ist ihr amerikanischer Musicaltheater-Held Jerry Herman. Für andere, eines anderen gewissen Alters, kann dieser Held jede und jeder von einer Reihe prägender Köpfe sein: Leonard Bernstein, Stephen Sondheim, Stephen Schwartz, Adam Guettel, Jonathan Larson, Alan Menken, Andrew Lippa, Georgia Stitt, Michael John LaChuisa, Jeanine Tesori oder Tom Kitt. Zweifellos gibt es auch noch andere würdige Anwärter.
Für jene, deren prägendste Jahre in die späten 90er fielen, ist der Komponist, der meist weit oben – wenn nicht ganz oben – rangiert, Jason Robert Brown.
Brown ist ein begnadeter Komponist, mit einem feinen Gespür für schöne, spukhaft nachhallende Melodien, die sich in die Seele fressen und an jeder emotionalen Faser zerren können, ebenso wie für komplexe und überwältigende Harmonien, die lange nachklingen und elektrisieren. Seine Texte können düster sein, aber auch unverhohlen sentimental oder brutal komisch.
Er hatte ein etwas angespanntes Verhältnis zum Broadway, doch seine beiden letzten grossen Arbeiten, The Bridges of Madison County und Honeymoon In Vegas, waren gelungene, reife Werke; das erste (Bridges) war zu exquisit für das Broadway-Publikum, das lieber zu The Lion King und Wicked greift, und das zweite (Honeymoon) hatte das Pech, mit einigen Hauptdarstellern und einer Inszenierung aufzuwarten, die dem Material nicht erlaubte zu funkeln. Dennoch hat Brown drei Tony Awards gewonnen – wie man es auch dreht: Seine musikalischen Fähigkeiten sind weit entwickelt.
Songs For A New World war Browns erste grössere Show, 1995 off-Broadway herausgebracht. Seitdem wird unerquicklich darüber gestritten, ob es ein Musical, eine Revue, ein Song-Zyklus oder etwas schwer Fassbares dazwischen sei. Wenn es darauf ankommt: Für mich verrät der Titel es bereits – es ist ein Song-Zyklus.
Als besonders theatrales Werk ist es mir nie erschienen. Einiges an der Musik ist berauschend, anderes packend, manches auch eher bieder. Es ist interessant zu hören, wie Browns Gedanken und musikalische Interessen zu einem Bewusstseinsstrom zusammenfinden. Doch abgesehen von ein, zwei Nummern war es für mich stets eher eine Kuriosität, ein Sprungbrett, ein Marker im Sand – als ein komplexes oder reifes Werk aus sich heraus.
Jetzt ist am St James' Theatre Adam Lensons Produktion von Songs For A New World zu sehen. Lensons Inszenierung ändert nichts an meiner Sicht.
Das Werk ist ein Song-Zyklus, dessen eigentliches Interesse in Musik und Text liegt. Alles, was von diesen Kernelementen ablenkt oder sie überdeckt, mindert Wirkung und Reiz des Stücks nur.
Aus Gründen, die wohl am besten nur Lenson kennt – und die er im Programmheft auf eine eher unerhellende Art ausführt –, hat er sich entschieden, das Stück so zu inszenieren, als wäre es ein Book-Musical. Es gibt ein merkwürdiges Bühnenbild, eine noch merkwürdigere Auswahl an Requisiten und kleinen Möbelstücken und eine Art Kostümidee. Es wirkt eher nach 70ern oder 80ern als nach 90ern – aber ohne erkennbaren Sinn.
Die Besetzung muss bedeutungsschwere Posen einnehmen und sich in seltsamen Mustern bewegen, Möbel und Requisiten in einer Art endloser, beinahe Beckett’scher Fuge aus Selbstversenkung und Sinnlosigkeit hin- und herräumen. Warum sie dazu so getrieben sind, wird nie erklärt und ist erst recht nie klar. Der Musik fügt dieser törichte Unsinn nichts hinzu. Im Gegenteil: Fast alle exzellenten Momente entstehen, wenn eine einzelne Darstellerin oder ein einzelner Darsteller im engen Spot arbeitet.
Wichtig ist bei diesem Werk – wie bei allem von Brown – Interpretation und Vortrag der Musik. Und genau in dieser Disziplin trifft Lensons Produktion ins Schwarze.
Jenna Russell in Songs For A New World. Foto: Darren Bell
Mit Jenna Russell, Damian Humbley und Cynthia Erivo hat Lenson drei der besten und spannendsten Musicaldarstellerinnen und -darsteller Londons versammelt. Jede und jeder liefert hier eine virtuose und vollkommen hingebungsvolle Leistung ab. Allein diese Stimmen Browns Musik singen zu hören, ist den gesamten Abend wert.
Russell gelingt es am besten von allen. Sie verbeisst sich regelrecht in ihre Nummern und lädt jede mit besonderer Energie auf – mit ihrem makellosen Timing und dieser untadeligen, verführerischen Stimme. Von der scheinbar suizidalen Ehefrau in „Just One Step“, über das grossartige und zutiefst mitfühlende „Stars And The Moon“, bis zum köstlich (und gnadenlos) komischen „Surabaya Santa“ ist Russell in Bestform. Jeder Ton sitzt, jede Phrase ist tadellos gesetzt, und jedes Lied erhält eine intensive, letztlich nuancierte Behandlung. Ich bezweifle, dass „Just One Step“ jemals besser dargeboten wurde, als Russell es hier schafft. Ihre Haltung und ihre kluge, kunstvolle Intelligenz leuchten.
Die schmerzlich verpasste Chance ist, dass Brown in diesem Stück nicht mehr Songs für mehr als eine Stimme geschrieben hat. Ein Trio für Russell, Erivo und Humbley fehlte schmerzlich.
Doch die Wahrheit ist: So sehr das Stück als Song-Zyklus auch ein Knistern hat, ist es ehrlicher betrachtet eine Art Vorsingen (von Brown) für die Musik, die er zu schreiben vermag. Jede Nummer hier hat direkte Nachfahren in späteren Brown-Arbeiten – von Parade bis Honeymoon In Vegas. Hier liegen sie noch im Keim.
Erivo ist – wie immer – stimmlich grandios. Man hofft, dass der Gewinn des Broadways (sie eröffnet dort später in diesem Jahr in The Colour Purple) nicht zum dauerhaften Verlust fürs West End wird. Alles, was sie hier singt, glüht vor Intensität und Strahlkraft – zugleich fesselnd und berauschend. Sie singt jeden Ton wie eine Olympiasportlerin: hoch fokussiert, völlig kompromisslos und Weltklasse. Ihre Interpretation von „I'm Not Afraid of Anything“ war superb, und ihr Duett mit Humbley, „I'd Give It All For You“, ein Moment brennender, aufschwingender Schönheit.
Cynthia Erivo in Songs For A New World. Foto: Darren Bell
Humbley wiederum war so zuverlässig und stimmlich mitreissend wie eh und je. Er hat wirklich eine dieser Stimmen, die nur einmal pro Generation auftauchen – und er weiss, wie er sie optimal einsetzt. Browns Song-Zyklus gibt ihm hier nicht gerade das allerschillerndste Material, doch er macht aus jeder Gelegenheit das Beste: üppige, schwebende Phrasen von unfehlbarer Schönheit in der Spitze oder nahe der Spitze seiner Lage, ebenso wie süsse und komplexe Passagen, die Herzschmerz und nachdenkliche Qual mühelos heraufbeschwören. Es ist ein Genuss, ihn aus solcher Nähe so gut singen zu hören. Besonders in „The River Won't Flow“, aber auch sonst, war Humbley grossartig.
Dean John-Wilson vervollständigt das Quartett. Er wirkt durchaus sympathisch, doch stimmlich war Browns Material eine Nummer zu gross für ihn. Von der schieren Klasse und dem Stil seiner Kolleginnen und Kollegen überragt, schien er völlig überfordert – und Lensons Regie half ihm dabei kein bisschen. Am stärksten im Schlussstück „Flying Home“ zeigte John-Wilson Potenzial, aber zu wenig Technik, um mit Russell, Erivo und Humbley Schritt zu halten.
Am Ende liegt das Problem jedoch in Lensons aberwitziger, überdimensionierter Vision für das Stück. Viel besser hätte es als „stand and sing“-Konzert im Black-Tie-Format funktioniert, bei dem der absolute Fokus auf der Musik liegt. Songs For A New World wird nie ein „Musical“ sein, weil es keines ist – und Lensons Besessenheit von dem Stück (lesen Sie das Programmheft) wird daran nichts ändern.
Musikalischer Leiter Daniel A. Weiss macht einen hervorragenden Job: Er sorgt dafür, dass die Darstellerinnen und Darsteller von einer exzellenten Band bestens getragen werden, und die Klarheit und Stilsicherheit der drei etablierten Kräfte sind ein Beleg für sein ausgezeichnetes musikalisches Urteilsvermögen. Der Raum im St James Theatre erweist sich einmal mehr als einladend, und musikalische Produktionen scheinen dort inzwischen sehr zuhause zu sein.
Mit 90 Minuten strapaziert Browns eklektischer Song-Zyklus niemanden. Lenson, der freimütig zugibt, Brown als „die Fusion aus Stephen Sondheim und Billy Joel“ zu beschreiben (und sich damit das zweifelhafte Verdienst erwirbt, in einem Satz gleich drei Menschen zu verleumden), tut nichts, um Browns Werk zu schärfen, aber einiges, um es zu unterminieren. Doch sein Herumfummeln ist nicht katastrophal.
Songs For A New World bleibt das ernsthafte, aber kuriose Stück, das es ist – emporgehoben durch den funkelnden Glanz der unglaublichen Stimmen und Bühnenkunst von Russell, Erivo und Humbley. Ignorieren Sie Lenson, dann wird es umso mehr zum Vergnügen.
Songs For A New World läuft am St James Theatre bis zum 8. August 2015
Erhalten Sie das Beste des britischen Theaters direkt in Ihr Postfach
Seien Sie die Ersten, die sich die besten Tickets, exklusive Angebote und die neuesten Nachrichten aus dem West End sichern.
Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutzrichtlinie