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REZENSION: The Scottsboro Boys, Garrick Theatre ✭✭✭✭✭
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douglasmayo
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The Scottsboro Boys: (v. l. n. r.) Keenan Munn-Francis (Eugene Williams), Emmanuel Kojo (Clarence Norris), Rohan Pinnock-Hamilton (Olen Montgomery), Carl Spencer (Andy Wright), James T Lane (Ozie Powell), Joshua Da Costa (Roy Wright), Brandon Victor Dixon (Haywood Patterson), Dex Lee (Charles Weem), Emile Ruddock (Willie Roberson). The Scottsboro Boys
Garrick Theatre
27. Oktober 2014
5 Sterne
Musicals sind ein spannendes Genre. Mitunter können sie leicht und unbeschwert sein – und wie im Fall von The Scottsboro Boys kann ein Musical der Gesellschaft den Spiegel vorhalten und auf eklatante soziale Ungerechtigkeit aufmerksam machen.
Die Geschichte der Scottsboro Boys ist ausserhalb der Vereinigten Staaten wenig bekannt. 1931 fuhren neun schwarze Jugendliche als blinde Passagiere auf Güterzügen, als sie in Scottsboro, Alabama, aus einem Zug geholt und beschuldigt wurden, zwei weisse Frauen vergewaltigt zu haben, die ebenfalls im Zug mitfuhren. Die neun wurden schuldig gesprochen und zum elektrischen Stuhl verurteilt. In Wiederaufnahmeverfahren um Wiederaufnahmeverfahren werden sie von weissen Geschworenen immer wieder schuldig gesprochen – obwohl die Beweislage zunehmend zeigte, dass die Jungen eindeutig unschuldig waren. Eine aktive politische Kampagne, massgeblich getragen von der Kommunistischen Partei, hielt den Fall über viele Jahre in der Öffentlichkeit, bis schliesslich – nicht zuletzt wegen der immensen Prozesskosten sowie einiger juristischer und strafvollzugsadministrativer Winkelzüge – einige der Jungen freikamen.
The Scottsboro Boys wird als Minstrel-Show im Stil vergangener Zeiten präsentiert. Solche Shows waren einst eine populäre Unterhaltungsform, meist ausschliesslich mit weissen Darsteller*innen besetzt, die in Blackface auftraten. Dieser Kunstgriff wird hier noch zugespitzt: Eine afroamerikanische Besetzung spielt sämtliche Figuren der Scottsboro-Boys-Geschichte – einschliesslich der angeblichen weiblichen Vergewaltigungsopfer, der Deputys und der Anwälte.
Der Interlocutor (Moderator der Minstrel-Show), gespielt von Julian Glover, lässt die Minstrel die Geschichte der Scottsboro Boys „so, wie sie wirklich war“ erzählen – und merkt erst zu spät, dass er die Kontrolle über die Erzählung verloren hat. Statt einer Show voller verklärter und glattgebügelter Erinnerungen und Nummern wie dem Cakewalk bekommt das Publikum eine schonungslose Nacherzählung, ohne Beschönigung. In Songs wie Southern Days wird aus der zunächst traumverlorenen Erinnerung an den Süden am Ende ein Bild mit Anspielungen auf den Ku-Klux-Klan und brennende Kreuze – oder wenn der jüngste der Jungen von Deputys terrorisiert wird, die ihn dem elektrischen Stuhl unmittelbar gegenüberstellen.
Dass Regisseurin/Choreografin Susan Stroman, die grosse Musical-Produktionen wie kaum eine andere kennt, hier eine Inszenierung ohne aufgeblasenes Spektakel vorlegt, ist bemerkenswert. The Scottsboro Boys setzt auf die Fähigkeiten seines Ensembles: Stühle und Tamburine, ein paar Kostüme – mehr Werkzeuge gibt es nicht, und gerade dadurch gewinnt der Abend enorm an Wucht. Das ist ein unschlagbares, grossartiges Ensemble, das es schafft, einer Geschichte, die ihrem Wesen nach Empörung auslöst, verblüffend viel Humor einzuhauchen. Kaum zu glauben, dass The Scottsboro Boys erst 2013 offiziell begnadigt wurden.
Geschrieben von einem der grössten Autorenteams der Musicalgeschichte, John Kander und Fred Ebb, war die Show zum Zeitpunkt von Fred Ebbs Tod 2014 noch unvollendet. Kander sprang ein und schrieb weitere Liedtexte – sodass das, was man vielleicht als ihr grösstes Werk betrachten muss, auf die Bühne gebracht werden konnte.
The Scottsboro Boys war in der kurzen Spielzeit im vergangenen Jahr am Young Vic restlos ausverkauft, und auch diese aktuelle Spielzeit am Garrick Theatre ist auf 20 Wochen begrenzt. Verpassen Sie dieses aussergewöhnliche Stück Musicaltheater nicht.
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