Seit 1999

Vertraute Nachrichten & Rezensionen

26

Jahre

Das Beste des britischen Theaters

Offizielle Eintrittskarten

Wählen Sie Ihre Plätze

Seit 1999

Vertraute Nachrichten & Rezensionen

26

Jahre

Das Beste des britischen Theaters

Offizielle Eintrittskarten

Wählen Sie Ihre Plätze

  • Seit 1999

    Vertrauenswürdige Nachrichten & Rezensionen

  • 26

    Jahre

    Das Beste des britischen Theaters

  • Offizielle Eintrittskarten

  • Wählen Sie Ihre Plätze

KRITIK: Die Möwe, Open-Air-Theater Regent's Park ✭✭✭✭

Veröffentlicht am

26. Juni 2015

Von

stephencollins

Share

Die Möwe

Regent’s Park Open Air Theatre

24. Juni 2015

4 Sterne

Tickets buchen

Es war 1895, als Anton Tschechows Die Möwe ihre wenig glückliche Uraufführung erlebte. Bei der ersten Aufführung galt das Stück als Misserfolg, doch sein Schicksal wendete sich, als Stanislawski und Nemirowitsch-Dantschenko die Spielzeit des Moskauer Künstlertheaters mit einer Wiederaufnahme eröffneten.

Anlässlich des 120. Jubiläums des Stücks beauftragte das Regent’s Park Open Air Theatre Torben Betts mit einer neuen Fassung von Tschechows erstem großen Erfolg – und einem seiner „großen Vier“ (neben Onkel Wanja, Drei Schwestern und Der Kirschgarten). Matthew Dunsterns Inszenierung dieser Adaption ist nun zu sehen – und auf eines dürfte man sich wohl einigen können: So hat man Die Möwe noch nie erlebt.

Im Programmheft sagt die emeritierte Professorin für russisches Drama Cynthia Marsh über das Original:

„Es ist ein kritischer und fragender Blick auf jene Halbwelt rund um Schriftsteller, das Theater und Schauspielerinnen – auf den Kummer und die Tragik, die dort so oft zu spüren sind. Vor allem aber steht ein Fragezeichen darüber, was sie da alle eigentlich tun: Was ist Kunst? Was ist Theater? Und eine implizite, aber nicht vollständig ausgearbeitete, viel größere Frage: Was ist Leben? ... Sein intimes Verständnis der Mechanismen des Theaters, sein Verwerfen des melodramatischen Stils, der damals noch so populär war ... brachte ihn dazu, die Ansprüche auf Realismus, die das Theater zu vertreten begann, aufzutrennen. Das Stück ist eingebettet in die zeitgenössische Debatte über die Ziele der Kunst im Allgemeinen und des Theaters im Besonderen.“

Betts’ Adaption (Neu-Erfindung trifft es vielleicht besser) versucht ganz eindeutig, jene Wirkung heraufzubeschwören, die Tschechow auf sein damaliges Publikum gehabt haben muss. Die Sprache besitzt eine robuste Modernität, die Situationen und Figuren sofort verständlich, nachvollziehbar und wiedererkennbar macht. Das geht auf Kosten der Lyrik, die Tschechow geschrieben hat – aber am Ende ist die Klarheit des Verständnisses den Preis wert. Für manche ist der Text zweifellos zu derb, zu vulgär – doch er destilliert Tschechows Absicht auf kohärente und greifbare Weise.

Dunsterns Regiekonzept jedoch verschleiert Betts’ Können bisweilen. Das ist keineswegs fatal, doch es gibt merkwürdige Stilentscheidungen, die schlicht bizarr wirken: Jede Szene wird von einem extrem lauten, verstärkten Geräusch unterbrochen (das vielleicht – oder auch nicht – das verstärkte Geräusch eines gespannt werdenden Revolvers ist; falls es jemand weiß: bitte sagen!). Das irritiert und verunsichert. Das Bühnenbild wird von einem schräg gestellten Spiegel beherrscht, der spät im zweiten Akt zu einer seltsamen Lichtbake wird und das Gefühl von Realismus, das Spiel und Figuren zuvor erzeugt haben, zerschlägt. Und der See, in Tschechows Vorstellung so präsent, wird körperlich greifbar: Im ersten Akt schwimmen die Diener darin – nackt und herausfordernd –, im zweiten Akt wird er zu einem eingeschobenen, zusätzlichen und unnötigen Verweis auf Hamlet.

Noch gewichtiger – und mit größerer Wirkung – ist Dunsterns eigensinnige Stil-Mischung. Erfreulicherweise ist sein Grundton komödiantisch; zu Recht meidet er das ermüdende „Tschechow ist unerquicklich und ehrfurchtgebietend“-Klischee. Gerade der erste Akt macht enormen Spaß. Doch im zweiten Akt – vielleicht als Hinweis auf die unterschiedlichen Theaterformen, die den zentralen Figuren wichtig sind – weicht der Realismus auseinanderdriftenden Stilen: Pomp, Avantgarde und Melodram. Klarer oder besser wird dadurch nichts; am Ende schmälert es sowohl Betts’ Arbeit als auch Tschechow selbst.

Nicht alle Regieentscheidungen bleiben jedoch hohl. Der Einsatz aufgezeichneter Voice-overs als Ausdruck der inneren Gefühlswelt der Figuren ist überraschend wirkungsvoll. Tempo und Spiel besitzen eine spritzige Energie, die Stimmung und Motivationen leicht nachvollziehbar macht. Prägnante Knappheit ist das Grundprinzip – sodass die Pausen und stockenden Passagen, wenn sie kommen, umso stärker wirken. Dunstern leuchtet in die dunklen Räume hinein, die Tschechow und Betts in die Erzählung weben: In vielerlei Hinsicht ist dies eine der klarsten Erzählungen dieser Geschichte seit Jahren.

Der Egoismus und die Ichbezogenheit der Figuren werden wunderschön vermittelt. Viele Dialogzeilen werden über die Sätze anderer hinweg gesprochen – ein Zeichen dafür, wie wenig der Sprechende sich um die Person oder Personen kümmert, die er übertönt. Die stachelige Vertrautheit langjähriger Beziehungen wird klug gezeigt, ebenso wie die schmerzhafte unerwiderte Liebe so vieler Figuren. Lodernde Raserei, wahnsinnige Leidenschaft, stilles Bedauern und gedämpfte Sehnsucht – Dunsterns Regie zeichnet die unterschiedlichen Formen von Schmerz mit feinem Strich nach.

Weitgehend ist die Besetzung hervorragend – und auch das trägt zur Wirkung und Unmittelbarkeit des Abends bei, ebenso wie zum Humor.

Simon liebt Mascha, die Simon hasst, aber Konstantin liebt. Konstantin schwärmt für Nina und bemerkt Mascha nicht; Nina liebt Konstantin kurz, verliebt sich dann aber heftig in den älteren Boris, der wiederum Irinas Liebhaber ist – Irina ist Konstantins Mutter. Auch Dr. Dorn liebt Irina, und er wird von Paulina geliebt, die mit Ilja verheiratet ist (sie sind Maschas Eltern). Peter besitzt das Gut, auf dem Mascha und ihre Eltern leben (Ilja ist der Verwalter), und es gibt weitere Bedienstete – Jakow und Natascha. Zu Beginn des Stücks bereitet Konstantin die Premiere eines seiner Stücke vor, in dem Nina spielt, aufgeführt auf dem Gutsgelände vor einer versammelten Gruppe ungleich zusammengewürfelter, unglücklich Liebender.

Colin Hoult ist als Simon, der Lehrer, der Mascha anhimmelt und doch unablässig über seinen Geldmangel spricht, außergewöhnlich gut. Hoult ist komische Perfektion und bringt eine präzise Mischung aus Pedanterie, Grobheit und Naivität in sein Spiel. Seine soziale Ungelenkigkeit ist ein Genuss – und man kann kaum anders, als mit ihm zu fühlen.

Als Mascha ist Lisa Deveney großartig: scharfzüngig, klug, ständig in Trauer, defensiv und verzweifelt. Ihre Sehnsucht nach Konstantin ist greifbar, und sie lässt ihre Frustration an Simon aus – gemein, aber mit hervorragender komischer Wirkung. Deveney hat eine faszinierende, rauchige Färbung in der Stimme und setzt sie wirkungsvoll ein, ob für Wut oder Ärger. Zusammen mit Hoult ist sie eine prächtige Kombination.

Janie Dee fühlt sich als verblassender Superstar unter den Schauspielerinnen vollkommen zu Hause und macht Irina zugleich unerträglich und liebenswert. Die Szene, in der sie ihre Lebenshaltung mit der von Mascha vergleicht, ist pures komisches Glück – und Dee lässt sie fliegen. Später gibt es eine beinahe unerträglich schöne Szene mit ihrem entfremdeten Sohn, in der sie in einem Wimpernschlag von der fürsorglichen, zärtlichen Mutter, die eine Wunde verbindet, zur gelangweilten, genervten Primadonna wechselt. Dee ist eine großartige Schauspielerin, und ihre Arbeit hier ist ausgesprochen exquisit.

Weil Dee als Irina so stark und vital ist, funktioniert Matthew Tennysons blasser, fein ziselierter und doch herrlich leuchtender Konstantin perfekt als Gegenpol. Er ist ganz und gar das Kind seiner Mutter – und Tennyson zeigt das gekonnt. Zugleich wird er von Minderwertigkeitsgefühlen und seiner Sehnsucht nach Nina heimgesucht; auch das macht Tennyson klar sichtbar – und er ist dabei zudem sehr komisch. Seine Arbeit in der Szene, in der er sein Stück auf die Bühne bringt, ist urkomisch.

Ian Redford ist großartig als Peter Sorin: knorrig, streitlustig, beharrlich traurig, durchtränkt vom Schrecken eines nicht gelebten Lebens. Er verleiht jeder Bewegung eine dyspeptische Pracht. Danny Webbs Dr. Dorn ist ebenso gut – ein weiser, einsamer Mann mit einer geheimen Vergangenheit. Er bringt Offenheit in die verhärteten Positionen über Theater und Kunst und ist damit ein echter Verbündeter für den gequälten Konstantin. Webb verbindet mühelose Zugänglichkeit und tiefe Traurigkeit zugleich. Seine letzten Worte waren sehr eindringlich.

Der eine ernsthafte Fehltritt liegt in der Schlüsselrolle des Boris Trigorin, des etablierten Schriftstellers, der sowohl Irina als auch Konstantin den Boden unter den Füßen wegzieht – durch seine Affäre mit Nina. Alex Robertson wirkte, als spiele er in einem völlig anderen Stück – vielleicht eine bewusste Regieentscheidung, weil Boris der eigentliche Außenseiter auf dem Gut und am See ist. Dennoch: Boris’ Beitrag ist für das Ganze entscheidend – es ist die Rolle, die Stanislawski selbst spielte, und sie gilt oft als eine der größten Männerrollen, die Tschechow geschrieben hat. Hier jedoch nicht. Es gibt keinerlei Gefühl von männlicher Kraft und Intelligenz in der Darstellung, und man versteht nicht, warum die Rolle so gespielt wird.

Sowohl Sabrina Bartletts Nina als auch Dees Irina leiden unter Robertsons exzentrischer Wendung – Bartlett mehr als Dee. Nina wird durch ihre berauschende Verehrung für Boris definiert, und ohne einen starken Anker in ihm gerät sie etwas ins Treiben. Doch Bartlett gibt ihr Bestes, und ihre Szenen mit Tennyson sind hervorragend. Ihre Stimme ist zu oft etwas zu schrill, aber sie hat eine süße, einnehmende Präsenz. Konstantins Begehren nach ihr wirkt nie unverständlich.

Der Rest des Ensembles ist durchweg sehr solide, auch wenn Fraser James’ Ilja den „lacht-über-die-eigenen-Witze“-Gag ein wenig überstrapaziert.

Jon Bausors Bühnenbild ist bemerkenswert. Das Gefühl für das Gut und den See wird wunderschön vermittelt und wirkt verblüffend real – wozu die Kulisse des Regent’s Park erheblich beiträgt. Es gibt Gärten und Bäume, und der Rasen funktioniert sowohl am Boden als auch in der Spiegelung des riesigen Spiegels. Wenn die Innenraumszenen stattfinden, wird das Gras entfernt und prachtvolles Parkett erscheint – und erzeugt sauber den Eindruck bürgerlicher Befindlichkeiten. Abgesehen von dem Moment, in dem er zur Lichtbake wird, ist der Spiegel eine kluge Idee. Spiegelungen sind im Stück wichtig, und der Spiegel symbolisiert das, während er zugleich interessante Blickwinkel auf das Geschehen ermöglicht.

An dieser klugen, intelligenten Inszenierung gibt es viel zu bewundern, und manches blendet regelrecht. Doch Dunstern wird gegen Ende etwas zu clever, und gerade die Schlusszene ist unglücklich gelöst – viel zu melodramatisch, um so schmerzhaft und traurig zu sein, wie sie sein sollte. Dennoch: Diese Möwe ist eine Fassung, die man auskosten sollte.

DIE MÖWE LÄUFT BIS ZUM 11. JULI 2015 IM REGENT’S PARK OPEN AIR THEATRE

Diesen Artikel teilen:

Diesen Artikel teilen:

Erhalten Sie das Beste des britischen Theaters direkt in Ihr Postfach

Seien Sie die Ersten, die sich die besten Tickets, exklusive Angebote und die neuesten Nachrichten aus dem West End sichern.

Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutzrichtlinie

FOLGEN SIE UNS