NACHRICHTEN
KRITIK: Appropriate, Donmar Warehouse ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
sophieadnitt
Share
Sophie Adnitt bespricht Appropriate von Branden Jacob-Jenkins, derzeit im Donmar Warehouse in London zu sehen.
Monica Dolan, Steven Mackintosh und Edward Hogg in Appropriate. Foto: Marc Brenner Appropriate
Donmar Warehouse
Vier Sterne
4 Sterne
Tickets buchen Appropriate, aktuell im Donmar Warehouse zu sehen, orientiert sich an einigen der grossen Familiendramen des 20. Jahrhunderts. An der Sorte Stück, in der es meist einen enttäuschenden Patriarchen gibt, alte Geheimnisse ans Licht kommen und fehlende Klimaanlage die Menschen in drückenden amerikanischen Sommern an den Rand des Zusammenbruchs treibt. Als geistige Nachfahren der Pollitts und der Kellers stellt Dramatiker Branden Jacob-Jenkins die Lafayettes vor – drei Geschwister (plus Partner*innen und Kinder), die sich sechs Monate nach dem Tod ihres Vaters wieder treffen. An einem Wochenende in ihrem angestammten Zuhause in Arkansas, einem ehemaligen Plantagenanwesen, werden die Leben, die sich alle drei aufgebaut haben, von Geistern der Vergangenheit heimgesucht – und sie sind gezwungen, sich einigen entsetzlichen Wahrheiten zu stellen.
Jaimi Barbakoff (Rachel) und Oliver Savell (Ainsley). Foto: Marc Brenner
Für das Haus hat Fly Davis einen beeindruckenden Raum geschaffen, der den Donmar-Zuschauerraum dominiert. Das Bühnenbild ist das weitläufige alte Wohnzimmer mit all den Merkmalen solcher Anwesen – hohe Decken, grosse Fenster und der über zwanzig Jahre angesammelte Krempel, von Nippes bis Präparate. In diesem Sammelsurium stossen die Figuren auf ein Album voller makabrer Fotos rassistischer Lynchmorde.
Tafline Steen als River. Foto: Marc Brenner
Die Existenz dieses Albums zwingt die Geschwister, sich der wahren Natur ihres verstorbenen Vaters zu stellen. War der Mann ein Rassist, entschuldigt als Kind seiner Zeit – oder wurde er hereingelegt, das Album von Unbekannten platziert? Wie auch immer: Es ist beklemmend faszinierend, Jacob-Jenkins’ Figuren dabei zuzusehen, wie sie sich in argumentativen Schleifen drehen, um das Andenken dieses Mannes reinzuwaschen. Es geht um Wurzeln und Herkunft und darum, wie Menschen darauf reagieren, woher sie kommen; die älteste Schwester Toni (Monica Dolan) romantisiert ihre Herkunft und strebt nach etwas Grösserem, als es in der Realität wohl je war. Der mittlere Bruder Bo (Steven Mackintosh) hat versucht, sich davon zu distanzieren, und ist in New York erfolgreich geworden. Der jüngste, Franz (Edward Hogg), hat seine eigene Geschichte rundweg abgelehnt – ob aus freier Entscheidung, bleibt ungewiss.
Monica Dolan als Toni. Foto: Marc Brenner
Monica Dolan ist grossartig als die unausstehliche Toni – von Beginn an elektrisierend und schneidend. Geblendet von ihrer Heldenverehrung für ihren Vater (von dieser erwachsenen Frau unheimlich ehrfürchtig „Daddy“ genannt) ist sie völlig von ihren eigenen Überzeugungen überzeugt und sabotiert sich an jeder Ecke selbst, um als Märtyrerin des Erbes ihres Vaters bestehen zu bleiben, egal wie furchtbar es sich am Ende herausstellen mag. Edward Hogg ist als Franz das schwarze Schaf der Familie mit einer sehr dubiosen Vergangenheit – in einer Darstellung, die wild zwischen manisch und melancholisch kippt und einmal mehr beweist, dass er zu unseren besten und sträflich unterschätzten Schauspielern der Gegenwart gehört.
Vervollständigt wird das dysfunktionale Trio durch Steven Mackintosh, der als mittlerer Bruder Bo hervorragend ist: Er versucht, alles zusammenzuhalten, während er gleichzeitig unter dem Druck jeder einzelnen Erwartung einknickt. Ein weiteres echtes Highlight ist Jaimi Barbakoff als Bos Ehefrau Rachael. Rachael ist ausserordentlich furchtbar, und Barbakoff liefert eine geniale Darstellung einer wohlhabenden Soccer-Mom mit überraschend giftiger Note, die es für völlig in Ordnung hält, die schreckliche Vergangenheit ihrer Schwiegereltern in einen Sommerurlaub zu verwandeln. Eine absolute Glanzrolle – und Barbakoff trifft jeden Ton.
Steven Mackintosh als Bo. Foto: Marc Brenner
Tatsächlich ist fast jede Figur in diesem Stück ziemlich unerquicklich, und wenn die Dinge gegen Ende des Abends nach und nach ins Desaster kippen, ist es fast kathartisch, ihnen dabei zuzusehen, wie sie einander in Fetzen reissen. Jacob-Jenkins gibt seinen Figuren seitenweise Dialog, der in grossen Bewusstseinsströmen hervorbricht und die Erzählung Zentimeter um Zentimeter weiter schiebt – das Unheil wird früh angedeutet, und das Publikum ist den Figuren oft unheilvoll einen Schritt voraus. Obwohl das Stück im zweiten Akt kurz ein wenig ins Taumeln gerät, findet es rechtzeitig für eine packende Schlusskonfrontation wieder auf Kurs, und Donato Whartons Sounddesign legt den unerbittlich schneidenden Gesang der Zikaden unter die Spannung, die zwischen den Szenen bis zur Fieberhöhe ansteigt.
Die Schwächen sind gering – am auffälligsten ist, dass in diesem Stück sehr viel geschrien wird, mit nur wenigen Gelegenheiten, in denen besonders Toni viele Variationen zeigen kann. Doch grösstenteils ist das grossartiges Theater: klug darin, zu zeigen, zu welchen Massnahmen Menschen greifen, um ihr eigenes Vermächtnis so umzuschreiben, dass es nun ja … „appropriate“ wird.
Zu sehen bis 5. Oktober 2019.
Erhalten Sie das Beste des britischen Theaters direkt in Ihr Postfach
Seien Sie die Ersten, die sich die besten Tickets, exklusive Angebote und die neuesten Nachrichten aus dem West End sichern.
Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutzrichtlinie