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KRITIK: Half A Sixpence, Noel Coward Theatre ✭✭✭✭
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Von
julianeaves
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Half A Sixpence
Noel Coward Theatre
14. November 2016
4 Sterne
H. G. Wells ist einer der großen Mythenerzähler der Moderne, und seine Candide-ähnliche Geschichte von einem Waisenhelden, ungleichen Liebenden, plötzlichem Reichtum und einer ebenso unerwarteten Rückkehr in die Armut – alles unter dem Regiment eines willkürlichen und launischen Schicksals – gehört zu den Kronjuwelen seines Vermächtnisses an Archetypen, mit denen er die Welt beschreibt, die wir kennen. Arthur Kipps, der Protagonist dieser warnenden Erzählung über die Macht des Geldes, ist eine ausgesprochen beliebte Figur und hat Bühnen- wie Filmadaptionen im Grunde seit seinem ersten Auftreten 1905 in den Bann gezogen. Am nachhaltigsten hat sich jedoch die 1963 für Tommy Steele geschriebene Fassung, voll großartiger Songs von David Heneker (der selbst nur ein Jahr nach der Erstveröffentlichung der Geschichte geboren wurde), in die kollektive Vorstellung eingebrannt – und über diese Version finden die aktuellen Bearbeiter ihren Weg zurück zu Wells’ Fabel.
Wer Glamour liebt, wird dieser Inszenierung – ausgestattet von Paul Brown – kaum widerstehen können. Das elegante Musikpavillon-Bühnenbild mit doppelter Drehbühne beherbergt eine Parade spätester edwardianischer Mode, die wirkt, als sei sie direkt den Seiten des Yellow Book entsprungen. Elfenbein dominiert den ersten Akt; der zweite beginnt mit einem atemberaubenden Auftakt in prachtvollem Gelb und Schwarz, das an Toledo-Stahl oder an den Salon von Sir John Soanes’ Haus erinnert. Paule Constable beleuchtet das Ganze so, dass die Kostüme optimal zur Geltung kommen: Im Theater jener Zeit ging man aus, um die neuesten Schnitte zu sehen – und hier wird nicht gespart.
Rachel Kavanaghs leichte, quecksilbrige Regie nimmt davon offenbar ihren Ausgang: Das Leben aller ist eine Aufführung, ein Spektakel – selbst wenn man nur Hochzeitsfotos macht oder mit einem neuartigen Motorrad zur Feier hereinschneit. Die Bildsprache, die jede Figur wählt, ist ein entscheidender, vielleicht der entscheidendste Bestandteil ihrer Persönlichkeit. Nirgends wird das deutlicher als bei der Hauptrolle: Newcomer Charlie Stemp verwandelt sich – ganz im Sinne von Sartor Resartus – direkt am Arbeitsplatz vom Lehrling im Tuchhandel zum Herrn von Stand und Vermögen. Die schäbige Arbeitskleidung fliegt, ein schickes, wenn auch ziemlich auffälliges kariertes Sakko, eine cremefarbene Weste und ein nagelneues Paar Schuhe kommen zum Vorschein. Um ihn herum bleibt das übrige Personal unverändert, während er nun darauf besteht, vom herrischen Besitzer – seinem einstigen Arbeitgeber – mit „Sir“ angesprochen zu werden, der sichtlich zusammensackt, als der unerbittliche Gesellschaftskodex schwer auf ihm lastet. Unter dem ausgelassenen Traum dieser Geschichte ist die raue Realität nie weit.
Henekers Partitur – das letzte britische Musical, das noch vor dem Anbruch einer völlig anderen Welt von „Evita“ und „Cats“ (1965) erfolgreich an den Broadway wechselte – pumpt diese Geschichte voller melodischer Schönheit und lyrischer Einfälle: Alles klingt klug, kultiviert, warm und zugewandt. Das meiste von dem, was er schrieb, ist hier enthalten; doch die neuen Autoren, George Stiles und Anthony Drewe, haben die Nummern so überarbeitet, dass sie zu einem weitgehend neuen Buch von Julian Fellowes passen: Die Handlung bleibt im Großen und Ganzen gleich, aber es gibt deutlich mehr von dem, was Arnold Bennett Wells’ „erbitterte Feindseligkeit“ gegenüber allen Figuren außer Kipps nannte. Gott sei Dank. Genau das brauchen ältere Musicals oft – und bekommen es so selten: Bücher, die zeitgemäßer zu heutigen Sehgewohnheiten passen. Der Biss der dunkleren Motive so vieler Figuren – ob bewusst oder unbewusst – verleiht dem Stück erheblich mehr Reiz und zügelt seine Süße mit kluger, erdiger Bodenhaftung.
Stiles und Drewe steuern außerdem acht völlig neue Songs bei, darunter den grandiosen Ragtime-Hit „Pick Out A Simple Tune“. Allerdings müsste man schon sehr genau hinhören, um zu erkennen, welche Nummern von ihnen stammen – so nahtlos fügen sie sich in das wiederverwendete Material ein. Mir persönlich fehlte „Efficiency“, das die Überarbeitung nicht überlebt hat, doch die neue Nummer, die es ersetzt, „Look Alive“, bringt in den frühen Plot-Abschnitten deutlich mehr Tempo und Schwung – mit einem größeren Gefühl von, nun ja, Effizienz. Das ist bezeichnend: Alle getroffenen Entscheidungen dienen dem Erzählen der Geschichte.
Beim Casting hat man entschieden, einen Branchenanfänger ins Zentrum dieses anspruchsvollen Abends zu stellen: Er muss singen und trägt – oft allein – 20 der 23 Musicalnummern. Er ist sehr jung, ein beeindruckend athletischer Tänzer und hat eine angenehme Stimme. Seine beiden Mädchen – die Arbeiterklasse-Ann (Devon-Elise Johnson) und die reiche Helen (Emma Williams) – sind schön kontrastiert. Vivien Parry hat sichtbaren Spaß als Helens energische Mutter, und Jane How gibt eine formidable Lady Punnet (die Maggie-Smith-ähnliche Figur – Fans von Mr Fellowes’ immens erfolgreicher TV-Arbeit werden sich mit dieser Produktion sofort zuhause fühlen). Gerard Carey macht aus Kipps’ unterschlagendem, angeheiratetem Möchtegern-Bruder einen angenehm schaurigen Schurken und legt dann noch als „camp as Christmas“ wirkender Hochzeitsfotograf nach (in „dieser“ Nummer!).
Alex Hope setzt als Sozialist Sid Pornick einen markanten Akzent, und Bethany Huckle ist eine hinreißend spritzige Flo. Außerdem gibt es einen starken West-End-Auftritt von Ian Bartholomew als Chitterlow (zuletzt war er in genau diesem Theater in „Mrs Henderson Presents“ zu sehen). Mit voller Stärke von 24 sorgt das Ensemble für einen herrlich wirkungsvollen Klang.
Choreograf Andrew Wright ist ein bewährter Kavanagh-Kollaborateur, und ihre Arbeit greift wunderbar ineinander. Tanz ist natürlich ein zentrales Element des brillanten Musicalfilms von 1967, doch hier gibt es keine langen choreografierten Sequenzen: Bewegung steht im Dienst der Erzählung. Wenn dann „Flash, Bang, Wallop!“ kommt, werden viele im Publikum die cleveren Lyrics womöglich zum ersten Mal wirklich hören – und es ausgesprochen genießen, wie pointiert sie in Kavanaghs und Wrights kluger Inszenierung dieses Showstoppers vorgetragen werden. Und über allem spielt die Blech- und Holzbläser-Band zu zwölft – für einen Musikpavillon genau richtig – spritzige Orchestrierungen von William David Brohn (und Tom Kelly), einschließlich Tanz- und Gesangsarrangements von Stiles selbst, unter der sicheren Leitung von Graham Hurman (musikalische Supervision: Stephen Brooker). Der Sound von Mick Potter scheint die hohen Frequenzen zu bevorzugen und wirkt nah und etwas nach vorn gemischt.
Alles in allem ist diese Zusammenarbeit zwischen dem Chichester Festival Theatre und Cameron Mackintosh eine prachtvoll aussehende Wiederaufnahme einer geliebten klassischen Geschichte: ein frischer Blick auf eine der großartigsten britischen Musicalpartituren überhaupt – und zugleich durchzogen von viel feiner neuer Schreibarbeit einiger der erfahrensten Kreativen der Branche. Eine Freude.
Fotos: Manual Harlan
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